Wohnen in Berlin

Ohne Zaun und Wache: Neue Wohnform für Flüchtlinge in Pankow

Erstes Heim eines neuen Typs wird im August fertig. Ein zweites Projekt in Pankow mit sieben Häusern für Flüchtlinge hat Verspätung.

Kurz vor der Fertigstellung: Die neue modulare Unterkunft für Flüchtlinge in Regie der Gesobau geht im Herbst in Betrieb. Bis zu 300 Bewohner finden an der Falkenberger Straße ein Zuhause.

Kurz vor der Fertigstellung: Die neue modulare Unterkunft für Flüchtlinge in Regie der Gesobau geht im Herbst in Betrieb. Bis zu 300 Bewohner finden an der Falkenberger Straße ein Zuhause.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Kein Flüchtlingsheim ohne Zaun, keine Bleibe ohne Wachschutz – dieser Grundsatz gilt trotz aller Bemühungen, Barrieren zwischen Berlinern und Geflüchteten abzubauen, bis heute. In Pankow-Weißensee wird man nun, fünf Jahre nach der Flüchtlingskrise durch den Krieg in Syrien, erleben, wie Wohnen in Gemeinschaftsunterkünften ohne Abgrenzung funktioniert. Der Bau eins neuen Heims der Gesobau für 300 Bewohner in der Falkenberger Straße 151 steht kurz vor dem Abschluss.

Laut Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) handelt es sich um Berlins erste Gemeinschaftsunterkunft der dritten Generationen. Dieser Typ basiert auf den bereits bekannten modularen Unterkünften (MUF), zeichnet sich aber aus durch den Verzicht auf Wachen und Barrieren – und soll dafür sorgen, dass beim Thema Wohnen Normalität einkehrt. So werden die Geflüchteten nach dem Einzug der Bewohner in die beiden Häuser mit 66 Apartments im Herbst fast so leben wie alle Berliner.

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Pankower Flüchtlingsheim lässt sich mit Balkonen ausstatten

Auch optisch bedeutet das aus Modulen zusammengesetzte Heim im Ortsteil Weißensee eine Abkehr von den wuchtigen Vorgängerbauten der ersten Generationen. Sie mussten auf kleiner Grundfläche möglichst viel Wohnraum bieten, deshalb bis zu sieben Geschosse hoch aufragen – und veränderten das Stadtbild entsprechend stark. Die neue Pankower Unterkunft wird man von der Falkenberger Straße aus betrachtet gar nicht sehen – denn die beiden drei- und viergeschossigen Baukörper stehen im Hinterland eines schon vorhandenen Wohnblocks der Gesobau. Dabei soll die kompakte Gestaltung durch Nachverdichtung dieser Siedlung in Regie der landeseigenen Wohnungsgesellschaft auch zu mehr Nähe und Austausch mit der heutigen Bewohnerschaft führen.

Weil die Neubauten nur vorläufig als Gemeinschaftsunterkunft für Geflüchtete dienen und später allen Berlinern auf dem Wohnungsmarkt zur Verfügung stehen sollen, übernimmt die Gesobau alle Standards ihrer regulären Bauprojekte. Und gibt auch die Möglichkeit zur nachträglichen Veränderung. „Aufgewertet werden die Gebäude durch die Möglichkeit, nachträglich Balkone zu installieren. Zudem lassen sich alle Etagen durch vorgefertigte Aufzugschächte barrierearm nachrüsten“, erklärt die Wohngesellschaft in der Projektbeschreibung.

Für den Bau des Heims in Pankow mussten 36 Bäume weichen

Bei der ersten Vorstellung des Vorhabens vor einigen Jahren gab es aus der Nachbarschaft trotzdem kritische Töne – zum Beispiel wegen der hohen Dichte, die durch die Erweiterung der Siedlung entsteht. Bei der Gesobau verweist man darauf, alle baurechtlichen Vorgaben einzuhalten. Die Höhe der Neubauten orientiere sich an den benachbarten Gebäuden - im Fall des Viergeschossers liegt die Traufhöhe bei 12 Metern. Der minimale Abstand zu benachbarten Häusern betrage 6 Meter.

Auch zur Umweltverträglichkeit des neuen MUF-Standorts gab es mit einem Teil der Anwohner zunächst keinen Konsens. Tatsächlich befanden sich auf dem Grundstück 36 Bäume, die dem Projekt weichen mussten. Vorher brauchte es ein ornithologisches Gutachten und die übliche Baumfällgenehmigung des Umwelt- und Naturschutzamtes Pankow.

Aus Sicht des Landesamts für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF) überwiegen die Vorteile des Wohnprojekts, das neue Akzente setzt und Menschen ein Zuhause gibt, die es auf dem regulären Wohnungsmarkt schwer haben. Bei den Gemeinschaftsunterkünften vom Typ 3 bieten sich neue Chance zur Begegnung von alten und neuen Bewohnern in der Nachbarschaft. „Um mehr Teilhabe für Menschen mit Fluchthintergrund am sozialen und kulturellen Leben in ihrem Sozialraum zu ermöglichen, ist es das Ziel, dass Bildungs-, Beratungs- und Freizeiteinrichtungen im sozialen Umfeld genutzt werden und diese Angebote nicht in der Unterkunft selbst vorgehalten werden“, teilt ein LAF-Sprecher mit. Ziel sei ein „weitgehend selbstständiges Leben und Wohnen“ der Geflüchteten.

Streng genommen ist das Projekt an der Falkenberger Straße in Pankow nicht das erste Haus der neuen Generation, das in Betrieb geht. Am Murtzahner Ring in Marzahn-Hellersdorf enden die Bauarbeiten noch etwas früher. Trotz der Vorgaben für den Standard der dritten Generation bleibt es hier aber laut des Landesamts zunächst bei der alten Konstellation: Mit Beratung und Betreuung vor Ort und einem Wachschutz rund um die Uhr.

MUF mit sieben Häusern in Pankow-Rosenthal geht erst 2022 in Betrieb

Dass man in Pankow als erstes von bekannten Modellen abweicht und bei der Unterbringung von Flüchtlingen neue Wege geht, zeigt sich an einem zweiten aktuellen MUF-Projekt: An der Kirchstraße 69 im Orsteil Rosenthal entsteht eine neuartige Unterkunft mit sieben frei stehenden Häusern für 321 Bewohner – ebenfalls ausgeführt von der Gesobau. Auch hier zogen zwischenzeitlich Anwohner die Umweltverträglichkeit in Zweifel, was im Februar sogar zu politischen Kundgebungen führte. Doch das Bezirksamt Pankow hat die Genehmigung mit Verweis auf das Sonderbaurecht für Flüchtlingsheime erteilt.

Auf Nachfrage bestätigt das LAF, dass es bei dem Verfahren Verzögerungen gab und eine zuletzt geplante Fertigstellung Jahre 2021 nicht mehr in Frage kommt. Ursprünglich war sogar von einem Start in diesem Jahr die Rede gewesen. Grund für den Aufschub sei zum einen die Klärung bei der Frage nach dem Sonderbaurecht. Zum anderen gab es angesichts des Grundwasserpegels in dem Gebiet Zweifel am Einbau von Kellern. „Hierzu war die Erstellung eines Gutachtens erforderlich. Im Ergebnis können zwei Häuser des MUF unterkellert werden“, heißt es vom Landesamt. Neues Ziel für die Eröffnung der siebenteiligen Unterkunft in Pankow-Rosenthal: Das erste Halbjahr 2022.