Tierschutz

50 Millionen-Euro-Projekt: Eidechsen ziehen in Pankower Park

Im „Grünen Band Berlin“, am früheren Mauerstreifen, entsteht ein Biotop für Tausende Zauneidechsen. Der Zaun zieht sich kilometerlang.

Zauneidechsen leben oft auf Brachflächen. Wenn sie zur Bebauung freigegeben werden, steht ein Umzug an.

Zauneidechsen leben oft auf Brachflächen. Wenn sie zur Bebauung freigegeben werden, steht ein Umzug an.

Foto: Marko König / picture alliance / imageBROKER

Auf der einen Seite der sandigen Weite rauscht die S-Bahn über ihren Damm. Auf der anderen grenzt ein Zaun das Reich der Kriechtiere ab vom Erholungsgebiet der Berliner, die das „Grüne Band“ zwischen den Bahnhöfen Schönholz und Wilhelmsruh in den letzten Monaten für sich entdeckt haben.

Etwa alle 150 Meter bitten Schilder Spaziergänger darum, dass man die Ordnung beachten mögen: Hier der Mensch, da das Tier. „Vorsicht! Zauneidechse“ verkünden die Tafeln. Hier ist also ein Biotop im Entstehen begriffen.

Und aus Rücksicht vor bedrohten Arten soll man sich fernhalten vom Refugium der Reptilien. Tausende Zauneindechsen können auf dem sechs Hektar großen Areal unter jungen Birken ein sonniges Zuhause finden. Die bisherigen Bewohner sind selbstständig eingewandert.

Zauneidechsen brauchen Ruhe und Platz zum Sonnen – in Pankow finden sie beides

„Eidechsen sind schwer zu erfassen. Es können aber auf circa fünf Quadratmetern fünf und mehr Tiere leben, sofern es ausreichend Verstecke, Nahrung und Sonnenplätze gibt“, erklärt Derk Ehlert von der Senatsverwaltung für Umwelt und Klimaschutz zum Projekt.

Eine genaue Bestandserfassung der Individuenzahl liege derzeit nicht vor. Fest steht laut Ehlert, dass anders als bei früheren Vorhaben dieser Art keine Umsiedlung durch Menschen stattfand. „Die Tiere sind vermutlich aus benachbarten Bahndamm-Flächen eigenständig eingewandert“, sagt der Tierexperte des Senats.

Bundesumweltministerium gibt 50 Millionen Euro für nationales Naturmonument

Im April 2019 wurde der neu gestaltete Abschnitt des Grünen Bands eröffnet. Das Bundesumweltministerium hatte 50 Millionen Euro zugesagt, um 30 Jahre nach dem Mauerfall ein nationales Naturmonument zu schaffen.

Es handelt sich bei dem langgestreckten Grünen Band nicht nur um einen Park, sondern auch um eine Passage für Radfahrer, die auf einem vier Meter breiten, asphaltierten Weg dem Verlauf der Berliner Mauer auf Pankower Seite von Norden in Richtung Innenstadt folgen können – in der jetzigen Ausbaustufe des Biotops zunächst von der Kopenhagener Straße bis zur Klemkestraße in Schönholz und Wilhelmsruh.

Genauso weit zieht sich auch das Paradies der Echsen hin: knapp zwei Kilometer. Ein Großteil der Fläche bleibt für den Artenschutz reserviert und wird laut Senatsumweltverwaltung mit „wertvollen, gebietsheimischen Wiesen“ ausgestattet. Viel Licht und wenig Schatten für Zauneidechsen, die sich wärmen zu wollen.

Dies ist laut des Umweltschutzbunds Nabu Grundvoraussetzung, damit sich Echsen an einem Ort heimisch fühlen. Am besten könne man die scheuen Tiere am frühen Morgen beobachten, wenn sie ihr Sonnenbad nehmen. „Das Vorhandensein ungestörter Sonnenplätze ist für alle Arten eine wichtige Voraussetzung für das Vorkommen“, schreibt der Nabu in seiner Auflistung geschützter Tierarten in Berlin.

