Urlaub zu Hause

Die Welt als Acker: Wie ein Pankower Park Fernreisen ersetzt

Wer auf große Reise gehen will, ohne Berlin zu verlassen, kann im Botanischen Volkspark Blankenfelde Eiskaffee im Tropenhaus schlürfen

Lehrreiches Grünzeug: Cora, Chefgärtner Ekkehard Spiegel und Projektleiter Benedikt Haerlin (r.) von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft auf dem Weltacker zeigen die Früchte ihrer Arbeit.

Lehrreiches Grünzeug: Cora, Chefgärtner Ekkehard Spiegel und Projektleiter Benedikt Haerlin (r.) von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft auf dem Weltacker zeigen die Früchte ihrer Arbeit.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Der Lieferant hatte sich leider verfahren. Er war in Spandau angelangt, obwohl die Fracht im Norden von Pankow ihre Wurzeln in feuchten Mutterboden schlagen sollte. Als die jungen Reispflanzen aus dem Gewächshaus dann doch noch auf dem Weltacker angelangten, war die Hälfte der Setzlinge tot. So in der Art könnte sie anfangen, die nächste Hungerkrise.

Was für ein Glück, dass dieses besondere Feld im Botanischen Volkspark Blankenfelde-Pankow niemanden ernähren muss. Es genügt, beim Spaziergang zwischen Süßkartoffelbüschen und Sojabeet etwas zu lernen, meint Benedikt Haerlin von der Zukunftsstiftung Landwirtschaft. Sei es nun das Erscheinungsbild einer Baumwollpflanze, sei es die Tatsache, dass man mit den 2000 Quadrametern Feld gerade einmal zwei europäische Schweine satt bekäme – oder eben was es heißt, wenn ein Lieferant sich verfährt.

Reis ernährt die Welt

Haerlin, so etwas wie der Feldherr auf Berlins einzigem globalen Acker, trägt auf dem Hinterkopf einen Strohhut, eine Maske unterm Kinn. Lapidar verweist er auf die einzige verkümmerte Stelle dieser Agrarausstellung mit Feldfrüchten selbst aus Indien und Äthiopien. „Reis ernährt die Welt“, predigt er den Wert der Pflanze, die anteilsmäßig so viel Platz auf dem Weltacker einnehmen sollte, wie es in der Summe aller Feldflächen der Welt der Fall ist. Also ziemlich viel.

Haerlin kann ausgehend von der Lieferpanne und den verkümmerten Reistrieben darüber fachsimpeln, was es für die Weltpolitik bedeuten würde, wenn die Hälfte der Reisernte einer Umweltkatastrophe zum Opfer fiele. „Thailand und Vietnam, die beiden Hauptproduzenten, würden womöglich die Ausfuhr stoppen“, gibt er eine mögliche Prognose ab.

Aber mit Weltpolitik und Hungersnöten muss man sich nicht auseinandersetzen, wenn man im Botanischen Volkspark seinen Urlaub verbringt. Auch für sorglose Zeitgenossen ist der Weltacker der Zukunftsstiftung Landwirtschaft, 2017 von der IGA in Marzahn nach Pankow verlegt, der ideale Startpunkt für einen Streifzug.

Da lässt sich erfahren, dass 60 Prozent der Agrarproduktion der Welt auf das Getreide entfällt und nur je fünf Prozent auf Obst und Gemüse. Da lässt sich herausfinden, dass die Zutaten für eine Pizza Margherita nur 0,87 Quadratmeter Ackerfläche brauchen, die Pizza Salami aber 1,74 benötigt – wegen der Sojapflanzen, die das Schwein ernähren müssen, das für die Pizza in entsprechendem Anteil zu Wurst gepresst wird. Hier wachsen die Pizzen, in Pflanzen übersetzt, auf dem Acker.

Kein Wunder, dass Cora, die auf dem Weltacker ihren ökologischen Freiwilligendienst ableistet, lauter gute Gründe findet, als Vegetarierin zu leben. „Mich fasziniert hier besonders der Bezug zu Futtermitteln. Wie viel man anbauen muss, um Schweine zu mästen, war mir vorher nicht bewusst“, erzählt sie von ihren Studien. Neben der Feldarbeit geht es auch darum, Berliner Kindern Wissen zu vermitteln. Manche wissen nicht einmal, wie eine Kartoffelpflanze aussieht – geschweige denn ein Baumwoll-Busch. Doch die wirkliche Sensation des Botanischen Volksparks schnaubt und atmet: Es ist ein zahmer Damhirsch.

