Stadtentwicklung

Streit um teure Balkone: Prenzlauer Berger gegen Umbau

Der Konzern Akelius will die Saefkow-Siedlung mit Dachwohnungen und Balkonen ausstatten, die Mieter ablehnen. Das Recht ist gegen sie.

Neue Balkone an den Fassaden der Siedlung der Anton-Saefkow-Siedlung sorgen für Streit. Laut Wohnungsinseraten kosten Wohnungen 17 Euro pro Quadratmeter nettokalt.

Neue Balkone an den Fassaden der Siedlung der Anton-Saefkow-Siedlung sorgen für Streit. Laut Wohnungsinseraten kosten Wohnungen 17 Euro pro Quadratmeter nettokalt.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Für den Bauherren ist es eine Investition in die Zukunft seines Eigentums, für die Mieter der Anton-Saefkow-Siedlung, einem im Dritten Reich errichteten Wohnkomplex an der Greifswalder Straße in Prenzlauer Berg, sind die Bauarbeiten ein Stresstest, den sie nicht dulden wollen.

„Es fühlt sich an, als ob ein Güterzug durch die Siedlung fährt“, sagte die Sprecherin der Mietergemeinschaft am Mittwochabend in einer Rede vor der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) – und verwies auf Risse in den Wänden und Schäden an Wohnungsdecken, die nach Auffassung der Anwohnergruppe von den Bauarbeiten herrühren sollen.

Akelius sieht Risse in Wänden als optische Mängel

Aufseiten des schwedischen Wohnkonzerns Akelius, der die Siedlung mit einem Ausbau der Dachgeschosse und neuen Balkonen auf einen aktuellen Stand versetzen will, hält man dagegen: „Für die baulichen Maßnahmen liegt ein vom Bezirksamt genehmigter Bauantrag vor, in dessen Rahmen regulär die Statik geprüft wurde“, sagte ein Sprecher. Zugleich kündigte er an, gegen die Behauptung der Mieter vorgehen zu wollen, wenn sie behaupten, dass die Anbringung der Balkone die Statik der Häuser gefährde. Diese Art von Schaden sei ausgeschlossen.

Bei Bauarbeiten könne es vereinzelt zu Rissbildungen kommen, „die jedoch lediglich einen optischen Mangel darstellen“, heißt es. Sollten solche Risse auftreten, werde man sie im Rahmen der Arbeiten wieder beseitigen.

Zum Einbau von Wohnungen wird komplettes Dach entfernt

Unabhängig von der Ursache der Rissbildung beklagt die Sprecherin der Mieter, die anonym bleiben möchte, eine hohe Belastung durch Lärm und Erschütterungen im Rahmen der Bauarbeiten.

An einem Gebäude sei derzeit für die Errichtung von Wohnungen das komplette Dach abgenommen – dabei seien auch Decken von darunter liegenden Zimmern beschädigt worden, sagte sie in der BVV . „Es ist der reine Horror“, so die Frau vor den Fraktionen.

Statikprüfung der Baumaßnahme erfolgte mit externen Kräften

Baustadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) hat die Bauaufsicht angewiesen, den Fall zu untersuchen und sieht durch die Maßnahmen „eine erhebliche Beeinträchtigung“ für die Mieter gegeben. Er selbst habe während einer Sanierung auf einer Baustelle gelebt und wisse, wie belastend eine solche Maßnahme wirken kann.

Weil das Bezirksamt selbst keine Prüfstatiker beschäftigt, sei die Prüfung mit Hilfe von externen Kräften erfolgt, sagte er zum Verfahren. Ob und wie der Bezirk auf die Beschwerden der Mieter reagieren kann, blieb in der Bezirksverordnetenversammlung offen – der zuständige Fachausschuss wird sich bald damit befassen.

Anbau von neuen Balkonen muss geduldet werden

Akzeptieren müssen die Mieter in jedem Fall den Anbau der Balkone – auch wenn sie die Konstruktionen gar nicht nutzen wollen. Eine Mieterin gab in der BVV an, dass sich die Monatsmiete dadurch um bis zu 100 Euro erhöhen soll.

„Wir werden dazu gezwungen, die Balkone anzunehmen“, kritisierte sie das Vorhaben. Beim Studium von Wohnungsinseraten habe man festgestellt, dass bei der Neuvermietung solcher umgebauten Wohnungen Nettokaltmieten von 17 Euro pro Quadratmeter aufgerufen werden. In Kreuzberg hatte Akelius ein Inserat für eine kleine Wohnung geschaltet, deren Quadratmeterpreis sogar bei 42,20 Euro liegen soll.

„Der Anbau von Balkonen verbessert die Wohnqualität sowohl für derzeitige als auch für zukünftige Mieter. Es handelt sich hierbei um durch Mieter zu duldende Maßnahmen“, erklärt dazu der Unternehmenssprecher von Akelius. Er betont, dass im Fall der Modernisierung der Saefkow-Siedlung die Mietforderungen sogar unter dem Niveau bleiben, das rechtlich möglich wäre.

Mieter können Balkone im Härtefall sperren lassen

Gesetzlich bestehe die Möglichkeit, eine Modernisierungsumlage in Höhe von acht Prozent der Modernisierungskosten zu verlangen. Akelius gehe „freiwillig moderater vor als das Gesetz erlaubt“. Denn die Modernisierungsumlage werde über vier Jahre gestreckt. Erst ab dem vierten Jahr nach Modernisierung falle die vollständige Modernisierungsumlage an.

Zur Kostensteigerung für Bestandsmieter schreibt das schwedische Unternehmen: „Sowohl in der Modernisierungsankündigung als auch bei Mieterversammlungen im Vorfeld der Baumaßnahme haben wir darum gebeten, uns über Härtefälle zu informieren. So konnten diverse Härtefälle berücksichtigt werden und kein Mieter musste aufgrund der Maßnahme seine Wohnung aufgeben. Mieter, für die die Modernisierungsumlage eine wirtschaftliche Härte darstellt, erhalten keinen Zugang zu den angebrachten Balkonen und müssen entsprechend keine Mieterhöhung dafür hinnehmen.“

Das heißt: Wer keinen Balkon nutzen will und sich als Geringverdiener ausweist, braucht ihn auch nicht bezahlen.