Demografie

Pankow feiert Zugezogene mit einem "Ball der Vielfalt"

Der Berliner Bezirk Pankow zählt jetzt 410.000 Einwohner – und wächst weiter. Bei einem Ball soll die neue Vielfalt gefeiert werden.

Von hier aus wird der Riesenbezirk gelenkt. Im Rathaus Pankow findet nun ein Ball der Vielfalt statt.

Von hier aus wird der Riesenbezirk gelenkt. Im Rathaus Pankow findet nun ein Ball der Vielfalt statt.

Foto: Thomas Schubert / BM

Berlin. Der Mann, der Pankow den Puls fühlt, heißt Torsten Kühne. Als Schulstadtrat sieht er dem einwohnerstärksten Bezirk Berlins von Berufs wegen beim Wachstum zu. Denn Pankow wächst in der Alterspyramide vor allem ganz unten, muss Schulplatzreserven parallel zu den Geburten nach oben schrauben.

Mit der Vermehrungsfreude Schritt zu halten, das ist Kühnes Job. Ein Ortstermin wie die Wiedereröffnung eines Schwimmbads taugt, um beiläufig am Beckenrand den Status vermelden. „Wir haben nun die 410.000 Einwohner-Marke genommen“, nennt CDU-Stadtrat Kühne am Dreikönigstag 2020 in Buch eine Wasserstandsmeldung der besonderen Art.

Und gibt die Einordnung gleich dazu: „Pankow ist damit die drittgrößte Stadt Ostdeutschlands“ – nicht einfach ein Bezirk, sondern eine Metropole innerhalb der Hauptstadt.

Pankow muss 12.000 zusätzliche Schüler in Klassen unterbringen

Und die wächst vor allem durch Geburten und Zuzug junger Familien. Mit mehr als 72.000 Kindern liegt Pankow weit vor dem zweitplatzierten Bezirk Mitte rund (59.000) und muss in Sachen Infrastruktur bis 2030 erneut massiv mitwachsen, um in diesem Jahrzehnt voraussichtlich 12.000 zusätzliche Schüler in Klassenzimmern unterzubringen. Jede Schwimmbadsanierung – wie im aktuellen Fall bei der Halle in Buch –, jede Premiere – wie der Start der Grundschule an der Rennbahnstraße in Weißensee in diesem Jahr – geschieht deshalb unter einem hohen Druck.

Frauenüberschuss, gute Bildung, hohes Einkommen

Im Bezirksamt Pankow nimmt man das mit einer Gelassenheit hin, die vielleicht von den Erfolgsmeldungen der letzten Monate herrührt. Pankow ist nicht nur die Nummer eins in puncto Bevölkerung, sondern auch beim Netto-Pro-Kopf-Einkommen (1475 Euro), hat die wenigsten Einwohner mit einem sogenannten „niedrigen Bildungsstand“ und knapp nach Steglitz-Zehlendorf und Treptow-Köpenick die niedrigste Arbeitslosenquote (6,3 Prozent) Berlins. Mit einem Durchschnittsalter von 40,9 Jahren gehört Pankow zu den jüngsten Bezirken und zeichnet sich durch einen deutlichen Frauenüberschuss aus – es gibt 7000 Pankowerinnen mehr als Pankower.

Prenzlauer Berg, Weißensee und Pankow sind eins – und doch Städte für sich

Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) möchte den Riesenbezirk, der 2001 aus der Fusion der drei nicht eben kleinen Verwaltungsgebiete Prenzlauer Berg, Weißensee und Pankow hervorging, noch in einer anderen Hinsicht prägen: Als Wunschwohnort für Neubürger aus anderen Nationen.

Er sieht deshalb die Zeit gekommen für die Abkehr von klassischen Einbürgerungsfeiern. 456 neue Staatsbürger haben in diesen Tagen gelbe Briefe mit Einladungskarten für den „Ball der Vielfalt“ erhalten, der am 24. Januar erstmals im Rathaus Pankow stattfinden wird. Einbürgerung will Benn nicht mehr als „Eintritt in einen exklusiven Club“ verstanden wissen, sondern als Fest. Ein Ball für Neubürger – ein Novum für Berlin.