Ein zahmer Ausreißer ist ganz verrückt nach Grünzeug

Um ihn zu finden, folgt man den Wegen nördlich des Weltackers, lässt das zentrale Tropenhaus hinter sich. Mit etwas Glück lugt dann das verblüffend kinderliebe Tier durch das Spalier der Apfelbäume, stets versessen auf frisches Grünzeug. Nicht wenige Parkbesucher hat die Begegnung dazu verleitet, die Polizei zu rufen. Dies geschah so oft, dass nun ein Zettel des Forstamts Pankow am früheren Zuhause des Freigängers, dem Wildgehege am Nordende des Parks, die Vorgeschichte erklärt. „Es ist uns bekannt, dass sich ein Damwild außerhalb des Gatters befindet“, heißt es darauf zur Entwarnung. „Das Tier wurde vor einiger Zeit aus falsch verstandener Tierliebe befreit und kommt nun immer mal wieder seine Bekannten besuchen.“ Trotz der Zutraulichkeit des Ausreißers raten Förster übrigens vom Streicheln ab.

Anschauen und genießen, am ehesten noch an den üppigen Stauden entlang der ringförmig angelegten Wege schnuppern, das ist es, worum es im Botanischen Garten des Berliner Ostens – so wird der Park von vielen Besuchern bis heute empfunden – wirklich geht. Formell hat er den Titel längst abgelegt.

Denn historisch gesehen gibt es in Berlin nur einen Botanischen Garten: den in Lichterfelde. 111 Jahre reicht die Geschichte des 34 Hektar großen Gegenstücks im Pankower Ortsteil Blankenfelde schon zurück. Seit Gründung des heutigen Volksparks als zentraler Berliner Schulgarten im Jahre 1909 durchlief das Areal manche Verwandlung.

Trotzdem erkennt man eine rote Linie: Von Anfang an ging es dem Gartenbaudirektor Albert Brodersen (1857–1930) darum, einen landschaftlichen Dreiklang umzusetzen, der den Garten bis heute prägt: Als wohl einzige Grünanlage in Berlin vereint die Erholungsfläche in Verwaltung der Stiftung Grün Berlin drei verschiedene Landschaftstypen: Im Süden herrschen – abgesehen vom Weltacker – Gärten vor, im Norden Felder, im Westen befindet sich ein Wald.

Der Park dient der Umwelterziehung

Seinen Daseinszweck findet der Park damals wie heute in der Umweltbildung. Als „Zentralstation der Jungen Naturforscher Walter Ulbricht“ wurde der Park in den 1950er-Jahren mit jenem Wildgehege ausgestattet, aus dem das furchtlose Reh nun mit Hilfe von Tierfreunden entwischte. Dass der Park – seit den 1990er-Jahren öffentliche Grünanlage – dann als Botanischer Garten Ost-Berlins glänzen konnte, verdankt er einem Erweiterungsprogramm unter Regie der Humboldt-Universität ab 1977. In diese Zeit fiel auch die Errichtung des markanten Tropenhauses in der Mitte des Parks. Heute der quirligste und geselligste Punkt in der Weite der Wiesen, Obstbaum-Alleen, Gehege und Waldflächen. Und das liegt natürlich nicht an Bananenpalmen und Kakteen.

Hier arbeitet das Team des irischstämmigen Gastronomen Tom Rolleston im Café „Mint“ mit dem Tempo eines tropischen Sturms die vielen Bestellungen ab. Aber wie lange noch? Gemäß eines Entwicklungskonzepts der Senatsumweltverwaltung und des Bezirksamts Pankow soll das Café eines Tages ins 50 Meter entfernte brachliegende Gewächshaus am Weltacker ausweichen. Die Idee der Gastwirtschaft im Glashaus wird weiter leben – das ist für Rolleston das wichtigste. Und im Tropenhaus wird Platz frei für neue Exponate, die es womöglich wieder mit der Pflanzenpracht im eigentlichen Botanischen Garten Berlins aufnehmen können.

Was der Standort Blankenfelde ihm jetzt schon voraus hat: Steine. Bis zu einer Milliarde Jahre alt und zusammengesetzt nach ihrem Vorkommen in der Erdkruste bilden ausgewählte Minerale die „Geologische Wand“, nur einen kurzen Marsch vom Café entfernt. Es wäre ein Fehler, das Sammelsurium aus Sandstein, Kohle, Schiefer und Basalt als bessere Gartenmauer zu missachten: Dies ist seit Abschluss der Sanierung im Jahr 2018 ein „Nationales Geotop“. Und damit gleichrangig mit Perlen wie dem Elbsandsteingebirge oder der Insel Helgoland. So wächst ein alter Schulgarten aus dem Jahre 1909 heute beachtlich weit über sich hinaus. Sei es auf einem Acker – oder in einem Konvolut aus Stein.

