Mauer-Denkmal

Planer des Berliner Mauerwegs vergessen Pankower „Urmauer“

Die Entdeckung eines unbekannten Stücks Mauer galt als Sensation. Doch ein Dokument erklärt sie für wertlos.

Versteckt im Dickicht, wild bemalt von Graffitisprayern: Die Herrichtung eines 80 Meter lange Stücks der Mauer zwischen Pankow und Schönholz als Erinnerungsort ist auch zwei Jahre nach Entdeckung ungewiss – trotz Denkmalschutz.

Versteckt im Dickicht, wild bemalt von Graffitisprayern: Die Herrichtung eines 80 Meter lange Stücks der Mauer zwischen Pankow und Schönholz als Erinnerungsort ist auch zwei Jahre nach Entdeckung ungewiss – trotz Denkmalschutz.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Mahnmal der Geschichte oder eine überschätzte Backsteinwand? Seit dem Fund eines 80 Meter langen Mauerstücks am S-Bahnhof Schönholz, wo der Kalte Krieg den Ostbezirk Pankow von Reinickendorf trennte, streiten Entdecker und Experten immer wieder über den Wert dieses Walls.

Bald nach einer Meldung der Entdeckung durch den Pankower Hobby-Archäologen Christian Bormann im Januar 2018 war klar: Die Wand diente Anfang der 1960er Jahre tatsächlich als Teil der Grenzanlage, die Bürger der DDR an der Flucht in den Westen abhalten sollte – und ist als solches ein Denkmal.

Aber wie und wann will Berlin dieses Denkmal sichtbar machen? Bis heute liegt die beschädigte Wand, die manche sogar als „Urmauer“, also einen Vorläufer der berüchtigten Grenzanlage auffassen, tief im Gestrüpp verborgen. Und die wohl größte Chance zur Schaffung eines neuen Gedenkorts droht jetzt zu platzen.

„Grünes Band“ in Pankow zeichnet die Grenze nach – aber ohne Urmauer

Diese Chance würde entstehen, wenn die Wand vom Berliner Mauerweg, den der Berliner Senat entlang des früheren Grenzverlaufs Stück für Stück mit einem breiten, von Grünanlagen gesäumten Radweg ausbaut, als Stätte der Erinnerung erschlossen wird. Aber obwohl zwölf Millionen Euro für Ausbau und Pflege des Mauerwegs bereitliegen, ist genau das ist nicht vorgesehen. In einem neuen Bericht des Umweltstaatssekretärs Stefan Tidow zur Untersuchung des Grenzgebiets in Pankow heißt es, dass dort „keine historischen Mauerreste der Grenzanlagen“ vorhanden sind.

Ein Urteil, das Kenner irritiert. Und dem der Pankower SPD-Abgeordnete Torsten Hofer nun widerspricht. Auf Antrag seiner Fraktion wird zur Gestaltung des Berliner Mauerwegs an dieser Stelle im Abgeordnetenhaus ein ausführlicher Bericht eingefordert. Schwerpunkt: der Status der Mauer in Schönholz.

„Viele Leute wollen wissen, wo die Mauer stand“, meint Hofer. Und dieses mysteriöse Stück wecke erst recht Neugier und Spannung. Deshalb sei es ein schwerer Fehler, den Mauerweg an der Schützenstraße am Bahnhof Schönholz als so genanntes „Grünes Band“ auszubauen – und die Mauer im Dickicht hinter dem Weg verrotten zu lassen.

Nach Hofers Ansicht bietet sich sogar die Chance, bei der Erforschung des früheren Grenzgebiets weitere Spuren der Berliner Teilung zu entdecken – „ich gehe davon aus, dass man noch mehr historische Funde machen kann, wenn man gründlich sucht“. Eine Möglichkeit, die verloren geht, wenn man jetzt die Erschließung der bereits entdeckten „Urmauer“ unterlässt.

Landesdenkmalamt: Erinnerungsorte am Mauerweg kenntlich machen

Ob Planer das Mauerstück in dem Dokument der Senatsumweltverwaltung schlichtweg vergessen haben oder ob sie es tatsächlich für wertlos erachten, wird im Hause von Senatorin Regine Günther (Grüne) derzeit noch einmal geprüft.

Während das Ergebnis noch aussteht, legt sich die Senatskulturverwaltung schon fest: Sie sieht den Wert der Mauer am Bahnhof Schönholz definitiv als erwiesen an. Sprecher Daniel Bartsch bekräftigt auf Nachfrage auch nochmals, dass es sich um ein Denkmal handelt. „Das Landesdenkmalamt hat den in Schönholz entdeckten Mauerrest im März 2018 in die Liste aufgenommen als weiteres Element der bereits bestehenden Gesamtanlage ,Berliner Mauer’“, betont Bartsch.

Es sei aus konservatorischer Sicht „wünschenswert, dass der Fahrradweg entlang des ehemaligen Mauerstreifens saniert, Erinnerungsorte entlang des Grenzstreifens durch Erläuterungen kenntlich gemacht und insbesondere authentische Überreste der Grenzanlagen erläutert werden“, heißt es von der Kulturverwaltung. Ginge es danach, bekäme Berlin sowohl eine attraktive Fahrradstrecke als auch eine neue Attraktion am Mauerweg.

Visit Berlin empfiehlt Urmauer zwischen Pankow und Reinickendorf als Geheimtipp

Für Torsten Hofer ein Hoffnungsschimmer für die Herrichtung des Gedenkorts an der mutmaßlichen „Urmauer“, die immerhin sogar Berlins Tourismus-Gesellschaft Visit Berlin als „Geheimtipp“ bewirbt. Um der verwilderten Ecke in der Biegung der Budde- und Schützenstraße in Pankow mehr Charakter zu verleihen, könne man den Straßenzug auch komplett umbenennen, schlägt der SPD-Abgeordnete vor – die Adresse „Am Grünen Band“ würde die relativ neue Bezeichnung des Mauerradwegs den Berlinern mehr ins Bewusstsein rufen.

Mit einer „Urmauer“ am Grünen Band hätte der unwirtliche Grenzstreifen im Niemandsland zwischen Pankow und Reinickendorf nicht nur für Hobbyarchäologen Wert – sondern auch für jeden leidenschaftlichen Radfahrer und Geschichtsfreund.

Update: Nach Erscheinen dieses Berichts hat auch die Senatsumweltverwaltung zugesagt, dass die Mauerreste am Bahnhof Schönholz von der Stiftung Grün Berlin in Abstimmung mit der Stiftung Berliner Mauer in den Verlauf des Mauerwegs einbezogen „und angemessen berücksichtigt“ werden.