Corona-Krise

Corona in Pankow: „Welle der Erkrankungen steht noch bevor“

Bezirksbürgermeister Sören Benn über jugendliche Regelbrecher, Pankows neue Corona-Hotline und Familien im Ausnahmezustand.

Bezirksbürgermeister Sören Benn im Rathaus Pankow.

Bezirksbürgermeister Sören Benn im Rathaus Pankow.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. In keinem Bezirk sind so viele Kinder von den Einschränkungen durch die Corona-Krise betroffen wie in Pankow – mehr als 70.000 Minderjährige suchen ohne Kita und Schule nach Orientierung. Bürgermeister Sören Benn (Linke) sieht es mit Sorge, dass Familien Absperrbänder an Spielplätzen ignorieren und Parkbesucher im Grünen verweilen, als gebe es keine Pandemie. Mit einem Clip bei Youtube beschwor Benn Jugendliche, die das Coronavirus zu leicht nehmen, mit den Worten: „Reißt euch zusammen. Wenn das hier zu lange dauert, wacht ihr in einem Krisenstaat auf.“ Im Gespräch mit der Berliner Morgenpost erklärt der Rathaus-Chef, wie die neue Corona-Hotline des Bezirks läuft. Und gibt auch eine erste Einschätzung dazu ab, wie sich der wochenlange Stillstand auf einige der größten Wohnungsbauprojekte Berlins auswirken könnte.

Herr Benn, wie lange kann man Ihrer Meinung nach 410.000 Menschen in Berlins einwohnerstärkstem Bezirk Ausgangsbeschränkungen zumuten?

Sören Benn Das weiß ich nicht. Wahrscheinlich so lange, wie die Erforderlichkeit gegeben ist und verstanden wird, wie die wirtschaftlichen Einbrüche abgefedert werden. Aufkommender Frühling wird die Akzeptanz schwinden lassen. Wir sind alle beeinflussbar. Also wird es entscheidend davon abhängen, welchen Stab die Medien des Landes über die politischen Maßnahmen brechen. Wichtiger als alle Verbote ist, dass alle sich konsequent an die Abstandsregeln und die regelmäßige Handhygiene halten und möglichst wenig Zeit in geschlossenen öffentlichen Räumen verbringen. Oder im Öffentlichen Personennahverkehr und Lebensmittelmärkten.

In Pankows Parks und auf Spielplätzen werden in diesen Tagen Polizisten herbeigerufen, um Besucher fortzuschicken, die den Mindestabstand nicht einhalten oder das Flatterband am Spielplatztor ignorieren. Haben Sie dafür Verständnis, dass manche die neuen Regeln mutwillig brechen?

Nein, habe ich nicht, denn ich will keine generelle Ausgangssperre. Es ist immer so, dass nicht alle solche Maßnahmen für notwendig und sinnvoll halten. Aber es ist ein bisschen unreif, in dieser Situation den Regelbrecher zu geben. Natürlich ist es hart, mit den Kleinen nicht auf den Spielplatz zu können. Aber Solidarität heißt in diesen Zeiten eben auch, dass alle die beschlossenen Einschränkungen gemeinsam ertragen. Erlauben wir uns hier Schwachheiten, bröckelt diese Bereitschaft zur Enthaltsamkeit vom Gewohnten. Darum muss die Polizei hier konsequent sein. Wo es Unsicherheiten zur Auslegung einzelner Regelungen gibt, müssen die geschärft werden.

Sie haben sich bei Youtube zu Wort gemeldet und in jugendgerechter Sprache das „Stay Home“ gefordert. Welche Reaktionen gab es?

Weit überwiegend positiv, 11.000 Aufrufe und viele Likes auf der Plattform selbst und natürlich auch auf anderen Kanälen. Viele haben es als angemessen und unterstützend empfunden, den Ernst der Situation zu vermitteln und die Kommunalpolitik in Erscheinung treten zu sehen. Manche fanden es aufgesetzt, schlecht gemacht und anbiedernd an die Jugendsprache. Was soll’s. Ich will kein Influencer werden. Meinen Kindern war ich nicht peinlich. Das ist mein Maßstab.

Der Gesundheitsstadtrat spricht davon, dass das Rathaus Pankow zum Pandemie-Zen­trum ausgebaut wird. Auch Mitarbeiter aus dem Bereich Kultur wurden versetzt und betreuen dort eine Corona-Hotline. Wie viele Anrufe gehen dort täglich ein? Was sind die dringendsten Anliegen der Menschen?