„Ball der Vielfalt“ mit Ansprache von Jasmin Tabatabai und jiddischer Musik

Insgesamt 800 Gäste sind geladen, darunter Stars wie Schauspielerin Jasmin Tabatabai, die auch ein Grußwort sprechen wird, dazu Vertreter von Vereinen, politischen Fraktionen und ortsansässigen Unternehmen. Es erklingen jiddische Lieder und kubanische Songs, und man sieht Pankow in einem für diesen Anlass produzierten Film. „Wir greifen auf, was es in den vielen verschiedenen Pankower Communitys gibt“, sagt die Integrationsbeauftragte Birgit Gust zum Inhalt.

„Einbürgerung ist nicht nur ein Gewinn, sondern bedeutet auch Verlust von Heimat“, sagt Bürgermeister Benn. Auch das komme im Film zum Ausdruck. Ein Beispiel? Der Brexit. Die Abkehr des Königreichs von Europa führt dazu, dass es mehr Briten nach Berlin zieht. Und hier nach Pankow. 2018 lagen Briten in Sachen Einbürgerung in Pankow deutlich auf Platz eins, die aktuelle Aufschlüsselung aus 2019 liegt noch nicht vor. Bei der Gruppe der Ausländer im Bezirk liegen Vertreter des Königreichs aber bislang nur auf Platz sieben. Rang eins der Nationalitäten geht an Italien (rund 3600 Vertreter), dahinter folgen Polen (3200) und die USA (2915). Die Reihenfolge wird derzeit aber durcheinandergewürfelt, meint die Integrationsbeauftragte Gust – „der Brexit wirkt“.

Verglichen mit Bezirken wie Mitte oder Neukölln, die jährlich bis zu 1000 Menschen einbürgern, ist das Niveau in Pankow mit 456 in diesem Jahr noch relativ niedrig. Der Migrationshintergund bleibt mit unter 20 Prozent vergleichsweise gering, ist aber im Steigen begriffen. Dem passt sich die Verwaltung an. „Bei Stellenausschreibungen, zum Beispiel im Jugendamt, ist ausdrücklich Mehrsprachigkeit erwünscht“, sagt Benn.

Pankow kann sich anders als Dresden oder Leipzig nicht selbst regieren

Vergleiche mit ostdeutschen Großstädten wie Dresden und Leipzig sind schwierig. Denn Pankow bleibt trotz seiner schieren Größe ebenso wie alle anderen Bezirke bei Personal und Finanzen dem Senat unterstellt. Bürgermeister Benn lässt immer wieder durchblicken, dass der massive Wachstumskurs den Bezirk vor Probleme stellt, aber die Anpassung von Verkehrssystemen und sozialer Infrastruktur nicht so schnell geschieht, wie es sein müsste. So wartet Pankow auf Berlin.

„Wir nehmen es mit einer Mischung aus Geduld und Unduldsamkeit hin“, sagt Benn, wenn er sich zum Beispiel um die Verkehrsplanung für die neuen Quartiere äußert, die aus Sicht des Bezirks zu langsam läuft. Deshalb untersucht Pankow nun eigenständig Lösungen und lässt sich zur Einführung von Seilbahnen als Transportmittel für große Siedlungsgebiete beraten. Sorgen machen die vielen maroden Spielplätze, deren Zustand man gerne dem Sparkurs des Senats anlastet, das Wegverlagern von Schulplätzen, zum Beispiel nach Grunewald, aus schierer Platznot. Und fehlende Freizeit- oder Kulturangebote im hohen Norden. Abseits von Prenzlauer Berg, dem Florakiez und dem Komponistenviertel in Weißensee sind Ausgehmöglichkeiten rar gesät.

24 neue Schulen und 460.000 Einwohner bis 2030 erwartet

Was Pankow Sorgen bereitet, seien aber im ostdeutschen Vergleich keine echten Dramen. „Eher Luxusprobleme“, sagt Benn. „Andere Kommunen schrumpfen, wir wachsen.“ Stadtrat Kühne hat für die Schulplanung schon Prognosen auf dem Tisch liegen, die zeigen, wohin die Entwicklung noch geht. Zum Ende des Jahrzehnts, das im Schwimmbad Buch mit einem Meilenstein begann, soll Pankow 460.000 Einwohner zählen. Für die Eröffnung von 24 neuen Schulen sind nur noch zehn Jahre Zeit.