In Berlin leben sechs Arten von Reptilien - auch verschiedene Schlangen

Laut der Umweltschützer kommen in der Hauptstadt sechs Arten von Reptilien oder Kriechtieren vor. Während die Ringelnatter beispielsweise vorwiegend in Gewässernähe zu finden sei, bevorzuge die Zauneidechse warme und trockenen Flächen, wie Trockenrasen oder schütter bewachsene Flächen.

„In Berlin ist sie eine typische Art für die Bahndämme, durch die ihre Ausbreitung durch die Stadt möglich wird“, teilt der Nabu mit. In den großen Waldgebieten Berlins sind Waldeidechse und Blindschleiche zu beobachten. Die in Berlin sehr seltene Schlingnatter besiedelt Waldränder, Heideflächen und Trockenrasen.

Die Gesamtfläche des neuen Biotops im Grünen Band beträgt etwa sechs Hektar. Laut Ehlert gibt es neben den Eidechsenhabitaten auch Nisthilfen für verschiedene Vogelarten und Fledermäuse. „Auf einem Teil der Flächen entstehen außerdem Wiesenflächen aus gebietsheimischem Saatgut für Insekten und Wildbienen“, sagt der Sprecher.

Eidechsen verbringen den Winter in Löchern und Spalten

Wer Eidechsen in freier Wildbahn erspähen will, muss sich gedulden. Denn den Winter über verbringen sie in einem Starrezustand in Erdlöchern und Spalten. Erst ab Ende März kommen die wechselwarmen Tiere an die Oberfläche, um sich von der Sonne wärmen zu lassen.

Was Zauneidechsen in der freien Natur bedroht, sind die Zerstörung ihrer Lebensräumen und „Kleinstrukturen“, etwa durch die Wiederbewirtschaftung von Brachen, der Verlust von Randstreifen und Böschungen, aber auch durch Landwirtschaft oder die Veränderung der Landschaft durch Straßen- und Siedlungsbau.

So ist der ärgste Feind von Echsen der Mensch, der Böden versiegelt und Wohnungen baut, wo sich Reptilien ungestört im Sand wälzen konnten. Dort, wo Häuser entstehen, muss die empfindliche Tierwelt weg, bevor die Bagger rollen.

Ein typisches Beispiel im Berliner Norden: das Großprojekt Pankower Tor des Investors Kurt Krieger. Dass sich die Zauneidechse ebenso wie Kreuzkröten auf der völlig verwilderten Fläche des früheren Güterbahnhofs – dem 34 Hektar großen Baugrund für 2000 Wohnungen – wohl fühlt, ist spätestens seit einem Jahr bekannt. Verzögerungen für das Pankower Tor sollen laut Bezirksamt aber dadurch nicht entstehen.

Im Landschaftspark Herzberge ersetzen Eidechsen Schafe

Was nun zwischen den Bahnhöfen Wilhelmsruh und Schönholz entsteht, ist längst nicht das erste innerstädtische Refugium seltener Arten. Ebenfalls in einem Erholungsgebiet befindet sich das Zauneidechsen-Domizil im Landschaftspark Herzberge.

1000 Exemplare der Schuppenkriechtiere ließen der Senat und das Bezirksamt Lichtenberg 2015 in der neu gestalteten Grünanlage einquartieren. Sie brauchten ein neues Zuhause, weil ihr bisheriger Lebensraum, eine Brache des ehemaligen Rangierbahnhofs Schöneweide in Treptow-Köpenick, zur Bebauung freigegeben wurde. Im Herzberge-Park mussten wegen der Umsiedlung wiederum Schafe einige ihrer Weideplätze räumen.

Im neu angelegten Grünen Band Berlin in Pankow steht diese Art der Verdrängung nicht zu befürchten. Es soll nach seinem endgültigen Ausbau entlang des früheren Grenzgebiets von Schönholz bis hinauf in den Barnim reichen. Wer mit dem Fahrrad die 15 Kilometer lange Strecke abfährt, könnte künftig noch weitere Habitate mit Zäunen und Schildern erblicken wie das Eidechsen-Habitat von Wilhelmsruh.