Verkehrssicherheit

Pankow schützt Gehweg mit Pollern für 180.000 Euro

Das Abgrenzen von Straßen mit Pollern kennt man in Berlin von Radwegen. Nun entstand in Pankow der wohl erste geschützte Fußweg Berlins

Je nach Breite und Einparkkünsten der Autofahrer gestaltete sich das Aussteigen an der Dietzgenstraße in Pankow schwierig.

Je nach Breite und Einparkkünsten der Autofahrer gestaltete sich das Aussteigen an der Dietzgenstraße in Pankow schwierig.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Eine Piste ohne Stolperfallen, ebenmäßig, flach. Der Gehweg in der Dietzgenstraße in Pankow zeigt sich in einem vorbildlichen Zustand – und so soll er auch bleiben. Damit der frisch sanierte Bürgersteig unter der Last von Autoreifen nicht gleich wieder Wellen schlägt, hat das Bezirksamt vorgesorgt. Rund 50 Poller aus unnachgiebigem Metall trennen nun die Parktaschen der Autos vom Bereich der Fußgänger ab. Kostenpunkt: 180.000 Euro.

Eine womöglich wegweisende Investition, bezahlt mit Geld aus dem Sonderprogramms Gehweginstandsetzung 2019. Damit entstand analog zu den bereits bekannten, mit Pollern bestückten Radwegen – im Fachjargon „Protected Bike Lane“ genannt –, der wohl erste geschützte Gehweg Berlins. Nur wer die Autotür schwungvoll öffnen will, hat nun ein Problem.

AfD-Abgeordneter Ronald Gläser macht Poller zum Politikum

Je nach Breite des Autos und den Einparkkünsten des Fahrers wird es beim Ausstieg auf der Beifahrerseite ziemlich eng. Dem Pankower AfD-Abgeordneten Ronald Gläser erschien das Problem auf dem etwa 150 Meter langen Straßenabschnitt im Ortsteil Niederschönhausen als so gravierend, dass er über eine parlamentarische Anfrage die Hintergründe der Maßnahme ermitteln ließ. Verkehrsstaatssekretär Ingmar Streese hielt daraufhin mit dem zuständigen Bezirksamt Pankow Rücksprache, das auch mit weniger Aufwand von der örtlichen AfD-Fraktion im Bezirk hätte befragt werden können.

Gläser trug den Fall lieber gleich auf Landesebene aus und stellte dazu jetzt sogar noch eine zweite parlamentarische Anfrage, um einen konkreten Kostenvergleich anzustellen. Eine einfache Beschilderung mit dem Verkehrszeichen 315 „Parken auf dem Gehweg erlaubt“ hätte demnach für den betroffenen Bereich zwischen Altenberger Weg und Schönhauser Straße etwa 350 Euro gekostet, ließ das Bezirksamt den Staatssekretär übermitteln.

Bezirksamt sah die Sicherheit von Fußgängern gefährdet

Das Zeichen zeigt einen Pkw, der längs der Straße mit einer Seite auf dem Bürgersteig steht und mit der anderen auf der Fahrbahn und gibt damit in etwa die Parksituation wieder, die in der Dietzgenstraße üblich ist. Gläser legt mit seiner Anfrage nahe, dass die bloße Ausschilderung eine Alternative gewesen wäre zur Aufstellung der Pfosten. 350 Euro für vier Schilder stehen in dieser Logik 180.000 Euro für die Neugestaltung mit Metallpfeilern entgegen.

Schilder statt Pfosten – eine Annahme, die man im Straßen- und Grünflächenamt für unsinnig hält. „Diese Frage stand zu keinem Zeitpunkt zur Diskussion“, überliefert Staatssekretär Streese die Antwort aus Pankow. Aufgrund der „stark zerstörten Oberfläche des Gehweges, verursacht durch widerrechtliches Abstellen von Kraftfahrzeugen“ sei die Verkehrssicherheit beeinträchtigt gewesen. Nur durch die vollständige Sanierung des Gehweges und die Herstellung von abgegrenzten Parktaschen habe man die dortige Gefahrensituation, im Sinne der Aufrechterhaltung der Verkehrssicherheit, insbesondere für Fußgänger, beseitigen können, gab das Straßenamt an. Anwohner seien schriftlich über die Verbesserung informiert worden.

Friedrichshain-Kreuzberg verwendet Poller auf andere Weise

Pfosten im Diensten der Verkehrssicherheit – dieses Modell erprobt das Bezirksamt Friedrichshain-Kreuzberg im Samariterkiez auf andere Weise. Hier hat Grünen-Stadtrat Florian Schmidt im Sommer 2019 auf Fahrbahnen an drei Stellen Poller als Barrieren aufstellen lassen, um unerwünschten Durchgangsverkehr zwischen der Frankfurter Allee und der Eldenaer Straße auszusperren. Anders als in Pankow ging es dabei um Anwohnerklagen wegen Raserei und nicht um unerwünschte Einparkmanöver auf Bürgersteigen, die zur Verformung des Pflasters führen.

Poller vor den Spandau Arcaden dienen nicht der Terror-Abwehr

Auch das Einkaufszentrum Spandau Arcaden ließ vor wenigen Monaten am Eingang massive Stahlpfosten installieren. Sie fielen so wuchtig aus, dass in sozialen Netzwerken Mutmaßungen zur Terror-Abwehr die Runde machten. Tatsächlich ist der Nutzen ähnlich banal wie an der Dietzgenstraße in Pankow: Poller sollen „unerlaubtes Befahren“ der für Fußgänger reservierten Flächen unterbinden. Während in Spandau vor allem Lieferfahrzeuge das Problem waren, sind es in Pankow ganz gewöhnliche Laternenparker.

In Pankow stößt der geschützte Gehweg auf Verwunderung

Hier sind Anwohner über die den Pfosten-Gehweg verblüfft. „Wenn man wegen der Pfosten die Autotüren kaum noch aufbekommt, ist das auch eine Art, Autofahren unattraktiv zu machen“, deutete am Mittwochmorgen ein Rentner die Pfeiler als Boten der Verkehrswende. „Es ist schön, dass man sich als Fußgänger sicher fühlen kann. Das ist ja in Berlin eher selten“, sagte hingegen ein Familienvater, der nebenan wohnt und selbst kein Auto hat. Er liefert einen Gegenvorschlag, der nichts mit Pfosten und Verkehrsschildern zu tun hat: „Vielleicht hätte es ein hoher Bordstein in den Parktaschen ja auch getan.“