Stadtentwicklung

Pankower Bündnis will Projekt mit 6000 Wohnungen halbieren

Bis zu acht Geschosse auf Feldern im Blankenburg Süden: das ist Anrainern zu viel. Doch wegen Corona kommen sie nicht zu Wort.

Vom Feld zum Baufeld: Der Blankenburger Süden soll auf landeseigenen Ackerflächen in Pankow entstehen und preiswertes Wohnen im Neubau ermöglichen.

Vom Feld zum Baufeld: Der Blankenburger Süden soll auf landeseigenen Ackerflächen in Pankow entstehen und preiswertes Wohnen im Neubau ermöglichen.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Die Sicht der Planer und die Einwände der Bürger – vor wenigen Tagen hätte es wohl eine lebhafte Debatte zum Werkstattverfahren des neuen Stadtviertels Blankenburger Süden gegeben. Doch alle Veranstaltungen zum wichtigsten der großen Berliner Entwicklungsgebiete sind im Zuge der Corona-Krise abgesagt. Dabei haben die künftigen Nachbarn des Viertels mit bis zu 6000 Wohnungen in diesen Tagen besonders viel zu besprechen.

Nun geht das Werkstattverfahren mit vier Planungsteams zum Blankenburger Süden auf früheren Rieselfeldern in Pankow zu Ende – ohne Stellungnahme der Bürger. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung wird die vier „Testentwürfe“ der Planer aus dem Workshop zunächst bei keiner Versammlung zeigen können. Und sie muss erst ein neues Konzept für die Information der Öffentlichkeit entwickeln. Nirgends ist festgehalten, wie Bürgerbeteiligung kontaktlos funktionieren soll. Derweil melden Anwohnerinitiativen aber schon weitreichende Änderungswünsche an. Es gibt sogar die erste politische Forderung, das Bauvolumen von 6000 Wohnungen auf 3000 zu schrumpfen.

Kritik an „Wand in Blankenburg“ mit acht Geschossen auf Pankower Acker

Diese Zahl nennt der Pankower CDU-Fraktionsvorsitzende Johannes Kraft nach mehrwöchigen Diskussionen mit Kiezinitiativen im Norden des Bezirks. Das volle Volumen von fast 6000 Wohnungen sei offenbar nur zu leisten, wenn man an manchen Stellen mehr als acht Geschosse hoch baut, sagt Kraft. Diese „Wand in Blankenburg“ lehne er ab. Darum die Forderung nach einer Verringerung der Wohnungszahl auf das Höchstmaß von 3000. Dies sei eine Reaktion auf die Zwischenpräsentation des Senats zum Werkstattverfahren im Februar, das in Pankow „auf großer Breite Enttäuschung“ ausgelöst habe. Kraft wirbt jetzt dafür, die Bauhöhe im Blankenburger Süden auf vier Vollgeschosse mit einem zurückgesetzten fünften Staffelgeschoss zu beschränken. Was bedeutet, dass man die Zielzahl senken müsste.

Doch das riesige Bauvolumen am Blankenburger Pflasterweg in Pankow hat durchaus gute Gründe. Der Senat argumentiert, dass hier preisgünstige Wohnungen in einem Maß entstehen sollen, wie es bisher sonst nirgends in Berlin gelingt. Mindestens 50 Prozent der Unterkünfte entstehen in der Regie von städtischen Wohnungsbaugesellschaften und mindestens 20 Prozent mit Hilfe von Genossenschaften. Dieses Konzept und die Tatsache, dass auf landeseigenen Flächen gebaut wird, bringen Kostenvorteile, die künftige Mieter deutlich spüren sollen.

Rund 50 Prozent der bis zu 6000 Wohnungen kommen dadurch mit geförderten Mieten auf den Markt, die andere Hälfte bedient „ein mittleres Preissegment“, wie es im Konzept für den Workshop heißt. Der Blankenburger Süden soll also durch seine schiere Größe einen entsprechenden Impuls für günstiges Wohnen geben, anders als teure Neubauprojekte an anderen Orten.

