Stadtentwicklung

1200 Wohnungen in Prenzlauer Berg – 1500 Parkplätze bedroht

Die Nachverdichtung der Siedlung Michelangelostraße führt zu neuer Verkehrssituation. Die These: Neue Bewohner verzichten aufs Auto.

Der Streit um Wohnungsbau auf Parkplatz-Flächen an der Michelangelostraße schwelt schon seit dem Jahre 2013.

Der Streit um Wohnungsbau auf Parkplatz-Flächen an der Michelangelostraße schwelt schon seit dem Jahre 2013.

Foto: Thomas Schubert / BM

Berlin. Die Michelangelostraße in Prenzlauer Berg: Elfgeschossige Häuser der DDR-Zeit überragen ein weites betoniertes Feld. Um Parkplätze braucht sich niemand der heutigen Bewohner zu sorgen. Dass es nicht ewig so bleiben wird, wissen sie schon seit Jahren. Aber nun zeigt ein neues Mobilitätskonzept im Auftrag des Bezirksamts Pankow, wie viele der Abstellflächen für Pkw im Zuge des Neubauprojekts mit 1200 Wohnungen tatsächlich verloren gehen können: bis zu 1500 Plätze.

In drei Schritten könne man das Raumangebot für ruhenden Verkehr bis 2035 senken, schlug ein Planer im Pankower Verkehrsausschuss vor. Beschlossen ist die Verringerung der Parkplätze um 44 Prozent im Quartier zwar noch nicht – aber die Zustimmung der Anwohnervertretung gilt seit dem Vortrag ohnehin als ausgeschlossen.

Neue Bewohner der Michelangelostraße werden ein anderes Mobilitätsverhalten haben

„44 Prozent weniger – das geht gar nicht“, kritisiert Hans-Joachim Freund vom Verein für Lebensqualität an der Michelangelostraße den Vorschlag. Im Quartier seien vielen ältere Menschen zu Hause, die das Auto nicht unbedingt bräuchten, um zum Alexanderplatz zu kommen – aber für viele tägliche Erledigungen. „Es sind individuelle Ziele, die uns wichtig sind“, betont Freund.

3600 Parkplätze für rund 10.000 Anwohner vorhanden

Tatsächlich gehen das Büro LK Argus und auch das Bezirksamt Pankow im Mobilitätskonzept davon aus, dass bei der Neugestaltung des Quartiers bis zum Jahre 2035 Bewohner zuziehen werden, die ein ganz anderes Verkehrsverhalten an den Tag legen als die heutigen. Mehr Fußgänger, mehr Radfahrer, weniger Autobesitzer. Laut der aktuellen Zählungen existieren im Kiez derzeit 3600 Stellplätze für insgesamt rund 10.000 Anwohner. Aber nur 17 Prozent der Wege würden mit dem privaten Pkw zurückgelegt, heißt es in der Analyse. Auf 1000 Einwohner kämen 271 Autos – Tendenz sinkend. Bei der Neugestaltung des Wegenetzes in der Siedlung beiderseits der Michelangelostraße werde es darum gehen, die „Mehrfachnutzung von Straßen zu ermöglichen“, wie der Planer von LK Argus sich ausdrückt – dem Auto soll der Platz also nicht mehr allein vorbehalten sein.

Umbau der Michelangelostraße kann erst in acht Jahren starten

Wie tiefgreifend die Veränderungen im Quartier sein werden, zeigt sich schon bei der Michelangelostraße selbst. Bevor der Bau von neuen Wohngebäuden auf landeseigenen Flächen nördlich und südlich dieser Piste anlaufen kann, wird sie mitsamt der Versorgungsleitungen um mehrere Meter verlegt – ein beträchtlicher Zusatzaufwand, der ein Planfeststellungsverfahren nötig macht. So kann der Straßenumbau erst in der zweiten Hälfte der 2020er Jahre starten – und erst danach entstehen eine neue Schule und die ersten Wohngebäude auf den alten Parkplatzflächen. Es werden wohl etwa 15 Jahre von den ersten Planungen bis zu dem Zeitpunkt vergehen, wenn die ersten neuen Mieter einziehen. Und über 20 Jahre bis zur Vollendung des Quartiers.

Straßenbahn für den neuen Stadtteil kommt noch später

Wann eine Straßenbahn auf der Michelangelostraße die Anbindung der Siedlung verbessert, sei laut Verkehrsstadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) „noch völlig unklar“. Schlimmstenfalls beginnt der Trassenbau erst 2035, nachdem das Neubauvorhaben der Genossenschaften mit 1200 Wohnungen abgeschlossen wurde. Doch dann ergeben sich gleich die nächsten Probleme in puncto Mobilität. „Die Kreuzung Greifswalder Straße und Michelangelostraße wird heikel“, befürchtet der Stadtrat. Denn hier verkehren in Nord-Süd-Richtung die langen Züge der Metrotramlinie M4 in dichtem Takt. Künftig müsse die Ampelschaltung auf die neue Tram für die Siedlung Michelangelostraße abgestimmt werden – mit Folgen für den Verkehrsfluss.

Forderung nach einem autoarmen Modellquartier

Auch das könnte also noch in die endgültige Festlegung der Zahl von Parkplätzen, die wegfallen sollen, hineinspielen. Tatsächlich bildet das neue Konzept bislang nur eine Diskussionsgrundlage – die Auffassungen von Bezirkspolitikern sollen in die Endfassung ebenso einfließen wie die Einwände aus der Nachbarschaft. „Es ist ein vorläufiger Arbeitsstand“, betont Stadtrat Kuhn.

In seiner eigenen Fraktion empfindet man die vorgeschlagene Parkplatzkürzung in der Größenordnung von über 1000 aber als relativ zurückhaltend. „Man könnte hier von vorn herein ein Modellquartier verwirklichen, bei dem klar ist, dass autoarmes Wohnen stattfinden wird“, meint zum Beispiel der Grünen-Verkehrspolitiker René Feige.

Anwohnerverein will auf die Entscheidung des Bezirksamts Einfluss nehmen

So muss die Politik nun die Vorstellung der heutigen Bewohner mit Prognosen über neue Nachbarn im nächsten Jahrzehnt übereinbringen. Der Verein für Lebensqualität an der Michelangelostraße kündigt weitere Stellungnahmen zum Wegfall der Parkplätze an. Insbesondere den späten Start der neuen Straßenbahn wolle man kritisch hinterfragen. „Es geht nicht darum, dass wir uns Entwicklungen verschließen“, sagt Hans-Joachim Freund. „Aber die Planungen müssen realistisch sein.“