Demonstration

Viel Lärm ums Kino Colosseum – aber keine Lösung

Von Thomas Schubert
Lesedauer: 6 Minuten

Mit Maske und Superkräften: Betriebsrat Martin Rathke und Filmheldin Ruth kämpfen an der Seite von Hunderten Unterstützern für die Wiedereröffnung des Kino Colosseum.

Foto: Thomas Schubert

Unterstützer des Pankower Traditionskinos ziehen erneut durch Prenzlauer Berg. Doch die Wiedereröffnung rückt in weite Ferne.

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Berlin. Erst legten sie Trauerkränze ab wie für einen Toten. Im nächsten Moment schmiedeten die Mitarbeiter des Kinos Colosseum Pläne zur Wiederbelebung des insolventen Filmpalasts. Aber die Kluft zwischen ihnen und den Erben des verstorbenen Eigentümers Artur Brauners, sie zog sich in den sechs Wochen seit der Schließung nur noch tiefer.

Umso lauter trommeln Betriebsrat Martin Rathke und die anderen 43 freigesetzten Bediensteten jetzt zum Protest. Es ist ein weiterer Donnerstagabend, an dem der heiße Wind an der Ecke Schönhauser Allee und Gleimstraße Protestbanner bläht.

Jede Woche, zur selben Zeit das selbe Schauspiel vor den verrammelten Türen des Hauses: Die Initiative zur Rettung des Kinos Colosseums nimmt die Straßenecke in Besitz, sammelt Unterschriften für erneute Filmvorführungen und die Übernahme des Hauses durch eine selbst gegründete Genossenschaft. Während Insolvenzverwalter Sebastian Laboga als Vertreter der Kino-Erben einen wirtschaftlichen Betrieb nicht einmal ansatzweise für denkbar hält.

Nun, da die Verhandlungswünsche über die Zukunft des fast 100 Jahren Kulturorts von den Brauner-Erben ungehört bleiben, ziehen wieder Hunderte Demonstranten durch Prenzlauer Berg. Es ist die zweite große Kundgebung seit der „Totenfeier“ am 2. Juli.

Verdi: Öffnung des Kinos Colosseum „in ein paar Tagen“

„Wir möchten weiter Kino machen. Und deswegen sind Gespräche nötig“, ruft Betriebsrat Rathke. Außer einem kurzen Schreiben der gegnerischen Anwälte habe es aber bislang keine Reaktion gegeben. Vor dem Rednerpult sind derweil empörte Filmfiguren zum Leben erwacht.

Superwoman Ruth ballt kriegerisch die Faust, eine andere Dame stapft kostümiert als Tyrannosaurus über den Platz. Es gilt Maskenpflicht – Corona-Leugner, ruft Rathke, sollen der Veranstaltung gefälligst fern bleiben.

Eine These der Gewerkschaft Verdi, die mit Betriebsrat des Kinos zum Protest bläst: Mit den nun gelockerten Abstandsregeln für die Berliner Filmhäuser kann ein Neustart wieder gelingen. Binnen „ein paar Tagen“, lasse sich das Colosseum wieder hochfahren, meint Verdi-Gewerkschafter Jörg Reichel.

Insolvenzverwalter Laboga ist völlig anderer Ansicht und lässt mitteilen: „Auch mit den neuen Abstandsregeln sind die Sitzplatzkapazitäten von Kinos unverändert deutlich verringert, genauer gesagt um die Hälfte. Zudem ändern diese neuen Regelungen nichts daran, dass es keine Filme gibt, mit denen nennenswerter Umsatz erwirtschaftet werden kann. Eine Fortführung des Geschäftsbetriebs ist deshalb aus wirtschaftlichen Gründen unverändert unmöglich.“

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Zum jetzigen Zeitpunkt sei „auf absehbare Zeit nicht im Entferntesten daran zu denken“, lehnt Laboga die Konzepte der Kino-Mitarbeiter ab. Statt um Filmvorführungen soll es darum gehen, die Verhandlungen für den Sozialplan zu beginnen.

Aber auch dieses Vorhaben liegt Betriebsrat Rathke auf Eis – in den Ferien habe sich kein Verhandlungstermin ergeben. Doch verhandeln muss man. Das glaubt auch der SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Mindrup. „Wer Corona als Grund nimmt, um einen Ort der Kultur zu beseitigen, sollte damit rechnen, dass er Kritik hört“, sagt er bei seiner Rede in Richtung der Kino-Erben, die dem Spektakel fern geblieben sind. Beerdigungsszenen und Schweigeminuten für das tote Kino seien verfrüht, ruft dann Abgeordnetenkollege Stefan Liebich von der Linken. „Das Colosseum wird ein Kinostandort bleiben, so wie es fast 100 Jahre war.“

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Büro-Umbau des Kinos wird Thema im Pankower Bauausschuss

Ein zweiter Konfliktlinie neben dem Ringen mit den wirtschaftlichen Folgen der Kino-Pleite: Der Streit um den aus Sicht von Kritikern zu voreilig erteilten Bauvorbescheid zum Umbau des Kinos in ein Bürozentrum mit 16.000 Quadratmetern Fläche. Ohne Beteiligung der politischen Fraktionen wurde in Pankows Stadtentwicklungsamt schon ab dem Frühling 2019 ein Projekt vorangetrieben, das den Kiez grundlegend ändern kann.

Nicht einmal der zuständige Stadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) will davon gewusst haben, dass seine Abteilung den Abriss und Neubau von weiten Teilen des Kinos freigab. Nur der historische Kern mit dem Premierenkino bleibt geschützt, wird aber in den Plänen vom sechsgeschossigen Bürohaus überragt. „Ein Stück Kultur-Infrastruktur verschwindet“ – so erklärt es Pankows CDU-Fraktionschef Johannes Kraft, der sich weiterhin verwundert zeigt, dass ein solch folgenschweres Projekt trotz Einwänden von Denkmalschützern nach dem Grundsatz der „Ortsüblichkeit“ durchgewunken wurde. „Es war klar, dass es sich hier nicht um die Herrichtung des Kinos handelt. Es hätte viele Fragezeichen geben müssen“, meint Kraft.

Er will im Bauausschuss in der kommenden Woche Klarheit darüber bekommen, wie der Vorbescheid für den Büro-Umbau zustande kam. Und wenn diese Klarheit nicht hergestellt wird, weitere Schritt beantragen.

Konkurrenz der Kinos als möglicher Schließungsgrund

Während die CDU das von den Grünen geführte Bauressort unter Druck setzen will, sucht der Pankower Bundestagsabgeordnete Stefan Gelbaar – ebenfalls Grünen-Politiker – die Ursachen für die Misere des Colosseums in der Vergangenheit. Und nennt die Ansiedlung eines Multiplex in der nah gelegenen Kulturbrauerei als ruinösen Faktor. „Diese harte Kino-Konkurrenz ist politisch durchgesetzt worden. Ende der 1990er Jahre“, schreibt Gelbhaar in seinem Newsletter und sieht unter anderem den damaligen Finanzsenator Thilo Sarrazin als eine treibende Kraft des Kinobaus auf dem Brauereigelände.

Schon damals habe das Kino Colosseum wegen der Neuansiedlung in der Nachbarschaft protestiert. Nun ist der Wettkampf der Lichtspielhäuser beendet. Die Corona-Pandemie, sie war aus Gelbhaars Sicht für das Colosseum eine Krise zu viel.

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