Prenzlauer Berg

Streit um Musik im Mauerpark flammt nach Polizeieinsatz auf

Anzeigen und beschlagnahmte Trommeln: Anwohner des Mauerparks riefen die Polizei wegen Ruhestörung. Die Stimmung ist aufgebracht.

Der Konflikt zur „Hygienedemo“ im Mauerpark blieb bislang aus – dafür greift die Polizei jetzt streng gegen Musiker durch.

Der Konflikt zur „Hygienedemo“ im Mauerpark blieb bislang aus – dafür greift die Polizei jetzt streng gegen Musiker durch.

Foto: Florian Boillot

Berlin. Der Abend dämmerte über dem Mauerpark, da nahm das Trommelkonzert von Hobbymusikern ein abruptes Ende. Eine Polizeistreife, herbeigerufen durch genervte Nachbarn, forderte drei Männer auf, ihre Darbietung sofort zu beenden. Aber da fing der Ärger erst richtig an. Beschwerden wegen Ruhestörung, drei Anzeigen, vier sichergestellte Trommeln, Zuwiderhandlung gegen Platzverweise, eine „unfreundliche, aggressive“ Stimmung und eine Behinderung der Maßnahmen „durch 70, zum Teil stark alkoholisierte Parkbesuchende“ – so beschreibt die Berliner Polizei ihren Einsatz zur Durchsetzung der Sonntagsruhe am vergangenen Wochenende. Neben 80 Kräften sei auch ein Diensthund im Einsatz gewesen, heißt es im Protokoll.

Beim Lesen wird klar: Im Mauerpark ist zu Pfingsten der Streit um Konzerte von Straßenmusikern wieder aufgeflammt. Es ist nur die Spitze eines Konflikts, der verdeckt durch die Corona-Krise auch in diesem Frühling Musikfreunde und lärmempfindliche Anwohner der Grünanlage spaltet.

Kultur soll aggressive Besucher im Mauerpark abschrecken

Was die Polizei in ihrem ungewöhnlich langen Einsatzbericht zur Auflösung des Trommelkonzerts am Pfingstsonntag nicht beschreibt, ist die Vorgeschichte. Denn am gleichen Tag fanden Gespräche statt, um eine gemeinsame Linie zu finden zwischen der Möglichkeit, im Mauerpark zu musizieren und dem Recht der Anwohner auf einen ruhigen Abend. Im Mittelpunkt standen die besagten Trommler, die im Park gerade an warmen Abenden gerne und oft die Schlegel schwingen – und dafür in den vergangenen Wochen schon einmal angezeigt wurden. Stundenlang sollen Anhänger und Gegner der Straßenmusiker nun nach einem Kompromiss gesucht und ihn wohl auch gefunden haben – das berichtet der Vorsitzende der Freunde des Mauerparks, Alexander Puell. Ein Mann, der schon seit Jahren versucht, mit dem Bezirksamt Pankow einen Mittelweg zu finden. Den Ausgleich zwischen der Freiheit von Kunst und Musik und der Sehnsucht nach Ruhe.

„Ich dachte eigentlich, dass wir bei dem Gespräch eine gemeinsame Schiene gefunden hätten. Aber dann kam der Polizeieinsatz am Abend“, bedauert Puell die überraschende Eskalation. „Das ist für mich besonders ärgerlich. Ich hätte mir gewünscht, dass das zarte Pflänzchen der Annäherung erst einmal wachsen darf.“

Rund 3000 Besucher weilten da nach einer „Hygiene-Demo“ und Gegenveranstaltungen am Sonntagabend laut des offiziellen Einsatzberichts noch im Park. Vor der Verbannung der Musiker und der Beschlagnahmung der Trommeln hatte die Polizei mehrere Verwarnungen ausgesprochen. „Von daher ist es auch verständlich, dass man dann durchgreift“, sieht Puell ein. Allerdings warnt er davor, dass die Trommler als Stellvertreter für die allgemein angespannte Stimmung im Park büßen müssen.

