Großprojekt in Pankow

3000 Wohnungen hinter 30 Metern Grün: Kompromiss für Karow

In einem idyllischen Teil von Pankow streiten Anwohner und Planer über ein Großprojekt. Ein alter Fehler soll sich nicht wiederholen.

Grüne Übergänge zwischen alten und neuen Stadtgebieten: Die heutigen Einfamilienhäuser im Pankower Stadtteil Karow sollen vom Neubaugebiet (links) unbeeinträchtigt bleiben.

Grüne Übergänge zwischen alten und neuen Stadtgebieten: Die heutigen Einfamilienhäuser im Pankower Stadtteil Karow sollen vom Neubaugebiet (links) unbeeinträchtigt bleiben.

Foto: Gesobau / Bezirksamt Pankow

Berlin. Nicht die Michelangelostraße, nicht der Blankenburger Süden – ein dreigeteiltes Großprojekt mit 3000 Wohnungen in Karow entwickelt sich zum umfangreichsten Pankower Wohnungsbauvorhaben in diesem Jahrzehnt. Während die genannten beiden Projekte nicht mehr vor 2030 zum Baubeginn kommen, zeigt der Zeitstrahl des Bezirksamts für die drei Baufelder in Karow Süd, Teichberg und Straße 52 einen Start in fünf Jahren an. Umso dringender braucht es jetzt einen Kompromiss mit einer Anwohnerinitiative, die gegen Hochhäuser und eine aus ihrer Sicht viel zu starke Verkehrsbelastung protestiert. Immerhin hatte das Bündnis „Wir sind Karower und Berliner“ für einen Bürgerantrag zur Abänderung der jetzigen Rahmenplanung eine Zahl von Unterschriften gesammelt, die jene der Wohnungen noch übertrifft.

Bei der Befriedung der Gruppe sollten in den vergangenen Monaten Gespräche helfen. In kleiner Runde wollte das Bezirksamt Pankow die im Antrag ausgedrückten Sorgen vor einer massiven, ortsunüblichen Bauweise, einer Belastung der Gegend durch Schichtenwasser und einer fehlenden Verkehrslösung ausräumen. Im Vordergrund stand zuletzt immer wieder der erste Punkt. Und die Frage: Wie soll das Bezirksamt Neu-Karow planen lassen, ohne das alte Karow, geprägt von Einfamilienhäusern und Gärten, mit der schieren Masse an Wohnungen zu erdrücken? Die Antwort lautet nun: Ein grüner Gürtel soll her. Eine Art neutrale Zone zwischen dem heutigen Ortskern und den Neubaukiezen mit einer Breite von 30 Metern. Wobei es aus Sicht der Initiative noch etwas mehr werden sollte als das.

Anwohner hatten einen 50 Meter breiten Grüngürtel verlangt

„Wir hatten eigentlich 50 Meter gefordert“, sagt Sprecherin Elke Großmann. Trotzdem habe das Bezirksamt Pankow mit Zugeständnissen bei der Baumasse diesen Punkt des Einwohnerantrag nun genügend erfüllt. Gerald Leue vom Stadtentwicklungsamt nennt die weiteren Maßnahmen zur Verringerung der wohnungsbaupolitischen Wucht: Hinter dem begrünten Gürtel vor den Erweiterungsgebieten sollen die ersten neuen Häuserzeilen nicht höher sein als zwei Geschosse plus Dachgeschoss. Dahinter will man es im Wesentlichen bei vier Geschossen plus Dachwohnungen belassen. Beim Problem mit der mangelnden Versickerung von Regenwasser im Boden besteht die Einigung darin, dass sich die heutige Belastung nicht weiter verschlechtern soll. Und die Frage nach der Anbindung werde durch ein Verkehrskonzept für den Berliner Nordostraum des Senats geklärt, sagt Leue. „Wir haben uns bemüht, so viel wie möglich aus dem Bürgerantrag mitzunehmen.“

Besonders kritisch hatte Pankows CDU-Fraktion die bisherigen Planungen hinterfragt. Und gemeinsam mit anderen Kräften der Bezirksverordnetenversammlung ein Simulationsbild gefordert. Damit sich Normalbürger die Dichte besser vorstellen können. Nach monatelangen Beratungen mit der städtischen Gesellschaft Gesobau, die in Karow im großen Stil bezahlbaren Wohnraum schaffen will, liegen nun Ergebnisse vor. Zu sehen sind flache, vorstädtische Wohnhäuser mit dem vorgelagerten Grüngürtel. Und dahinter Schemen von höheren Gebäuden, die auf den Bildern vage bleiben.

