Neueröffnung

Der erste Blick in die bessere Hälfte des Mauerparks

Berlins bekannteste Grünanlage hat sich verdoppelt. Doch fertig ist sie immer noch nicht. Die alte Parkhälfte ist ein Sanierungsfall.

Viel Grün, breite Wege und roher Backstein: Die Erweiterungsfläche des Mauerparks ist eröffnet.

Viel Grün, breite Wege und roher Backstein: Die Erweiterungsfläche des Mauerparks ist eröffnet.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Selbst „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ drehte hier Szenen. An der Graffitiwand fanden die TV-Seifenoper-Regisseure einen passenden Ort, dem Rest Deutschlands ein Stück Berlin-Gefühl zu vermitteln. Der Mauerpark, belastet durch Bauarbeiten, zertrampelt von Besuchermassen, berühmt für Karaoke und Flohmarkttreiben – dieser schmale Grünstrich an der einstigen Hinterlandmauer hat für Berlin eine Barometerfunktion. Er zeigte an, wie es um die Hauptstadt steht.

Mit der Verheißung von Selbstentfaltung zog er an Sonntagen vor Corona bis zu 40.000 Besucher an. Erholung für Nachbarn? Die eigentlich Hauptfunktion einer Grünanlage erschien hier zuletzt eher zweitrangig. Nicht einmal zum Wässern der einzigen Liegewiese reichte beim Bezirksamt Pankow der Etat.

Nun hat sich dieser Mauerpark auf ein Gebiet von fast 15 Hektar verdoppelt. Ab sofort soll wieder Platz sein für alles, was zuletzt zu kurz kam. Zur Bestandsfläche östlich des Trödelmarkts, die man als urbanes Schaufenster bezeichnen könnte, gesellt sich seit der Eröffnung am Freitagabend im Westen so etwas wie die sprichwörtliche „bessere Hälfte“. 14 Millionen Euro ließ sich der Senat die vierjährige Expansion des Parks Richtung Gesundbrunnen kosten. Ein Versprechen für die Wertigkeit, abzulesen an jungfräulichem Rasen, frisch gepflanzten Bäumen und noch makellosen Spielgeräten. „Zusätzliche grüne Rückzugsorte“, diesem Anwohnerwunsch will Umweltsenatorin Regine Günther (Grüne) eine Entsprechung geben.

Ein 32 Meter großer Platz der Begegnung für Anwohner

Ins Auge springt hier als erstes der „Steinkreis“, ein aus Granitblöcken komponierter, 32 Meter großer Platz der Begegnung für Anwohner umliegender Kieze in Gesundbrunnen und Prenzlauer Berg. Am Freitagabend war er prompt ein Anziehungspunkt für erste Schaulustige. Da ist der „Mauergärtner“ – eine Pflanzstelle für Anhänger des Urban Gardenings. Ihn erkundeten Abenteuerlustige im Frühling unerlaubterweise bereits vor der offiziellen Eröffnung. Und eine neue, asphaltierte Promenade, ausgehend vom Trödelmarktgelände, schafft eine ebene Piste für Radfahrer – und beendet das Gerüttel beim Ritt über die parallel laufende alte Kopfsteinpflasterstraße vor dem Amphitheater.

Was sich den Berlinern am ersten Wochenende nach der Öffnung dieser Erweiterungsfläche einprägen wird, ist ein starker Kontrast. Während man dem rund sieben Hektar großen „Neuland“ ansieht, dass hier sechs Jahre lang Millionen-Beträge in die Gestaltung flossen, liegt der alte Teil, ebenfalls sieben Hektar groß, vertrocknet und strapaziert in der Sonne. Auch Senatorin Günther sieht die Spuren der Übernutzung und erhofft sich von der Verdoppelung des Platzes eine Entspannung für das gesamte Areal. Die neu geschaffenen Bereiche seien zu verstehen als „ruhiger Gegenpol zum quirligen Bestandspark und sollen den stark frequentierten Mauerpark entlasten“.

Parkläufer sollen auf Einhaltung der Lautstärke achten

Das Prinzip, laute Nutzungsarten im alten Park und leises Miteinander in der neuen Hälfte zu trennen, wird immer wieder gepriesen. Aber ist es in Zeiten des Streits um spontane Freiluftkonzerte auch einzuhalten? Alexander Puell von den Freunden des Mauerparks ist optimistisch. „Durch die Parkläufer, die nun täglich viele Stunden präsent sind, gibt es deutlich mehr Kommunikation und Austausch. Das Laut-Leise-Prinzip lebt vom Kontrast und soll Vielfalt ermöglichen“, sagt Puell.

Ein kantiger Grundcharakter ist aber wohl auch für den neuen Parkteil durchaus gewollt. Aus der Sicht von Christoph Schmidt, Vorstandsvorsitzender der Grün Berlin Stiftung, die den Park verwaltet, bildet der Mauerpark tatsächlich mehr als eine Verbindung von Wiesen, Wegen, Sitzecken und Turmeichen. Wer in den Mauerpark geht, soll merken, dass es sich hier nicht um einen der gründerzeitlichen Volksparks handelt. Ganz bewusst will man von der andersartigen Geschichte dieses spät ergrünten Landstrichs erzählen. Von der Nutzung als Güterbahnhof, den Schrecken der Epoche, als sich hier der Mauerstreifen hinzog, auch vom früheren Gewerbegebiet auf Weddinger Seite. „Dieser Facettenreichtum, gehalten von einer starken skulpturalen Geste, den man auch im Entwurf des Architekten Gustav Lange wiederfindet, macht diese Parkanlage einmalig“, saht Schmidt.

Sanierung der alten Flächen des Mauerparks möglichst ohne Zaun

Damit auch die Qualität im alten Parkteils gewinnt, plant der Senat bereits seit Jahren die Sanierung. Eine Machbarkeitsstudie empfiehlt wenig überraschend die „Qualifizierung“ der verödeten Liegewiese, dazu gibt es Vorschläge zum Aufbau einer Parkbeleuchtung, für Grillstationen am Falkplatz nördlich der Max-Schmeling-Halle – und womöglich kommt auch eine fest installierte Schallschutz-Muschel für Konzerte. Laut einer Sprecherin von Grün Berlin geht es zunächst aber vor allem um eine „deutliche Verbesserung der ökologischen Wirkung der Freianlage in den Bereichen Vegetation und Regenwassermanagement“. Was sich bis 2022 tatsächlich aus den Fördermitteln des Programms „Zukunft Stadtgrün“ bezahlen lässt, ist noch nicht entschieden.

„Uns ist es sehr wichtig, dass der Bestandspark seinen robusten, historischen und kulturellen Charakter erhält. Es gibt vieles zu reparieren und zu überarbeiten, aber ganz wichtig ist für uns, dass der Park auch während der Arbeiten benutzbar bleibt“, erklärt Alexander Puell das nächste Mauerpark-Projekt. Wenn die alte Fläche Pflege bekommen soll, dann ohne Zaun. Damit sich das soeben verdoppelte Areal nicht gleich wieder halbiert.