Demonstration mit Babys

100 Prozent mehr Miete: Pankower Hebammen-Haus vor dem Aus

Nach einem Eigentümerwechsel droht dem Geburtshaus Maja der Rauswurf. Ein Vorkauf des Gebäudes war aus Personalmangel gescheitert.

Ein sicherer Hafen für Mütter in Gefahr: Felicia Uhlig und Vanessa Böhm kämpfen für den Erhalt des gekündigten Geburtshauses in Prenzlauer Berg. Tausende Kinder kamen in den Zimmern zur Welt.

Ein sicherer Hafen für Mütter in Gefahr: Felicia Uhlig und Vanessa Böhm kämpfen für den Erhalt des gekündigten Geburtshauses in Prenzlauer Berg. Tausende Kinder kamen in den Zimmern zur Welt.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Es geht um die Wiege des Kiezes. Den Ort, an dem jährlich bis zu 200 Mütter ihr Neugeborenes zum ersten Mal in die Arme schließen. Aber mit dem ersten Schrei im Erdgeschoss eines Altbaus in Prenzlauer Berg ist es wohl bald vorbei. Eine Kündigung für das Geburtshaus Maja am Arnimplatz bedeutet das Aus zum Jahresende – falls sich bei Verhandlungen nicht doch noch eine Lösung mit dem neuen Eigentümer des Hauses findet. Davon ist man laut Geschäftsleiterin Vanessa Böhm aber weit entfernt. Denn die Münchner Immobilienfirma fordert weitaus mehr Geld, als die kleine Hebammen-Gemeinschaft bezahlen kann. „Wir haben ein Angebot für einen neuen Vertrag vorliegen, bei dem die Miete um 100 Prozent angehoben werden soll“, erzählt Böhm. Danach steige der Preis in Staffeln weiterhin um drei Prozent pro Jahr.

Für die sieben Geburtshelferinnen, die Pankows Müttern eine Möglichkeit bieten wollen, jenseits von Kreißsälen selbstbestimmt zu gebären, sei das kaum zu leisten. „Denn die Krankenkassen zahlen für Geburten weiter die gleichen Fallpauschalen, auch wenn unsere Miete steigt“, beschreibt Böhm die Miesere. Damit müssten sich also die Hebammen die Mietsteigerung für das Maja vom Gehalt absparen. Obwohl der Beruf den Frauen immer höhere Verantwortung abverlangt. So sehen die Betreiber des Geburtshauses nur noch einen Ausweg.

Geburtshaus Maja ruft zur Demonstration mit Babys auf

Sie ziehen am kommenden Donnerstag, 3. September, ab 18 Uhr zu einer Protestkundgebung auf die Straße. Und fordern auf dem Arnimplatz an der Seite von jungen Müttern mit ihren Babys politische Unterstützung für den Erhalt eines der ältesten Projekte dieser Art in Deutschland. Nach fast 30 Jahren stehen in den ledernen Geburtenbüchern von Maja die Namen von über 4500 Kindern. Dass es nach jetzigem Stand nicht viel mehr werden, liegt womöglich auch daran, dass ein Rettungsversuch des Bezirksamts Pankow misslang.

Beim Eigentümerwechsel der Immobilie wollte das Bezirksamt Pankow das Vorkaufsrecht ausüben, das Haus in landeseigenen Besitz bringen und Bewohner so vor starken Mieterhöhungen und Kündigungen schützen. Doch in einem Schreiben erhielt das Geburtshaus Maja im März nur die Entschuldigung dafür, dass der Vorkauf gescheitert war. Mit einer Begründung, die Hebammen aufhorchen ließ:

Personalmangel in der zuständigen Abteilung, geführt von Stadtrat Vollrad Kuhn (Grüne). In einem Schreiben des Fachbereichsleiters heißt es, dass man den Verkehrswert des Hauses an der Ecke Schönfließer Straße und Paul-Robeson-Straße aus personellen Gründen nicht ermitteln konnte – eigentlich ein routinemäßiger Vorgang bei einem Vorkauf. Auch die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und ein externes Büro seien nicht in der Lage gewesen, dem Bezirksamt Pankow zu helfen. So verstrich die gesetzliche Frist, der neue Eigentümer kaufte das Haus. Und nutzte die vertragliche Möglichkeit, dem Geburtshaus im Erdgeschoss zu kündigen. Ganz legal.

Pankow sieht Hebammen-Haus als Entlastung für Krankenhäuser

Nun versucht Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke), die Immobilienfirma von einer Lösung des Konflikts zu überzeugen. Sein Brief nach München blieb bislang allerdings ohne Antwort. „Das Bezirksamt kann das Geburtshaus insoweit unterstützen, als dass es sich gegenüber dem Vermieter für einen verträglichen Mietvertrag einsetzt und als Gesprächspartner zur Verfügung stellt“, sagt Benn zu seinen Bemühungen. Man habe die „Bedeutung des Geburtshauses als unverzichtbaren Teil der Grundversorgung im Bereich der Geburtshilfe“ betont und hoffe auf ein Entgegenkommen. Aus Sicht des Pankower Rathauschefs tragen solche Projekte zur Entlastung von Krankenhäusern bei.

Wenn der Kampf um das Geburtshaus vergebens sein sollte, will der Bezirksbürgermeister dabei helfen, einen Ersatzstandort zu finden. „Mittel- und langfristig bieten öffentliche oder genossenschaftliche Partner sicher eine bessere Basis für die Arbeit des Geburtshauses“, sagt Benn. Tatsächlich hatte Wirtschaftssenatorin Ramona Pop (Grüne) vor kurzem angekündigt, landeseigenen Wohnungsunternehmen zur Schaffung von Gewerbeflächen zu ermuntern. So versucht Berlin mit eigenen Beständen, steigenden Gewerbemieten entgegenwirken, nachdem die Forderungen, Gewerbemieten gesetzlich zu regulieren, im Bundesrat kein Gehör fanden.

Gewerbemieten steigen vor allem in Prenzlauer Berg

Immer wieder werden in Prenzlauer Berg Fälle bekannt, in denen steigende Gewerbemieten kleine Betriebe zur Aufgabe zwingen. Zuletzt verließ die renommierte Schokomanufaktur Wohlfahrth ihren Laden im Kiez am Mauerpark nach einer Mietsteigerung von 75 Prozent in Richtung Gesundbrunnen. Selbst das Bezirksamt Pankow musste um einen Freizeittreff am Kollwitzplatz zittern, konnte sich aber im letzten Moment mit dem Eigentümer einigen. Der hatte die Miete zunächst mehr als verdoppeln wollen, dann aber doch noch nachgegeben.

Im Geburtshaus Maja hoffen die Hebammen nun auf eine ähnliche Fügung. Ein Kompromissangebot, im Rahmen der eigenen Möglichkeiten mehr Miete zu zahlen, habe die Eigentümerfirma bisher ignoriert, heißt es. Und wenn Prenzlauer Berg die Einrichtung nach drei Jahrzehnten verlieren sollte? Dann gehe das zulasten von schwangeren Frauen, befürchtet Mitarbeiterin Felicia Uhlig. „Wir haben einen massiven Hebammenmangel in Berlin. Frauen müssen sich schon mit einem positiven Schwangerschaftstest melden“, beschreibt sie den Engpass bei der Versorgung. Gut möglich, dass bei der Demonstration am Donnerstag nicht nur Frauen mit Babys protestieren werden, sondern auch solche mit rundem Bauch.