Botanischer Volkspark Blankenfelde Pankow: Anfahrt, Gastronomie und Sehenswürdigkeiten

Anfahrt

Mit Bus und Bahn: Aus dem Berliner Stadtzentrum erreicht man den Botanischen Volkspark über den S- und U-Bahnhof Pankow. Von dort verkehrt die Straßenbahn-Linie M1 in Richtung Niederschönhausen/ Schillerstraße. An der Endstation der Tram heißt es noch einmal umsteigen in den Bus der Linie 107. Er hält kurz darauf an der Haltestelle „Botanischer Volkspark“ direkt vor dessen Toren. Wer mobil ist, kann sich den Bus sparen und den Rest des Wegs von der Tram-Haltestelle wandern.

Mit dem Fahrrad: Auf zwei Rädern lässt sich das Ziel am bequemsten erreichen. Vom Rathaus Pankow sollte man bei lockerem Tempo eine 30-minütige Fahrt über die Breite Straße und Dietzgenstraße einplanen. Eine leichte Steigung im letzten Streckenabschnitt zwischen dem Ortsrand von Niederschönhausen und dem Eingang des Parks lässt sich auch für ungeübte Radfahrer problemlos bewältigen. Im Botanischen Volkspark finden sich aber vergleichsweise wenige abschließbare Stellplätze. Die geeignetsten Orte zum Abstellen des Fahrrads befinden sich am Tor und am Tropenhaus. Im Park selbst ist das Radfahren bei hohem Besucherandrang auf den Wegen an Wochenenden nicht zu empfehlen.

Mit dem Auto: Vom Pankower Zentrum ist man theoretisch in zehn bis 15 Minuten am Ziel. Dies gilt aber nur bei geringem Verkehrsaufkommen. In der Praxis erschweren die häufigen Staus auf der Dietzgenstraße das Vorankommen ganz erheblich. Vor allem wegen des Parkplatzmangels am Ziel ist eine Anreise mit dem Auto nur bedingt zu empfehlen. Bis auf den Seitenstreifen der Bundesstraße 96a gibt es keine geeignete Abstellfläche. Bei starkem Besucherandrang an Wochenenden muss man damit rechnen, nur weit entfernt vom Park eine freie Lücke zu finden.

Essen und Trinken

Das „Café Mint“ im mittig gelegenen Tropenhaus hat sich in den vergangenen Jahren zum wichtigsten Besuchermagneten des Parks entwickelt. Der Betreiber Tom Rolleston serviert hier mit einem engagierten Team wechselnde Kuchenspezialitäten, Kalt- und Heißgetränke in der Qualität von renommierten Innenstadt-Cafés. Eine Empfehlung wert sind die typisch britischen „Scones“ zum Beispiel mit Butter und Marmelade, die Rolleston nach einem Familienrezept zubereitet. Das „Café Mint“ verfügt im Mittelschiff des Tropenhauses wegen der Pandemie derzeit über eine verringerte Zahl an Sitzplätzen. Im Sommer weilen die meisten Besucher auf der Wiese vor dem Tropenhaus an weit verteilten Tischen. Wer eine Picknick-Decke mitbringt, erspart sich das Warten auf einen freien Platz. Wegen des großen Besucherandrangs sollten Gäste Geduld mitbringen. Es handelt sich um die einzige gastronomische Einrichtung im Park. Auch die Toiletten sind im Tropenhaus und in einem Wagen daneben untergebracht

„Café Mint“, Botanischer Volkspark, Blankenfelder Chaussee 5, 13159 Berlin, Donnerstag bis Sonntag 11-17 Uhr

In der Umgebung

Nördlich des Botanischen Volksparks lohnt sich eine Radtour über die Felder mit Pferdekoppeln. Dort hat man einen in Pankow einmaligen Weitblick. Dort gelangt man nach zehnminütiger Fahrt auf den Berliner Mauerweg. Neben der Strecke der Heidekrautbahn, die demnächst wiederbelebt wird, lässt sich der frühere Grenzverlauf abfahren. Teile der Strecke führen dabei über das 2019 eröffnete „Grüne Band Berlin“, eine besonders aufwendig ausgebaute Fahrradtrasse mit parkartiger Begrünung. Ebenfalls ganz nah: Das Naturreservat am Biotopsee Arkenberge, östlich des Ortskerns von Blankenfelde.