Corona-Krise

Berlins Kneipen sind wieder geöffnet

Die Lockerung für Bars und Kneipen retten manche Wirte vor dem Ruin. Doch Gäste werden sich an neue Regeln gewöhnen müssen.

Abstand ist alles: Antje Böhm begann in der Pankower Sportsbar Maxim gleich nach der Nachricht über die Lockerung für Kneipen mit Vorbereitungen für den Neustart.

Abstand ist alles: Antje Böhm begann in der Pankower Sportsbar Maxim gleich nach der Nachricht über die Lockerung für Kneipen mit Vorbereitungen für den Neustart.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Zapfanlagen reinigen, das Mobiliar auf Abstandsregeln trimmen. Und das Wichtigste nicht vergessen: reichlich Bier bestellen. Über zwei Monate lang waren die Tanks schließlich trocken. Der Shutdown für Berlins Kneipen ist zu Ende. Von jetzt auf gleich mussten Lokale nach dem Ausbruch der Coronavirus im März schließen. Fast genauso abrupt machen sie am Dienstag wieder auf.

„Ganz schöner Stress“, meint Rainer Kant, der in seiner Sportsbar „Maxim“ in Pankow sofort nach der Meldung über die Aufhebung der Schließung durch den Senat mit Vorbereitungen begonnen hatte. „Aber die Hauptsache ist doch: Wir dürfen wieder.“

Wo sich bislang stehend 15 Gäste an der Theke drängen konnten, bleiben allerdings nur drei einsame Hocker und ringsherum weithin verteilte Tische übrig. Seit Dienstag besteht Sitzzwang – das ist eine Bedingung der Lockerung, die manch einer als kurios empfindet. „Es wird ein Erziehungsprozess am Kunden“, scherzt Rainer Kant, der es im Maxim bei Sportübertragungen vor allem mit heißblütigen Fans des 1. FC Union Berlin zu tun hat.

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Kneipenöffnung in Berlin: Dehoga befürchtet Nachteile für tischlose Kneipen

Ungewissheiten bei der Umsetzung von Regeln bereiten auch dem Berliner Gastroverband Dehoga Sorgen, auch wenn man die Öffnung von Berliner Kneipen begrüßt. „Wir müssen jetzt sehen, wie viele Betriebe die neue Verordnung nicht umsetzen können, da sie beispielsweise nicht über die entsprechenden Kapazitäten für die Umsetzung der Abstands- und Hygieneregeln verfügen“, teilte der stellvertretende Hauptgeschäftsführer, Gerrit Buchhorn, am Freitag mit. „Entsprechend der neuen Verordnung gilt in den Bars und Kneipen Tischzwang mit einem Mindestabstand von 1,5 Metern.“ Wenn eine Kneipe nur über einen Tresen verfüge, werde die Umsetzung schwierig.

Der Berliner Senat hatte am Donnerstag entschieden, unter welchen Regeln Bars und Kneipen öffnen können. Wichtigste Bedingung ist, dass Gäste an Tischen Platz nehmen. Der launige Wechsel von Tisch zu Tisch – er entfällt. Clubs und Diskotheken bleiben weiterhin geschlossen. Bislang konnten nur Restaurants, Cafés und Imbisse mit einem eigenen Essensangebot öffnen.

Die landeseigene Tourismusgesellschaft Visit Berlin begrüßte, dass seit dem 2. Juni auch Events, Meetings und kleinere Kongresse in der Hauptstadt wieder erlaubt sind. „Die Entscheidung ist ein wichtiger Impuls für die Stadt und gibt der Kongress-Branche in Berlin wieder eine Perspektive“, kommentierte Geschäftsführer Burkhard Kieker den Schritt. „Veranstaltungen mit bis zu 100 Personen sind der entscheidende Hebel für die Berliner Branche. Tagungen und Meetings in dieser Größenordnung machen drei Viertel aller Events in der Stadt aus.“

Wirtschaftsförderung Pankow musste verzweifelte Wirte trösten

Zur Normalisierung der Atmosphäre trägt bei, dass sich nach der Tagung wieder die gastronomischen Annehmlichkeiten Berlins genießen lassen. So wie im Maxim in Pankow rüsten sich die Kneipenwirte überall in Berlin für einen Neustart mit Widrigkeiten. Rund um die Simon-Dach-Straße in Friedrichshain oder im Neuköllner Reuterkiez prägen Schanklokale ganze Stadtviertel – zumindest dann, wenn nicht gerade eine Pandemie die Angst vor dem Beisammensein in ungelüfteten Räumen schürt.

Aus Sicht von Pankows Wirtschaftsstadträtin Rona Tietje (SPD) bedeutet die Öffnung von Bars mit Sitzpflicht „zumindest das Ende der völligen Perspektivlosigkeit der betroffenen Wirte“. Wochenlang hätten sich bei der Pankower Wirtschaftsförderung immer wieder „verzweifelte Menschen“ beschwert. Es seien Kneipiers, die „zu recht auf eine unfaire Situation hingewiesen hätten“, wie Tietje betont.

Denn Restaurants, die Essen servieren und sich auf den Ausgehmeilen von Prenzlauer Berg Tür an Tür mit den reinen Schankbetrieben befinden, seien von den früheren Lockerungen begünstigt gewesen. Das mochten nicht alle einsehen. Doch Vorgaben des Senats musste das Ordnungsamt ungeachtet der Sympathie für Kiezkneipen strikt umsetzen.

Ordnungsämter werden in Kneipen Einhaltung der Regeln prüfen

Im Bezirk Mitte beispielsweise müssen Wirte gerade in der Eröffnungswoche wieder mit Kontrollen rechnen. Bürgermeister Stephan von Dassel (Grüne) will den Spagat finden zwischen Normalität und gesunder Vorsicht.

„Es ist unbestritten, dass Wirte in einer dramatischen Situation stecken. Jetzt wollen wir hoffen, dass sich niemand einen Wettbewerbsvorteil dadurch verschafft, indem er so tut, als gäbe es kein Corona mehr“, sagt von Dassel. Niemandem sei geholfen, wenn drei Wochen lang Party herrscht und dann schlimmstenfalls ein neuer Lockdown kommt. „Natürlich ist es lustiger mit Menschengewühl und vielen neuen Bekanntschaften. Aber wir appellieren an alle, die Auflagen zu beachten“, hofft der Bürgermeister auf Besonnenheit.

„Es war jedenfalls höchste Zeit“, freut sich Barfrau Antje Böhm im Pankower Maxim über den Neustart. „Dass man über die Öffnung der Grenzen in der EU berät und Leute wieder in Flugzeugen sitzen, aber ein Feierabendbier in der Kneipe verboten ist, das war einfach nicht mehr zu verstehen.“