Keine Hochhäuser für Neubaugebiete in Karow

Zu vage aus Sicht von Kraft. „Die Bilder zeigen nur einen sehr kleinen Ausschnitt. Was interessant ist, liegt am Horizont. Das können wir in Höhe und Dichte nicht einschätzen“, sagt der Christdemokrat. Eigentlich sei eine Ansicht aus der Vogelperspektive gefragt gewesen. Damit habe das Bezirksamt Pankow das Ziel verfehlt, meint Kraft, der befürchtet, dass sich am Horizont noch so manches unerwünschte Hochhaus versteckt. Tatsächlich war bei früheren Präsentationen des Bezirksamts die Rede davon, dass es auch bis zu acht Geschosse hoch gehen kann. Damit sich das Großprojekt trotz der versprochenen günstigen Mieten für Bauherren wie die Gesobau überhaupt rentiert.

„Das war ein Missverständnis“, gibt Leue mit Blick auf undeutliche Schaubilder zu. Andererseits sind private Bauträger, die ebenfalls zum Zug kommen, ohnehin nicht bereit, Bilder zu liefern, bevor Ergebnisse von städtebaulichen Wettbewerben vorliegen. Neben diesem „Qualifizierungsverfahren“ für Neu-Karow gilt es bis zum erhofften Baustart 2025 noch weitere Hürden zu meistern – darunter Untersuchungen zu Biotop- und Artenschutz, zu Immissionen und Mobilität.

Pankows Bezirkspolitiker lehnen Turmbahnhof Karow ab

Letztere bleibt nach der Schlichtung beim Thema Baumasse der wunde Punkt der Planung – nicht nur für dieses Zukunftsquartier in Pankow. Als Lösung zur Anbindung von 3000 Wohnungen für Karow bringt der Senat den seit vielen Jahren geplanten Turmbahnhof Karower Kreuz ins Spiel. Dieser Verkehrsknoten stößt bei Pankows Bezirkspolitikern aber auf strikte Ablehnung, schon weil er zu weit von den besagten Neubaugebieten entfernt liegen würde, und der kleine Nutzen die hohen Baukosten nicht rechtfertige. „Ein S-Bahnhof Karower Kreuz wird keine Erschließungsfunktion für Neubauflächen haben. Diese Chimäre muss entfernt werden“, sagt etwa Wolfram Kempe (Linke), der Vorsitzende des Pankower Verkehrsausschusses.

Auch SPD-Fraktionschef Roland Schröder verlangt vom Bezirksamt Pankow, die Pläne des Senats für den Turmbahnhof nicht mitzutragen. Bis diese Station ans Netz gehen könne, vergehe ohnehin zu viel Zeit. „Dann sind wir in der Mitte der 2030er-Jahre, wenn es schnell geht für Berliner Verhältnisse“, sagt Schröder mit Blick auf die letzten Planungsergebnisse. Eigentlich gilt in den Debatten zwischen Pankows Bezirkspolitikern und Anwohnerinitiativen ein Grundsatz: Die Verkehrserschließung soll fertig sein, bevor neue Wohnquartiere bezugsfertig werden.

So wächst in Karow die Angst, dass sich ein Planungsfehler wiederholt: In den 1990er-Jahren entstand mit Karow-Nord schon einmal ein neuer Stadtteil, der nur von einem Kiezbus erschlossen wird und Anwohner zum Autofahren zwingt. Dementsprechend überlastet sind heute die Straßen. „Wir brauchen verdammt noch mal eine Lösung für den Nordost-Raum“, fordert Elke Großmann. Es könne nicht sein, dass man noch einmal 3000 Wohnungen plane – und noch einmal aufs Auto setze.