Pankow

Schachschüler - Wenn der Turm den König schützt

Die Dreieins-Grundschule in Pankow ist die Hochburg im Berliner Schulschach. Ein Besuch bei den Nachwuchsstars.

Schachschüler vom TSG Oberschöneweide: Karl Gersemann, Duc Ank Bui, Adrian Schucht, Katharina Neurohr, Khoi Vu und Khoi Bach Nguyen (v.L.).

Schachschüler vom TSG Oberschöneweide: Karl Gersemann, Duc Ank Bui, Adrian Schucht, Katharina Neurohr, Khoi Vu und Khoi Bach Nguyen (v.L.).

Foto: Maurizio Gambarini / FUNKE Foto Services

Berlin. Katharina Neurohr hat einen großen Traum: Die Neunjährige will Schachweltmeisterin werden. Mit ein bisschen Anstrengung könnte sie es sogar schaffen, denn eines steht fest: Das Talent dafür hat sie. Mindestens fünf Stunden in der Woche trainiert die Viertklässlerin neben der Schach-AG an der Dreieins-Grundschule in Pankow auch im Verein des TSG Oberschöneweide. Im vergangenen Jahr hat sich das viele Training bezahlbar gemacht und sie wurde zusammen mit ihrer Mannschaft Deutsche Schulschachmeister. „Die Kinder sind wirklich sehr talentiert und gehören mit zu den besten des Landes“, sagt ihr Schachlehrer Ralf Reiser stolz.

In der Schul-Vitrine ist kein Platz mehr für die Trophäen

Das sechste Mal in Folge nehmen die Schüler der Dreieins-Grundschule bereits an den Deutschen Schulschachmeisterschaften teil. Seit fünf Jahren sind sie ungeschlagener Berliner Meister – die Qualifikation für die bundesweiten Meisterschaften. Im Jahr 2018 erzielten sie hier den vierten Platz, 2019 wurden sie Meister, 2020 Vize-Meister, wobei das Turnier dieses Jahr wegen Corona unter besonderen Umständen stattfand – nämlich online. Zudem ist der Wanderpokal der Schacholympiade der Kreativitätsgrundschulen seit insgesamt sechs Jahren – ohne Unterbrechung – in ihrem Besitz. Hinzu kommen noch zahlreiche Medaillen und Pokale von weiteren Einzelturnieren. In der Vitrine am Schuleingang ist nicht mehr genug Platz für die vielen Trophäen.

Ralf Reiser, der Schachlehrer, ist sichtlich stolz, so viele Ausnahmetalente gefunden zu haben. Insgesamt besteht seine Schach-AG aus rund 30 Schülern der Schule, die zehn besten trainieren zudem auch gemeinsam im Verein des TSG Oberschöneweide.

Wenn das Opfern einer Figur einen Vorteil verschafft

Ein außergewöhnliches Talent unter ihnen ist Karl Gersemann. Der Sechsjährige spielt Schach, seitdem er fünf Jahre alt ist. Karl ist Deutscher Meister der U7. „Beigebracht hat mir das mein Vater“, sagt er. Am meisten Spaß mache ihm beim Schachspielen, wenn man mit „Opfern“ seinen Gegner schachmatt setzt. „Das bedeutet, wenn man durch das Opfern einer Figur anschließend in einen Vorteil gelangt“, erklärt er. In der Schach-Historie haben einige gute und erfolgreiche Spieler diese Taktik genutzt, wie der lettisch-sowjetische Schachgroßmeister Michail Tal, wissen die Schüler aus dem Stehgreif.

Gemeinsam sitzen sie nun, wie jeden Mittwoch und Freitag, nach dem regulären Unterricht im Schachraum gespannt vor ihren Brettern. Sie sind hochkonzentriert, überlegen ganz genau ihren nächsten Zug. Es ist mucksmäuschenstill, einzig das Klacken der Uhren ist zu hören, wenn die Spieler den Schalter nach ihrem Zug drücken, um die Zeit zu stoppen. „Sie denken schon um die vier Züge im Voraus“, erklärt Lehrer Reiser. Das fordere eine Menge Konzentration von den Kindern ab, aber die sind mittlerweile gut trainiert.

Mathilde Herdrich und Nadira Enste (beide 9) fangen gerade ihre Partie an. „Es gibt verschiedene Möglichkeiten rauszukommen, eine ist die italienische Eröffnung“, erklärt Nadira. „Wichtig ist, alle Figuren zu Beginn schnell ins Zentrum zu bringen“, fügt Mathilde hinzu. Und dann gebe es da noch die Rochade, bei der der Turm und der König einer Farbe bewegt werden, um den letzteren zu schützen. Die Mädchen sind in ihrem Element.

Nachdem die Schüler eine Runde spielen durften, steht normalerweise Theorie auf dem Plan. Dafür haben sie eine Art großes Schachbrett an der Tafel hängen, auf dem Lehrer Reiser unterschiedliche Züge zeigen kann und die Schüler sich im Kopf Lösungen überlegen müssen. „Schach hilft enorm, das Gedächtnis zu trainieren und fördert das logische Denken“, so Reiser.

Der Teamgeist steht an oberster Stelle

Neben den wöchentlichen Übungsstunden und den Wettkämpfen fährt die Mannschaft auch hin und wieder gemeinsam ins Trainingslager in eine Pension in Ullersdorf. Gerade waren sie wieder für drei Tage dort, berichtet Reiser. Vormittags haben sie Schach gespielt, nachmittags konnten sich die Kinder bei anderen Freizeitaktivitäten wie etwa Fußball austoben. Auch wenn beim Schach am Ende jeder für sich alleine spielt, steht der Teamgeist hier an oberster Stelle. „Das war uns auch schon immer sehr wichtig“, so Reiser. Die meisten der Kinder sind miteinander gut befreundet. Auf die Frage, was ihnen am Schachspielen am meisten Spaß mache, antworten sie einhellig, dass ihre Freunde auch spielen, dass es sehr strategisch sei – und dass es eben einfach Spaß mache.

Katharina, die Schachweltmeisterin werden möchte, wurde vor mittlerweile zwei Jahren von einem Freund in die Schach-AG geholt. „Mir hat das sofort sehr gut gefallen und Spaß gemacht, also bin ich geblieben“, sagt sie. Schachspielen mache ihr sogar so viel Spaß, dass sie fünf Apps auf ihrem Handy hat, damit sie auch zu Hause alleine spielen kann.