Corona-Krise

Zettelstreit um rumänische Obdachlose am Gabenzaun in Pankow

Am Bahnhof Pankow hängen Helfer wegen der Corona-Krise Beutel mit Desinfektionsmitteln auf. Doch andere Aushänge warnen vor Spenden.

Umstrittener Gabenzaun: Helfer wollen die Obdachlosen vom Bahnhof Pankow mit Beuteln voller Hilfsgüter kontaktlos versorgen. Doch das gefällt nicht jedem.

Umstrittener Gabenzaun: Helfer wollen die Obdachlosen vom Bahnhof Pankow mit Beuteln voller Hilfsgüter kontaktlos versorgen. Doch das gefällt nicht jedem.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Die einen sehen es als solidarische Pflicht, den Frauen und Männern zu helfen, die am Bahnhof Pankow leben. Die anderen sind skeptisch, ob diese Art des Beistands die richtige ist: Um den neuen Gabenzaun am Garbatyplatz ist ein Streit entbrannt. Ausgetragen wird er mit mit Hilfe von Zetteln.

Erst kamen die Aushänge, die Passanten auffordern, Tüten mit Desinfektionsmitteln, Hygieneartikeln, Lebensmitteln und Kleidung am Zaun zu befestigen. Gleich darauf folgte eine gehässige Antwort an die „lieben Gutmenschen“, wie der Autor die Spender titulierte. Der Tenor: Bei den Obdachlosen handle es sich um eine Bande rumänischer Bettelbetrüger. Man solle den Gabenzaun aufgeben und lieber örtlichen Suppenküchen helfen, hieß es in dem Schreiben.

Das Schreiben hing am Mittwochabend in mehrfacher Ausführung zwischen den Spendenbeuteln. Am Donnerstag waren die Säcke mit den Geschenken abgenommen – und die kritischen Zettel zerrissen.

Gabenzäune sollen Versorgung von Obdachlosen während der Corona-Krise sichern

Ihren Ursprung hat die Gabenzaun-Aktion in Neukölln und Kreuzberg, wo Helfer vor wenigen Tagen dazu aufriefen, Zäune mit Hilfsgütern zu bestücken, um Obdachlosen zu helfen, die der Corona-Krise besonders hart ausgeliefert sind. Etliche Berliner Hilfseinrichtungen mussten ihren Betrieb einschränken.

Auch die Suppenküche des Franziskaner-Klosters in Pankow, die viele der Wohnungslosen am dortigen Bahnhof versorgt, reicht nur noch Brot-Pakete auf die Straße heraus, kann aber keine Besucher mehr hereinbitten. Kompensieren sollen mögliche Engpässe in der Versorgung die Gabenzäune, die vielerorts in Berlin eine kontaktlose Übergabe von Hilfsgütern erlauben. So ist das Risiko der Infektion mit dem Coronavirus nahezu ausgeschlossen.

Am Neuköllner Zaunprojekt an der Herrfurthstraße kam es anfangs zu einem Missverständnis, als die BSR die Beutelsammlung als Müll interpretierte und entfernte. Inzwischen hat sich die Aktion in Berlin so weit herumgesprochen, dass immer mehr Spendenstellen entstehen. Im Pankower Bezirksgebiet stand zunächst ein Zaun am S-Bahnhof Landsberger Allee in Prenzlauer Berg zur Verfügung, dann folgten zwei Stellen am S- und U-Bahnhof Pankow: ein Zaun am Ausgang der Berliner Straße, der andere am Garbatyplatz, wo vor allem Menschen mit rumänischen Wurzeln gestrandet sind.

Keine Spenden für Rumänen? - „Das wäre purer Rassismus“

Mit der Aufforderung, Spenden an diese Zielgruppe zu unterlassen, flammt ein jahrelanger Streit wieder auf. Schon 2018 häuften sich Beschwerden von Pankowern, die sich vor allem von angetrunkenen Männern belästigt fühlten, die überwiegend zu der Gruppe der Rumänen gehören. Ein Sicherheitsdienst sorgte dann dafür, dass sich der Konflikt nicht in den örtlichen Geschäften und an den Eingang des Ärztehauses auf dem Garbatyplatz verlagert.

Auch in Zeiten der Ausgangsbeschränkungen durch die Corona-Krise harren die Obdachlosen nach wie vor zwischen dem Ärztehaus und der Bahnhofshalle zumeist im Freien aus. Sollte man sie tatsächlich von Spenden ausschließen?

„Das wäre purer Rassismus“, sagte am Donnerstag ein junger Helfer namens Paul, der den „abgeernteten“ Zaun mit neuen Geschenken bestückte – und die kritischen Zettel als Form der Stigmatisierung sieht. Paul meint, man müsse die Lage nun im Auge behalten und dafür sorgen, dass den über Nacht entfernten Schreiben der Spenden-Gegner keine neuen Folgen.

Alle Nachrichten zum Coronavirus in Berlin, Deutschland und der Welt: Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Coronavirus in Berlin haben wir hier für Sie zusammengefasst. Darüber hinaus berichten wir in einem Newsblog laufend über die aktuellsten Entwicklungen bei der Ausbreitung und Eindämmung des Coronavirus in Berlin. Die überregionalen News zu Covid-19 können Sie hier lesen. Zudem zeigen wir in einer interaktiven Karte, wie sich das Coronavirus in Deutschland, Europa und der Welt ausbreitet. Alle weiteren wichtigen Informationen zum Coronavirus bekommen Sie hier.