Berlin-Pankow

Zu lustig für die Leichenhalle: Ein Theater auf Raumsuche

Das Theater o.N. ist im Kollwitzkiez von Prenzlauer Berg ein Original. Und will trotz Schallschutz und steigender Mieten weiterleben.

Mit Kindern für Kinder:Im Kindertheater o.N. treten Besucher auch mal selbst in Aktion.

Mit Kindern für Kinder:Im Kindertheater o.N. treten Besucher auch mal selbst in Aktion.

Foto: Promo / Theater oN / BM

Berlin. Sie sind auf den Bänken zusammengerückt – aber immerhin: Sie konnten bleiben. Kinder mit leuchtenden Augen sind auch weiterhin das Wichtigste am Theaters o.N. Sie sind der Grund, weshalb sich die Bühne in der umgebauten Gründerzeitwohnung trotz aller Widrigkeiten behaupten kann.

Von den einstmals 50 Plätzen auf den Rängen gingen zuletzt 15 verloren. Des Schallschutzes wegen, wie Theaterleiterin Vera Strobel erklärt. Ohne den Einbau der Geräuschdämmung an den Wänden auf Kosten des Landes Berlin war ein neuer Mietvertrag im stuckverzierten Vorderhaus an der Kollwitzstraße nicht zu haben. Der läuft bis 2022. Wie es danach weitergeht? Strobel und das Team wissen es nicht. „Wir schauen uns natürlich schon um“, sagt die Künstlerin. Aber was die Theatermacher beim Umschauen finden, erfüllt sie mit Sorge.

Zu teuer, zu klein, zu entlegen. Das Lokal in der Kollwitzstraße, wo Dämmmatten das Kinderlachen schlucken, bleibt alternativlos. An fehlender Hilfe vom Bezirksamt Pankow wird das Fortbestehen des o.N. eher nicht scheitern. Immer wieder ließen Bürgermeister Sören Benn (Linke) und Immobilienstadtrat Torsten Kühne (CDU) das kleine Portfolio an landeseigenen Räumen prüfen.

Einzige Option: eine Leichenhalle. Im backsteinernen Komplex des früheren Bezirksamts Prenzlauer Berg an der Fröbelstraße hat Pankow noch keine Verwendung für diesen kapellenartigen Bau gefunden.

Ein Ort für lachende Kinder? Für Vera Strobel ist weniger die unheimliche Bestimmung der Räumlichkeiten ein Problem als das, was sowieso schon als Grundübel gilt: Die Leichenhalle bietet genau wie alle anderen bisherigen Alternativen schlicht zu wenig Platz.

Kein Platz in Prenzlauer Berg: Theater könnte nach Mitte oder Friedrichshain ziehen

Das sieht nun auch das Bezirksamt ein. Auf Antrag der Grünen befasst sich Bürgermeister Benn seit Monaten mit der Suche nach einem Ausweichstandort. Wegen der drängenden Raumnot auch jenseits von Pankow. „Konkret werden derzeit zwei Optionen geprüft, in Mitte und in Friedrichshain-Kreuzberg“, teilt er in seiner zweiten Funktion als Stadtrat für Kultur mit.

Wie sehr die Kunstszene nicht nur in Prenzlauer Berg unter Druck steht, zeigt die Schließung der Kunst-Etagen in Alt-Pankow und des Atelierhauses in der früheren australischen Botschaft der DDR im vergangenen Jahr. Der Verlust des Diplomatengebäudes an der Grabbeallee für kulturelle Zwecke wirkte sich auch auf das Theater o.N. aus. Denn dort waren die Bühnenbilder gelagert. Für dieses Depot fand sich zwar inzwischen eine andere Lösung. Aber die Raumsuche für das eigentliche Theater ist noch lange nicht am Ziel.

Ideal wäre ein Ort, an dem 99 Zuschauer und die zehn mal zehn Meter große Bühne Platz fänden, sagt Vera Strobel. „Dann hätten wir viel mehr Spielraum für große Produktionen. Wir platzen jetzt schon aus allen Nähten.“ Wenn es mehr als 50 Zuschauerplätze benötigt, weicht das Team aus ins größer Theater unterm Dach an der Danziger Straße.

