Stadtentwicklung

Leben bei den Toten: 620 Wohnungen auf Friedhof in Weißensee

Friedhofsflächen an der Weißenseer Adolf-Straße werden zum Baugrund für ein Quartier. Am alten Kinderkrankenhaus entsteht eine Schule.

Wohnen hinter Kreuzen und Gräbern: Auf dem Georgen-Parochial-Friedhof III in Weißensee sollen schon in wenigen Jahren Bagger vorfahren. Noch sind es Radlader zur Bewirtschaftung des Bestattungsorts.

Wohnen hinter Kreuzen und Gräbern: Auf dem Georgen-Parochial-Friedhof III in Weißensee sollen schon in wenigen Jahren Bagger vorfahren. Noch sind es Radlader zur Bewirtschaftung des Bestattungsorts.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Platz für Begräbnisse ist in Berlin überreichlich vorhanden – jetzt schafft das Bezirksamt Pankow auf entwidmeten Grabflächen in Weißensee Raum für Leben in der Zukunft. Ein Blick in die neusten Planungen zeigt: Mit 620 Wohnungen auf dem Georgen-Parochial-Friedhof III handelt es sich um das mit Abstand größte Bauvorhaben im Ortsteil des einwohnerstärksten Bezirks. Dank einem Aufstellungsbeschluss für einen Bebauungsplan ist der Weg frei für ein Stadtquartier hinter den historischen Backsteinmauern an der Gustav-Adolf-Straße und Roelckestraße.

Baupolitiker aller Fraktionen stimmten diesem Schritt am Dienstagabend einstimmig zu und lobten das Konzept einer durchmischten Siedlung, in der Studenten und Senioren gemeinsam leben und Genossenschaften mit einer Stiftung und privaten Bauträgern zusammenarbeiten. Das Motto des Vorhabens ist Programm: „Wohnen für alle“. Sorge bereitet höchstens die Annahme, dass Nachbarn noch zu wenig wissen über das Großprojekt im dicht bebauten Kiez. Mit der Grabesruhe auf dem 6,3 Hektar großen Areal ist es schon in wenigen Jahren definitiv vorbei.

Warnung vor Protesten uninformierter Anwohner

„Problematisch wird es, wenn man anfängt zu bauen, und Leute sind nicht informiert – darauf müssen wir dringend achten“, warnt Linken-Fraktionschef Matthias Zarbock vor Protesten. Tatsächlich fanden die ersten Informationsveranstaltungen 2018 nur in kleinerer Runde bei einer Kaffeetafel statt. Das größere Wohnumfeld des Georgen-Parochial-Friedhofs war bei der Beteiligung kaum einbezogen.

Und wie viele neue Nachbarn das Vorhaben mit 43.000 Quadratmetern Geschossfläche Weißensee beschert, war damals noch schwer einzuschätzen. Weitere Informationsveranstaltungen sollen stattfinden, sobald die Einschränkungen im Rahmen der Corona-Pandemie aufgehoben sind, entgegnet eine Sprecherin des Pankower Stadtentwicklungsamts. In den nächsten zwei Jahren werde man auch Verkehrs- und Umweltgutachten erstellen lassen.

Friedhofs-Kiez in Weißensee hat vier Abschnitte

Eine Übersicht zeigt jetzt schon die Aufteilung der Friedhofsflächen nach der Umwandlung zum Stadtquartier. Ganz im Nordosten des Baugrundstücks entsteht eine neue Grundschule mit drei Zügen und einer Turnhalle. Südlich schließt sich ein Block der Weißenseer Stephanus-Stiftung mit drei Gebäuden für betreutes Wohnen, Pflegeeinrichtungen und einer Kita an.

Im Westen liegt ein 13.500 Quadratmeter großes Grundstück, das Pankow jungen Genossenschaften zur Verfügung stellen will. Und ganz im Süden kommen private Baugruppen zum Zug, die 10.500 Quadratmeter Grabfläche erhalten. Im Zentrum der vier Abschnitte finden Anwohner einen neuen Stadtplatz vor, der frei zugänglich sein soll. Neben dem Baukorridor des Projekts „Wohnen für alle“ bleibt zur Linken weiterhin eine weitläufige Friedhofsfläche erhalten, zur Rechten erstreckt sich nach wie vor die Kleingartenanlage mit dem sinnigen Namen „Frieden“.

Dass Pankow das Wohnungsbauvorhaben vorantreiben kann, hängt auch mit den Schwierigkeiten der Berliner Friedhofsträger zusammen, die nach heutigem Stand zu große Flächen bewirtschaften müssen. Weil nicht genügend Begräbnisse stattfinden, liegen Teile der historischen Anlagen brach, Einnahmen sinken. Zugleich besteht die Verpflichtung, die Trauerstätten in gepflegtem Zustand zu erhalten.

Um diesen Spagat zu leisten, trennen sich die Betreiber von überschüssigen Flächen und treten sie als Bauland ab. Verantwortlich zeichnet dafür der vor zehn Jahren gegründete Evangelische Friedhofsverband Berlin Stadtmitte (EVFBS), zuständig für 46 Friedhöfe in sieben Bezirken. Was der Verband nun in Pankow-Weißensee vormacht, könnte also auch andernorts Schule machen.

Pankow hält Schule auf Klinik-Grundstück für machbar

Das Thema Schulen wiederum ist in Pankow noch dringlicher anzusehen als der Wohnungsbau. So ist der geplante neue Lernort auf dem Friedhof längst nicht der einzige, den Weißensee benötigt. Immerhin handelt es sich laut Stadtrat Torsten Kühne (CDU) um eine der am stärksten wachsenden Schulregionen Berlins. Deshalb ließ Kühne auch an der Ruine des Kinderkrankenhauses Weißensee einen weiteren Standort für eine Schule prüfen, was auf dem verwilderten Brachgelände mit denkmalgeschützten Gebäuden aus den 1910er-Jahren recht schwierig umzusetzen ist. Aber immerhin zeigt eine neue Machbarkeitsstudie: Es geht.

Was die Studie empfiehlt, ist eine Gemeinschaftsschule mit drei Grundschulzügen, vier Zügen der Sekundarstufe I und zwei Zügen der Sekundarstufe II , schreibt Kühne. „Zusätzlich kann auf dem Grundstück, sofern hier ein entsprechender Bedarf seitens des Jugendamtes bestehen sollte, eine Jugendfreizeiteinrichtung untergebracht werden“, heißt es in seinem Bericht.

Wohnen auf Friedhöfen, Lernen auf Klinikgelände – Pankow, Berlins größter und weiterhin am stärksten wachsender Bezirk, zeigt, dass die Entwicklungen nur zu stemmen sind, wenn man Rollenzuschreibungen besonderer Orte neu denkt.