Mangelnde Schulplätze

Großinvestition in Weißensee: Rüsten für den Schüler-Boom

Weißensee ist die am stärksten wachsende Schulregion im familienreichen Pankow. Nun glückte ein millionenschwerer Deal zum Ausbau der Schulen.

Eine der gefragtesten Schulen Berlins baut endlich aus: Das Primo-Levi-Gymnasium in Weißensee.

Eine der gefragtesten Schulen Berlins baut endlich aus: Das Primo-Levi-Gymnasium in Weißensee.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Trügerische Ruhe liegt über dem Weiher. Im Wasser des Kreuzpfuhls spiegeln sich die Zinnen des altehrwürdigen Primo-Levi-Gymnasiums, das in diesen Tagen nur ferien- und coronabedingt leer steht, aber weit über Weißensee und Pankow hinaus Ansehen genießt – und sich regelmäßig auf Platz eins der gefragtesten Lernorte Berlins wiederfindet. „Die Schule ist mit 1200 Kindern und Jugendlichen jetzt schon voll bis zum letzten Platz“, berichtet der Mann, der wie kaum ein anderer dem Druck standhalten muss, eine Eskalation des Schulplatzmangels im stark wachsenden Pankow abzuwenden: Stadtrat Torsten Kühne (CDU). Er warnt seit Jahren: Die Platzreserven sind zwar restlos ausgereizt. Aber die Schülerschaft – sie wächst, ungeachtet der Platznot, eher noch stärker als bisher. Nirgends ist der Druck so hoch wie in Weißensee.

Wie man diese Situation von immer höherer Nachfrage bei gleichbleibendem Angebot unter Kontrolle bringt? Kühne und die Pankower Bezirkspolitiker wussten die Antwort schon lange. Man hatte die Lösung aus den Fenstern des denkmalgeschützten Levi-Gymnasiums blickend ja ständig vor Augen: Da lag das Brachgrundstück auf der anderen Straßenseite der Woelckpromenade. Wenn irgendwo im dicht bebauten Weißensee noch zusätzliche Klassenzimmer entstehen können, dann hier.

Berlin musste Schulgrundstück in Weißensee für zweistelligen Millionenbetrag kaufen

Nur: Das Brachgrundstück gehörte einem Eigentümer, der lieber Wohnungen bauen wollte, weil die ja ebenso sehr gebraucht werden wie Klassenzimmer. In Weißensee ist die Frage nach Schulplätzen – wie in vielen Pankower Stadtteilen – aber noch dringender zu beantworten als die Frage nach dem Wohnen. So führte für den Staat kein Weg daran vorbei, die wegen ihres Baurechts hochattraktive Fläche gegenüber dem Levi-Gymnasium für einen entsprechend stattlichen Betrag zu kaufen. Während der Vertrag hierfür unterschrieben war, fehlte allerdings noch das Geld. Erst zum Jahreswechsel war klar, dass als Quelle der Fördertopf der Siwana-Mittel des Landes Berlin herhalten darf. „Aber dann musste noch der Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses zustimmen“, blickt Kühne auf die formellen Hürden zurück.

Als das im Januar geschah, musste der Senat noch zustimmen. Da war es Januar – und der Grundstücksdeal an der Woelckpromande war noch immer nicht bezahlt. Dann ging der Vorgang im März, zum ersten Höhepunkt der Corona-Krise, ein weiteres Mal zur Abstimmung ins Abgeordnetenhaus. Die entscheidende Sitzung stand kurz vor der Absage. Und wäre sie geplatzt, hätte der Kauf des Schulgrundstücks in Weißensee noch scheitern können. Stattdessen bekam Pankow die Freigabe zum Erwerb der bedeutenden Fläche. „Es war eine Punktlandung wenige Tage vor Ablauf des Kaufvertrags“, zeigt sich Stadtrat Kühne erleichtert über die Einigung im allerletzten Moment. Wie viel Geld das Land Berlin dem privaten Eigentümer überweisen musste, darüber wurde Stillschweigen vereinbart. Sicher ist: Es handelt sich um einen Betrag in zweistelliger Millionenhöhe.

Viel Geld. Aber wenn Berlin – und insbesondere der Bezirk Pankow – die Schulplatznot abwenden will, wird das seinen Preis haben. Das zeigt exemplarisch der Fall des Levi-Gymnasiums in Weißensee. Schlimmstenfalls 9500 Unterrichtsplätze könnten in den nächsten Jahren in Berlin fehlen, wenn man nicht hart gegensteuert, hatte die Senatsbildungsverwaltung 2019 unter Senatorin Sandra Scheeres (SPD) gewarnt. Im Bezirk Pankow, Scheeres Heimat, ist die Not heute schon so groß, dass mehrere Hundert Kinder aus Prenzlauer Berg teilweise an Gymnasien in Grunewald pendeln müssen. Weil das den wenigsten Familien gefällt, hat sich Pankow das Ziel gesetzt, alle seine rund 70.000 Kinder selbst unterrichten zu können. Obwohl darauf kein Rechtsanspruch besteht.

Ein Grundstock für die bezirkseigene Expansion: der Schulneubau auf der Brachfläche auf dem gekauften Grundstück in Weißensee. „All das, was man im denkmalgeschützten Altbau des Levi-Gymnasiums nur schwer unterbringen kann, entsteht hier“, blickt Schulstadtrat Torsten Kühne nach vorn. Modernste Fachunterrichtsräume sollen ebenso eröffnen wie eine neue Mensa. Erst durch die Gestaltungsmöglichkeiten eines Neubaus ist man von den Denkmalschutzauflagen befreit. Gemeinsam mit dem Baupartner, der landeseigenen Gesellschaft Howoge, entwirft man in diesen Tagen unter Hochdruck einen Plan, damit der Neubau bestenfalls schon in zwei Jahren Grundsteinlegung feiert. Mindestens 60 Millionen Euro sind derzeit für das Vorhaben reserviert.

Pankow braucht 24 neue Grundschulen bis 2030

In dem Moment, wenn dieser Neubau öffnet, schließt ein zweiter Block des Levi-Gymnasiums an der Pistoriusstraße. In dessen Räumen wiederum soll nach der Sanierung eine völlig neue Grundschule mit 430 Plätzen ihre Gründung feiern. Erst dadurch, dass das Levi-Gymnasiums seine alte Außenstelle verlässt, entspannt sich in Weißensee die Situation bei den Grundschulplätzen. Dort, wo der Druck am höchsten ist: in der Alterspyramide ganz unten. Nicht weniger als 24 neue Grundschulen benötigt Pankow bis zum Jahr 2030, wenn im größten Berliner Bezirk womöglich 460.000 Einwohner leben werden.

Während die Corona-Krise viele Bereiche der Wirtschaft lähmt, scheint sie der bislang eher schleppenden verlaufenden Sanierung der Berliner Schulen verblüffenden Antrieb zu geben. „Alles, was geplant ist, läuft weiter“, sieht Stadtrat Kühne einen geradlinigen Verlauf der verabredeten Bauarbeiten im Rahmen der Berliner Schulbauoffensive. Hinzu kommt: Es gebe inzwischen Anzeichen, dass Aufträge von Bezirksämtern zur Herrichtung von maroden Lernorten bei Firmen an Attraktivität gewinnen. Solche oft geschmähten Arbeitsangebote sind für Betriebe plötzlich eine sichere Bank in höchst unübersichtlichen Zeiten.