In den ersten acht Tagen seit Einrichtung der Hotline hatten wir 1120 Anrufe. Die Mehrheit meldete uns Kontakt mit infizierten Personen und Verdacht auf eigene Infizierung. Zudem gefragt waren Informationen zu Schließungen von Geschäften und Einrichtungen, zu Entschädigungen bei Einkommensausfall und Geschäftsschließungen sowie allgemeine Auskünfte zur Lage und Entwicklung. Auch andere Behörden nutzen die zentrale Nummer für ihre Anfragen.

Wie erklärt man Mitarbeitern der Hotline, die mit kulturellen Themen befasst waren, dass sie jetzt in einer Art Callcenter sitzen?

Das war gar kein Problem. Da musste auch nichts erklärt werden. Unsere Bibliotheken sind ja auch keine schnöden Buchausleihen. Da haben wir sehr qualifiziertes Personal, das sich auch ständig weiterbildet. Bei der Hotline-Tätigkeit geht es darum, den Fragen, Ängsten und Unsicherheiten der Bevölkerung zu begegnen, sie aufzuklären und bei Bedarf intern weiterzuvermitteln. Mit einer eintägigen Schulung und den umfangreichen Internet-Inhalten der Berliner Verwaltung sind alle dafür gut aufgestellt. Aktuell arbeiten wir gerade an der Verstärkung dieses Teams sowie des Teams zur Kontaktpersonennachverfolgung, das ab Mittwoch arbeitsfähig sein wird.

Pankow hat eine Fläche von 103 Quadratkilometern – die offizielle Corona-Anlaufstelle im Krankenhaus Prenzlauer Berg liegt ganz im Süden. Wären Drive-in-Teststellen für die entfernteren Stadtteile aus Ihrer Sicht eine Lösung?

Immerhin haben wir so eine Stelle bei uns im Bezirk. Sie liegt im dicht besiedelten Gebiet, das ist erst mal praktisch. Ziel muss aber sein, den Andrang dort klein zu halten und die Leute vorher zu kanalisieren. Hier leisten unsere Hotline und die gut strukturierten Informationen im Internet schon gute Dienste. Bei Ausweitung von Testkapazitäten steht das Personal in Krankenhäusern und Gesundheitsämtern zunächst im Fokus. Ob die Drive-in epidemiologisch Sinn machen, kann ich nicht beurteilen. Haben Sie einen negativen Befund, können Sie sich kurz danach dennoch anstecken. Das gibt vielleicht eher eine Scheinsicherheit. Wenn es aber überschießende Kapazitäten geben sollte und man auch eine bereits erworbene Immunität nachweisen könnte, wäre das etwas anderes.

Nirgends in Berlin leiden so viele Kinder unter den Einschränkungen wegen der Corona-Krise wie in Pankow. Wie kann das Bezirksamt auf diese besondere Situation eingehen?

Ich denke, dass die Kinder in anderen Bezirken nicht weniger unter den Einschränkungen leiden als die Pankids. Aber 24 Stunden mal sieben Tage die Woche Budenkoller können ein Familiensystem in einen gefährlichen Ausnahmezustand bringen. Alleinerziehende, von denen wir in Pankow sehr viele haben, sind noch einmal besonders belastet. Wir haben das von Anfang an mit auf dem Schirm gehabt. Der Kinderschutz und die Erziehungsberatungen arbeiten natürlich unvermindert weiter. Trotzdem kann es zu Engpässen bei der Unterbringung kommen, wenn wir Kinder aus den Familien nehmen müssen. Mir ist wichtig, den Familien zu sagen: Wenn es unter diesen Umständen mal rappelt im Karton, dann ist das normal, ja geradezu gesund. Wir sind nicht gemacht, um mit der Kernfamilie eingesperrt zu sein. Seid also großzügiger als sonst miteinander. Aber körperliche oder seelische Gewalt sind tabu. Wer sich hier selbst nicht im Griff hat, sollte besser früher als später ein Hilfetelefon wählen. Wir Männer sind da besonders anfällig.

In Pankow leben überdurchschnittlich viele Freiberufler und Unternehmer in Kulturberufen – wie kann das Bezirksamt ihnen helfen?

