Großprojekt in Prenzlauer Berg

Lompscher: Jahn-Sportpark als „außergewöhnliches“ Projekt

Im Januar hatte Pankow das Verfahren zur Erneuerung des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks an den Senat abgegeben. Die Kritik hält an.

Sache des Senats: Der Abriss und Neubau des Stadions im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark ist der Hauptbaustein bei der kompletten Erneuerung des Sportparks.

Sache des Senats: Der Abriss und Neubau des Stadions im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark ist der Hauptbaustein bei der kompletten Erneuerung des Sportparks.

Foto: Annegret Hilse / dpa

Berlin. In den monatelangen Streit um den Abriss und Neubau des Jahn-Stadions in Prenzlauer Berg hat Bausenatorin Katrin Lompscher (Linke) nun auch formell die Projektführung übernommen – und sich ausdrücklich zum Großprojekt bekannt. In einer Vorlage sprach sie dem 120 Millionen teure Vorhaben, das mit einer kompletten Neugestaltung Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportparks einhergeht, eine „außergewöhnliche stadtpolitische Bedeutung“ zu. Bereits im Januar hatte das Bezirksamt Pankow bekanntgegeben, das geforderte Bebauungsplanverfahren wegen Personalmangels nicht selbst durchführen zu können. Und die Planung deshalb abzugeben.

Auslöser der Übernahme in die Verantwortung der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung war, wie berichtet, ein Schreiben von Senatsbaudirektorin Regula Lüscher mit der Anfrage, ob der Bezirk in der Lage sei, im ersten Quartal 2020 in nur drei Monaten einen Bebauungsplan für den geplanten Umbau des Jahn-Sportparks aufzustellen. In sechs Tagen sollte die Antwort vorliegen. Weil die Forderung nicht zu erfüllen war, wechselte die Zuständigkeit direkt an den Senat - obwohl Bezirkspolitiker davor warnten, dass Pankow damit seine Einflussmöglichkeiten verliert.

Jetzt drei Senatsverwaltung mit dem Großprojekt Jahn-Sportpark in Pankow befasst

Schon die erste Online-Beteiligung von Anwohnern lag dann in den Händen der Senatssportverwaltung. Nun schaltetet sich auch Lompscher erstmals öffentlich ein in das Neubauvorhaben der drittgrößten Sportanlage Berlins, die sich direkt neben dem Mauerpark befindet und erst 1987 zur 750-Jahr-Feier Berlins die Fertigstellung feierte. Laut Lompschers Fachabteilung weisen aber „der Sportpark und insbesondere das Stadion erhebliche funktionale Schwächen auf“.

Mit der Feststellung der „außergewöhnlichen“ Bedeutung der Neugestaltung soll es nun ein Konzept geben, bei dem die sportfachlichen, städtebaulichen und verkehrlichen Anforderungen zusammenkommen. Dementsprechend sind drei Senatsverwaltungen mit der Neugestaltung des Jahn-Sportparks befasst, die Ende 2020 mit einem Abriss des Jahn-Stadions beginnen soll. Ziel ist die Umwandlung des Areals in einen modernen Inklusions-Sportpark mit einem neuen Stadion, das wie das alte 20.000 Besucher aufnehmen kann.

Initiative Bürger-Sportpark befürchtet große Problem bei Umwelt und Verkehr

Trotz der Erklärungen, dass eine befürchtete Rodung von bis zu 240 Bäumen am Stadion entfällt und der Nachricht, dass das neue Stadion umweltfreundlichen Solarstrom produzieren wird, reißt die Kritik am Projekt aus der Nachbarschaft nicht ab. Die Initiative Bürger-Sportpark aus Prenzlauer Berg bezweifelt, dass der Senat bei den Themen Bürgerbeteiligung, Klimaschutz und Mobilität den eigenen Ansprüchen gerecht werden kann. In einem Brief kritisiert die Initiative als Reaktion auf Lompschers Einlassung erneut den „sinnlosen Abriss eines großen Stadions für den Neubau eines ebenso großen Stadions, und den mehr als fragwürdigen Neubau eines Parkhauses“. Das stehe „in klarem Gegensatz zu den Zielen, die sich der Senat noch im Dezember gesetzt hat, als er die Klimanotlage anerkannt hat“ - so heißt es im Schreiben.

Die Senatssportverwaltung hatte Ende März in einer Beantwortung von Anfragen des Grünen-Abgeordneten Andreas Otto viele der bisherigen Vorwürfe zu widerlegen versucht. Aus den Antworten und Erklärungen geht hervor: Ob ein Parkhaus errichtet wird, steht derzeit noch nicht fest - ein gewisses Kontingent an Parkplätzen sei gefordert, um die Kriterien des Inklusionssports zu erfüllen. Und die befürchtete Massenfällung von Bäumen finde nicht statt.

Auskünfte, die den Kritikern aus der Initiative Bürger-Sportpark nicht genügen. Sie fordern statt des Abrisses einen „behutsamen Umbau“ des bestehenden Stadions, ein klimagerechtes Mobilitätskonzept, das den Autoverkehr nicht begünstigt, und einen Jahn-Sportpark, der Anwohnern zur Erholung dient. Als Grundproblem sieht man die rasche Entscheidung über den Abriss des heutigen Stadions. Dieser zentrale Baustein des Projekts sei aus der Bürgerbeteiligung ausgenommen worden - um schnell Fakten zu schaffen, wie die Bürger vermuten. Sie wollen auch unter der Projektregie des Senats weiterhin protestieren gegen „die Instrumentalisierung des Inklusionssports für kommerzielle Interessen“.

Unterstützung für das derzeit prominenteste Sport-Projekt in Berlin neben dem noch offenen Stadion-Neubau für den Fußball-Erstligisten Hertha BSC-Berlin signalisieren die Fraktionen der CDU und der FDP im Abgeordnetenhaus. Schon 2019 hatte der Abgeordnete Stephan Standfuß vor Verzögerungen des Stadion-Neubaus gewarnt, mit denen Berlin einen „neuen BER“ drohe. Jetzt sieht es FDP-Mann Stefan Förster als Vorteil an, dass der Senat das Bezirksamt Pankow entmachtet hat – „hier gibt es die Kapazität und den Willen, schnell zu Baurecht zu kommen. Es kann nicht sein, dass diese Leuchtturmprojekt für den inklusiven Behindertensport an Partikularinteressen scheitert“.

Selten genug kommt es vor, dass eine Linken-Senatorin und ein Liberaler dem gleichen Projekt höchste Priorität bescheinigen: Beim Jahn-Sportpark in Prenzlauer Berg ist das – zum Ärger der Kritiker – der Fall.