Neues Wohngebiet überragt Ortskern von Pankow-Blankenburg

Trotzdem beharren kritisch eingestellte Gruppen vor allem in Blankenburg, Karow und Buch darauf, dass sich das Maß der Bebauung an den örtlichen Gegebenheiten und den begrenzten Möglichen der Verkehrsstraßen ausrichten muss.

Auch Ines Landgraf vom Siedlungsverein der Erholungsanlage Blankenburg gehört zum Lager der Ortsgruppen, die dem Großprojekt eine Schrumpfkur verordnen wollen. „6000 Wohnungen, das ist zu viel“, sagt Landgraf, die sich mit sechs weiteren Initiativen im direkten Baugebiet auf einer Linie sieht. „Der alte Dorfkern von Blankenburg darf nicht vor einer riesigen Betonmauer stehen“, sagt die Skeptikerin. Drei bis vier Geschosse seien das Maximum. Aber mit dieser Beschränkung werden die Zielzahlen des rot-rot-grünen Senats nicht zu erreichen sein.

Ist die Bauhöhe in Blankenburg noch verhandelbar? Der Pankower SPD-Abgeordnete Dennis Buchner hält es ebenfalls für möglich, das Bauvolumen abzuspecken. Er bekennt sich aber grundsätzlich dazu, die Ergebnisse des Werkstattverfahrens als Grundlage für die weitere Planung zu nehmen. Zwei der vier Testentwürfe, die im Februar bei einer Zwischenpräsentation des Workshops gezeigt wurden, sehe er als „gut geeignet“ an. „Ich würde mich freuen, wenn am Ende klassisch gebaut wird, also mit maximal sechs Geschossen, auch um den Preis, dass es das dann etwas weniger Wohnungen werden. Der Maßstab ,ortsüblich’ ist ja in Blankenburg zwischen Laubenkolonien und Dorfstruktur eher schwierig anzuwenden“, sagt Buchner zum Problem, ein dichtes Stadtquartier an die ländliche Umgebung anzupassen.

Grenzen für die bauliche Dichte im dörflichen Pankower Stadtteil sehen Beobachter nicht nur bei der Bauhöhe, sondern vor allem beim Thema Verkehr. Fest steht, dass eine verlängerte Straßenbahntrasse ab Heinersdorf die neue Siedlung erschließen und mit dem Bahnhof Blankenburg verknüpfen soll. Von dort aus geht es mit der S-Bahnlinie 2, für die ein dichterer Takt im Gespräch ist, Richtung Berliner Stadtzentrum. Hinzu kommt eine Verbindung mit dem Radschnellweg Panke Trail und eine zweispurige Straße, die das Wohngebiet durchzieht. Von einer breit ausgebauten Ringstraße, der sogenannten Tangentialverbindung Nord, ist keine Rede mehr.

Prüfung für Straßenbahnbetriebshof in Weißensee

Eine zweite Veranstaltung, bei der Vertreter des Senats mit Bürgern über dieses Konzept hätten diskutieren sollen, war ebenfalls vom Corona-Versammlungsverbot betroffen. Es ging um die lang erwartete Vorstellung einer Verkehrsuntersuchung für den Berliner Nordost-Raum, die Anhaltspunkte liefern soll, wie Pankow mit mehr als 20.000 neu zu bauenden Wohnungen im Planungsgebiet mobil bleiben soll.

Erfreut zeigt sich Ines Landgraf von der Anlage Blankenburg darüber, dass die Verkehrsverwaltung Befindlichkeiten der Anlieger jetzt detailliert abfragt. Selbst ein besonders strittiger Punkt scheine jetzt lösbar: Ein neuer Straßenbahnbetriebshof für die Tram-Strecke könnte womöglich nicht, wie bisher befürchtet, mitten in der Erholungsanlage Blankenburg entstehen, sondern auf einer Freifläche an der Darßer Straße in Weißensee. „Diese Idee von uns“, sagt Landgraf, „wird wohl ernsthaft geprüft.“