Prenzlauer Berg wird für Kulturschaffende zu teuer

Mehr Platz für möglichst wenig Miete – das macht die Herausforderung nicht kleiner. „Es gibt einfach keine leeren Gebäude, wo man rein könnte. Wir suchen inzwischen berlinweit“, sagt die künstlerische Leiterin. Was aber nicht bedeutet, dass man Prenzlauer Berg leichten Herzens verlassen würde. „Wir sind zwar ein Kieztheater mit einem weiten Einzugsgebiet. Aber verwurzelt sind wir definitiv an diesem Ort.“

Während der kleine Betrieb seinen Idealen seit den 90er-Jahren treu blieb, hat sich die Umgebung radikal verändert. Prenzlauer Berg sei längst nicht mehr reich an Kultur, beobachtet Strobel. Neubauten auf Brachen, ausgebaute Dachgeschosse, Eigentumswohnungen, wo früher Arbeiter oder Kreative wohnten.

Ein Gesprächsthema im Kiez betrifft die einzige verbliebene Sozialeinrichtung für Senioren: Nur mit Mühe gelang es dem Bezirksamt, die nahe gelegene Begegnungsstätte an der Husemannstraße vor einer Mieterhöhung um 140 Prozent zu bewahren. Aber auch diese Traditionseinrichtung bekam nur einen Zeitvertrag und muss sich dann neuen Mietverhandlungen stellen. „Der Fall zeigt auch, dass soziale Angebote durch das Gewerbemietrecht nur unzureichend geschützt sind“, erklärt Pankows Sozialstadträtin Rona Tietje (SPD). Anders als für Wohnungen bestehen hier keine Obergrenzen – dieses Problem müsse man auf Bundesebene regeln.

Kindertheater ist seit 25 Jahren in der Kollwitzstraße zu Hause

Kinder verstehen erst wenig von solchen Sorgen. Bei Vorstellungen des Stücks „Steinsuppe“ vergessen sie im Theater o.N. die Zeit. Der Wolf – ein Raubtier – zeigt sich darin als handzahmer Nachbar. Er lädt Schwein, Hund und Huhn zum Essen ein. Und kocht auf besondere Weise vegetarisch. Die Hauptzutat der Suppe: ein Stein.

So lebt die Show, bei dem die Schauspielerin im Stil von „Dinner for one“ alle Figuren in Personalunion verkörpert, von der ulkigen Überraschung: Ein Räuber verzichtet darauf, das Huhn zu reißen und kredenzt ihm ein Süppchen fast ohne Nährwert. Kichern auf den Rängen. Selbst das vermeintlich berauschende Tischgetränk ist ein Scherz: Primelwein. Requisiten wie der Ofen sind – gemäß der Philosophie des biografischen Theaters – persönliche Erbstücke der Schauspielerin Uta Griseldis Lindner.

Schauspieler steuern Requisiten selbst bei

Tierischer Hausfrieden am Herd statt Daddeln am Handy. Unterhaltung ohne Bildschirm. Was in den Kinderzimmern von Prenzlauer Berg mit jedem Jahr seltener wird, ist im o.N. seit Generationen ein edles Ziel. Wie sehr das Theater im Kollwitzkiez verwurzelt ist, zeigen die Jubiläen, die man dieses Jahr feiern könnte: Seit 25 Jahren prangt das Theater-Logo vor dem Erdgeschoss-Lokal des pastellfarbenen Hauses. Vor 40 Jahren war die Gründung des Betriebs – damals unter dem Namen „Zinnober“. Es war wohl der erste freie Schauspielbetrieb in der Geschichte der DDR. Und der erhielt in den 80er-Jahren nach Provokationen gegen die Obrigkeit Aufführungsverbot.

Es soll die erste und einzige Spielpause der Geschichte des o.N. gewesen sein – das wünschen sich die Verantwortlichen im Bezirk und Vera Strobels Mannschaft. Schon deswegen bräuchte man dringend einen neuen Raum.

Theater o.N., Kollwitzstraße 53, 10405 Berlin. Weitere Informationen unter https://www.theater-on.de/