Auslöser des Einsatzes gegen die Trommler war der Anruf eines Beschwerdeführer aus der Nachbarschaft, der schon 2018 und im vergangenen Jahr immer wieder ein zu lasches Durchgreifen von Polizei und Ordnungsamt gegen Konzerte im Park bemängelt hatte. Er wirft dem Bezirksamt Pankow Untätigkeit bei der Durchsetzung von grundsätzlichen Regeln für Grünanlagen vor, die spontane Konzerte im Grunde gar nicht erlauben.

„Es gibt einfach kein Recht, so lange, so extrem Krach zu machen, wie diese Trommler meinen“, ärgert sich der Mann, der aus Sorge vor Vergeltung anonym bleiben will. Bei den Musikern gebe es aus seiner Sicht zu wenig Willen, sich einzuschränken und auf Nachbarn einzugehen, die unter den Darbietungen leiden. Anwohner kämen sich vor wie in einem Versuchslabor, die akustische Experimente hinnehmen müssen. „Diese Dinge können nicht Bestand haben. Die Trommler sollten sich klar machen, dass sie andere schädigen“, droht der Nachbar weitere juristische Schritte an. Es brauche für den Mauerpark ein Lärmkonzept wie für den Weinbrunnen am Rüdesheimer Platz in Wilmersdorf.

Wegen solch kritischer Stimmen landete der Streit von gestressten Anwohnern und Befürwortern der Konzerte bereits 2018 an einem Runden Tisch. Vorläufiges Ergebnis: Ein Regelwerk für das Musizieren mit definierten Zeiten und Positionen für Konzerte. Als Befürworter des Erhalts der besonderen Parkkultur engagierte sich zuletzt vor allem Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke), als er vor einer „Totbefriedung“ des Mauerparks durch die Verbannung der Musiker warnte. Zugleich sagte er Nachbarn beim Runden Tisch Maßnahmen zu, „damit Sie nicht krank werden“.

Schallschutz im Mauerpark wird in Kürze getestet

Wie sich am jüngsten Konflikt zeigt, können die jetzigen Regeln den Grundsatzstreit nur teilweise entschärfen. Denn sie beinhalten auch den Punkt, dass sich niemand von der Musik gestört fühlen darf. Einen weiteren Schritt beim Ausgleich der Interessen sollen neuartige Schallschutz-Muscheln bringen – Konstruktionen, die auf der Rückseite den Schall von Wohnhäusern abschirmen und an der Vorderseite die Akustik verbessern. Inzwischen hat sich die Abteilung von Baustadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) entschieden, die Materialkosten zum Bau eines Prototypen zu bezahlen. Nach Verzögerungen wegen der Pandemie steht in diesem Sommer die Premiere der ersten „Acoustic Shell“ im Mauerpark nun bevor.

Vor einer besonderen Herausforderung sehen sich alle Beteiligten durch die Eröffnung der Erweiterungsfläche des Mauerparks, die nun am 28. Juni erfolgen soll. Denn bei diesem neuen, 7,5 Hektar großen Areal soll es sich gemäß eines „Laut-Leise-Konzepts“ um die stillste Ecke des Mauerparks handeln, weil sie den Wohnhäusern am nächsten liegt. Ob man die Trommler überzeugen kann, das zu beachten, wird sich zeigen.

Für Alexander Puell steht mit dem neuen Ärger um Konzerte viel auf dem Spiel. Denn die Parkkultur mit fröhlichen Konzerten sei ein wichtiges Gegengewicht zu aggressiven Tendenzen, denen der Park seit einigen Wochen ausgesetzt sei. Am 23. Mai kam bei einem Angriff am benachbarten Falkplatz ein Mann zu Tode. Und am Sonnabend griffen Parkbesucher Polizisten mit Flaschen an. „Wenn die Musiker aus dem Park verdrängt werden“, befürchtet Puell, „dann hört man dafür vielleicht öfter die Sirenen.“