Zunächst ist es gut, dass die Landesregierung schnell gehandelt hat und die Anträge jetzt bei der Investitionsbank Berlin (IBB) gestellt werden können. Alle ziehen offenbar an einem Strang, so dass nun zügig Anträge auf Soforthilfen und Kredite gestellt werden können. Bleibt zu hoffen, dass die IBB personell und servertechnisch so aufgestellt ist, dass die Gelder schnell bewilligt werden. Diese Menschen arbeiten unter oft prekären Bedingungen ohne die Chance, Vorsorge zu betreiben. Unsere bezirkliche Wirtschaftsförderung wird hier nach Kräften unterstützen.

Pankow war schon vor der Corona-Krise von Personalmangel betroffen. Wie hat sich das Problem inzwischen noch verschärft?

Problematisch ist die Situation natürlich im Gesundheitsamt, wo die altbekannten Personaldefizite besonders ärgerlich sind. Auch bei Auswahlterminen von Stellenbewerbungen halten wir uns schmerzlich zurück, nur bereits terminierte und unabweisbare Verfahren führen wir weiter. Es gibt Angebote von externen Ärzten, die wir prüfen und gegebenenfalls auf Honorarbasis kurzfristig generieren können. Von unseren 2400 Beschäftigten brauchen wir knapp 1000, um Schlüsselfunktionen des Pandemiefalles abzudecken, dadurch haben wir eine kleine Reserve zur Verstärkung anderer Bereiche. Aber die Welle der Erkrankungen steht noch bevor, und dann kann es auch im Notbetrieb eng werden.

Wie soll das politische Tagesgeschäft eines Bezirksamts und einer Bezirksverordnetenversammlung weitergehen, wenn größere Versammlungen auch weiterhin nicht möglich sind?

Wir lernen da gerade ganz schnell dazu und greifen bei informellen Runden mit Telefon- und Videokonferenzen zu Lösungen. Die Tagungen von Bezirksamt und BVV dürfen und müssen ja weiter stattfinden, unterliegen aber strengen Regularien und erfordern nach derzeitiger Rechtslage die Anwesenheit zur Abstimmung. Daher müssen wir wegen der Abstandsregel in größeren Räumen tagen, so ist das Bezirksamt demnächst im Großen Ratssaal. Mit der BVV gehen wir in die Aula der Bruno Taut Schule in Lichtenberg, um die Abstandsregeln und Öffentlichkeit gewährleisten zu können.

In Pankow sind einige der größten Wohnungsbauprojekte Berlins in Planung. Nun kommt Corona dazwischen. Mit welchen Verzögerungen rechnen Sie jetzt bei den Zeitplänen?

Das ist nicht seriös vorhersagbar. Mein Bauchgefühl geht von einem halben Jahr aus. Aber das ist ein sehr grober Leisten. Je nachdem, an welchem Punkt wir im jeweiligen Projekt stehen, kann das auch mehr oder weniger sein. Nicht jeder Planungsschritt und nicht jede anstehende fachliche Stellungnahme wird durch Corona drastisch verzögert. Planungsbüros könne in der Regel gut mit digitalisierten Arbeitsformen umgehen.

Viele begreifen die Corona-Krise auch als Chance für einen Neuanfang. Was wäre die Chance für Pankow?

Neuanfänge gibt es nicht. Leben ist immer Fortsetzung. Aber wir erleben einen Kontinuitätsbruch. Und wir erleben, dass vieles auch ganz anders geht. Diese Erfahrung wird sich, hoffentlich, einschreiben in jeden und jede von uns. Ich hoffe auf einen Innovationsschub bei modernen Arbeitsmethoden. Wir erleben auch schmerzlich die Lücke, die im digitalen Bereich noch klafft, um diese Methoden auch regelhaft einsetzen zu können. Ich erlebe nun schon zum wiederholten Male, wie sehr viele Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen es wertschätzen, auch mal etwas anderes tun zu können als das, was sie immer tun. Rotation ist hier das Stichwort zum Merken. Die Belegschaft lernt sich neu kennen, erlebt sich neu in der gemeinsamen Bewältigung von Herausforderungen, auch das wird bleiben und positiv wirken. Außerdem lebt der Bezirk seine solidarischen und nachbarschaftlichen Qualitäten voll aus. Da werden gerade neue Freundschaften fürs Leben geschlossen. Pankow vernetzt sich neu und tiefer. Das ist wie ein Reboot. Wir werden mit einer gestärkten Identität und mehr Gemeinsinn aus der Krise hervorgehen.

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