Corona-Krise

Corona in Berlin: Pankows Bürgermeister will Kurz-Lockdown

Zu wenig Kontrolle über Corona-Infektionen: Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn schlägt zweiwöchigen Lockdown im November vor.

Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn befürwortet eine neue Strategie in der Corona-Krise.

Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn befürwortet eine neue Strategie in der Corona-Krise.

Foto: Thomas Schubert

Berlin.  Kaum ein Tag vergeht mehr in Berlin, an dem die Senatsgesundheitsverwaltung weniger als 500 Neuinfektionen mit dem Coronavirus meldet. Die zweite Welle der Pandemie bringt neue Einschränkungen für Feiern, Nachtleben und Familientreffen. Zugleich müssen erste Gesundheitsämter bei der Kontaktnachverfolgung aufgeben. Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) schlägt nun eine neue Maßnahme vor, um die Spirale aus steigenden Corona-Fallzahlen und Überforderung zu durchbrechen: einen gezielten Lockdown im November.

Es gehe darum, das öffentliche Leben „prophylaktischen, gezielt und zeitlich klar begrenzt“ herunterzufahren, um die Infektionszahlen einzudämmen, sagt Benn. „Solange ein Lockdown als Katastrophe und Drohkulisse anstatt als Instrument markiert wird, kommen wir um einen ungeplanten langen wohl kaum vorbei“, schreibt Benn bei Twitter. Der würde dann womöglich an Weihnachten eintreten. Ein „zweiwöchiger gezielter und kontrollierter Lockdown“ schon im November hingegen würde mehr nutzen als schaden.

Corona-Lockdown im November: „Rückgang des gesellschaftlichen Verkehrs“

Wie weitreichend dieser Lockdown für Berlin ausfallen soll, das zu bestimmen, will sich der Rathauschef des einwohnerstärksten Bezirks nicht anmaßen zu bestimmen. Er verweist auf aktuelle Warnungen von Virologen, die ein ungebremste Infektionslage befürchten. „Da gibt es sicher viel zu bedenken und abzuwägen. Aber er sollte zu einem deutlichen Rückgang des gesellschaftlichen Verkehrs führen“, meint Benn.

Auf Anfrage der Morgenpost zur Gestaltung des möglichen kurzen Lockdowns schreibt Pankows Bürgermeister: „Auf jeden Fall dürfte ein solcher Lockdown nicht überkomplex angelegt sein, aber auch nicht maßlos überzogen. Er sollte ausreichenden Vorlauf haben, so dass alle sich darauf vorbereiten und entscheiden können, wo, wie und mit wem sie die Zeit verbringen wollen. So wäre es ja vorstellbar, dass Kinder mit Großeltern in den Lockdown gehen oder Alleinlebende mit Freunden. Wenn das dann für zwei Wochen gilt, wäre das kein ernsthaftes Problem im Sinne des Brechens der Infektionswelle.“

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach hält Möglichkeit für interessant

Für Schulen und Kitas schlägt Benn ein flexibles Vorgehen vor und schreibt: „Wer kann, sollte seine Kinder aus den Einrichtungen nehmen dürfen. Das wird dann sicher dazu führen, dass nicht mehr fünf Tage Beschulung und Betreuung in der Einrichtung geht. Eine vollständige Schließung muss aber vielleicht nicht sein. Aber auch da bin ich sicher nicht der Fachmensch, das abschließend zu beurteilen.“ Zum besseren Schutz der Corona-Risikogruppen empfiehlt Benn einen Blick in ein Nachbarland: „In Polen gibt es Timeslots für einzelne Generationen beim Einkaufen. Das müsste man sich genauer anschauen.“

Benn hatte bereits während des ersten großen Lockdowns im Frühjahr gewarnt, dass die kritischste Welle von Corona-Erkrankungen in Berlin erst noch bevorstehe.

Die Idee, Lockdowns als „Wellenbrecher“ einzusetzen, haben vor wenigen Tagen Wissenschaftler in England ins Spiel gebracht. Diese Strategie sieht vor, das öffentliche Leben systematisch und bei Bedarf wiederholt herunterzufahren, sobald ein kritisches Maß bei Covid-19 Infektionen erreicht wird. In solchen Phasen soll der Lockdown nach dem Prinzip eines „Überlastschalters“ funktionieren, um die Lage zu stabilisieren.

Nachdem der Virologe Christian Drosten auf diese Möglichkeit hingewiesen hatte, zeigte sich zum Beispiel der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach offen für die Idee. „Studie ist interessant, auch für uns. Weil mit systematischen Kurz-Shutdowns die Unterbrechung eines exponentiellen Wachstums gelingen könnte, bei gleichzeitiger Minimierung der ökonomischen und schulischen Kosten“, schrieb Lauterbach bei Twitter.

Kurzer Lockdown soll Einschränkungen zu Weihnachten verhindern

In Berlin greift nun Pankows Bürgermeister Benn diesen Vorschlag auf – der aber nicht nur speziell für Berlin geprüft werden sollte, wie der Linken-Politiker betont. „Nirgends in Deutschland ist derzeit beobachtbar, dass die getroffenen Maßnahmen das Infektionsgeschehen ausbremsen.“ Als Bezirk werden man definitiv keinen Alleingang machen. „Wir setzen um, was das Land Berlin festlegt. Alle Maßnahmen müssen immer für die Gesamtstadt gelten“, betont Benn. Wenn man jetzt die Kontakte herunterfahre, eröffne das bessere Chancen auf Festtage mit der Familie: „Für viele Menschen wäre es die finale Katastrophe des Jahres 2020, wenn wir Weihnachten in einem Notlockdown festhängen, besonders jene Bevölkerungsteile, für die dieses Fest emotional wichtig ist.“