Verkehr in Berlin

Pankow will Zehntausende Wohnungen per Seilbahn anbinden

Pankow schlägt eine ungewöhnliche Lösung für die Verkehrsprobleme im nördlichen Pankow vor: Seilbahnen.

Seilbahnen sollen die immensen Verkehrsprobleme in den ländlichen Ortsteilen von Pankow lösen.

Seilbahnen sollen die immensen Verkehrsprobleme in den ländlichen Ortsteilen von Pankow lösen.

Foto: Reto Klar

Berlin. Nicht nur auf den Straßen in Pankow herrscht tagtäglich Stillstand. S-Bahnen sind überlastet, U-Bahnlinien werden nicht weit genug geführt – und die Verlängerung der Straßenbahn lehnen mehrere Bürgerinitiativen ab.

Trotzdem hält der Senat an den Plänen für mehrere neue Wohnquartiere fest, mit denen Pankow nach Prognosen bis 2030 die 460.000 Einwohner-Marke knacken wird. Jetzt wagt das Bezirksamt einen Vorstoß und will eine ganz neue Lösung untersuchen: die Anbindung von neuen Wohnquartieren per Seilbahn.

Blankenburger Süden, Karow und Buch könnten per Seilbahn angebunden werden

Dafür hat Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) eine Veranstaltung mit einem Experten anberaumt. Der Verkehrswissenschaftler Prof. Monheim soll am 27. Januar in Pankow einen Vortrag über „urbane Seilbahnsysteme“ halten. Anschließend sei eine vertiefende Diskussion möglich, heißt es in der Ankündigung des Bezirksamts am Donnerstagmorgen.

„Ziel des Termins ist es, sich einer Antwort auf die Frage zu nähern, ob und unter welchen Voraussetzungen in welchem zeitlichen Horizont Seilbahnsysteme im Nordostraum, zum Beispiel im Blankenburger Süden, in Karow und Buch oder auch als Tangentiale geeignet sein können, diese Stadträume mit dem ÖPNV vergleichsweise zügig und platzsparend, emissions- und fahrplanfrei zu versorgen“, beschreibt das Bezirksamt die Idee.

Pankow geht die Verkehrsplanung in Berlin zu langsam

„Angesichts der hinreichend bekannten Hürden zur Erschließung des Berliner Nordostens ist aus Sicht des Bezirksbürgermeisters eine nähere Betrachtung dieses Verkehrsmittels durchaus angemessen.“

Benn sagte der Berliner Morgenpost am Donnerstag, dass es sich um einen Veranstaltung handle, bei der man mit Experten ergebnisoffen diskutieren wolle, wo die Chancen einer Seilbahn liegen und wo ihr örtliche Gegebenheiten grenzen setzen. Vertreter der Senatsverkehrsverwaltung seien eingeladen – und der frühere Pankower Verkehrsstadtrat und heutige Senatsbeauftragte Jens-Holger Kirchner habe schon zugesagt.

Zwar sei das Bezirksamt Pankow nicht für Verkehrsplanungen und Lösung der gravierenden Probleme zuständig – „aber wir werden immer wieder dafür verantwortlich gemacht“, erklärt Benn den Hintergrund der Idee, auf kommunaler Ebene selbst aktiv zu werden. „Bisher sind die Entwicklungen bei der Verkehrsplanung in Berlin nicht so, dass wir denken, dass eine gute Lösung rechtzeitig fertig wird“, sagt der Linken-Politiker zum Druck, den die Pläne für neue Quartiere in Pankow erzeugen. In verschiedenen Städten der Welt gebe es Beispiele, wie sich Bewohner großer Quartiere mit Seilbahnen bewegen lassen.

Seilbahn als Alternative zur Straßenbahn auf Strecken bis zu sieben Kilometern

Zunächst einmal handelt es sich bei der Seilbahn für Pankow nur um eine Idee, die vielleicht Teil einer großen Lösung für den Nordosten Berlins sein kann. In jedem Fall sieht Benn das Verkehrsmittel, das zum Beispiel auch in Marzahn-Hellersdorf zur Erschließung des alten IGA-Geländes diente und bereits 1957 bei der Internationalen Bauausstellung im Hansaviertel zum Einsatz kam, als ernstzunehmende Idee. Er sagt: „Die Erstellungskosten einer Seilbahn sind günstiger als bei einer Straßenbahn oder U-Bahn. Die Bauzeiten sind kürzer und die Betriebskosten sind geringer. Und ein weiterer Vorteil ist: Seilbahnen fahren fahrplanfrei.“ Auf einer Strecke von bis zu sieben Kilometern sei diese Lösung eine reelle Option.

Pankow soll beim Verkehr so werden wie La Paz

Auch andernorts in Berlin nehmen Politiker neuerdings die Fortbewegung mit Seilen und Gondeln in den Blick. So schlägt die SPD in Treptow-Köpenick vor, den Müggelsee und den Müggelturm mit einer solchen Verbindung zu überspannen. Am Kienberg in Marzahn-Hellersdorf soll die vorhandene Seilbahn Teil des Nahverkehrsnetzes werden. Zum neuen Vorschlag einer Seilbahn zur Erschließung von Quartieren im Norden der Stadt war am Donnerstag noch keine Stellungnahme Senatsverkehrsverwaltung zu erhalten.

Erklärtes Vorbild ist laut Sören Benn die bolivianische Metropole La Paz, wo zehn Seilbahn-Linien ein 30 Kilometer langes Netz bilden. Verglichen mit einer 70 km/h schnellen Tram sind sie aber recht langsam: Mehr als Tempo 15 ist nicht zu leisten.

Pläne für bis zu 21.000 neue Wohnungen in Pankow

In Pankow liegen Pläne für bis zu 21.000 neue Wohnungen vor, die vor allem auf Ackerflächen entstehen sollen und aus Sicht des Bezirksamts mit jetzigen Verkehrssystemen nur notdürftig angebunden werden können.

Besonders kritisch bewerten Verkehrsexperten im Bezirk die Lage für den Blankenburger Süden mit bis zu 6000 neuen Wohneinheiten, neue Stadtteile in Karow mit 3000 Wohneinheiten und Buch, wo über 4000 Wohnungen entstehen können. Gemeinsam mit 17 Anwohnerinitiativen hatte die Pankower CDU im Oktober 2019 ein eigenes Verkehrskonzept vorgestellt, das ebenfalls die Abkehr von der Straßenbahn vorsieht. Vorgesehen ist hier unter anderem die Verlängerung von U-Bahnlinien nach Karow und Buch. An dieser Vorstellung hält auch die CDU im Abgeordnetenhaus fest. Zur Idee von Seilbahnen in Pankow sagt der verkehrspolitische Sprecher Oliver Friederici: „Im Grundsatz gut, jedoch wollen wir auch die U-Bahn.“

BVG müsste eine Seilbahn-Abteilung aufbauen

Zuspruch bekommt Bürgermeister Benn außerdem vom Pankower SPD-Abgeordneten Tino Schopf, dessen Fraktion Seilbahnen „sehr offen“ gegenübersteht – „aber ob man damit wirklich breite Massen transportieren kann, steht auf einem anderen Blatt.“ Für Harald Moritz, den verkehrspolitischen Sprecher der Berliner Grünen überwiegen die Zweifel. „Die Seilbahn in dieser Auslegung wäre für Berlin ein neues Verkehrsmittel. Schon bei der Seilbahn der IGA in Marzahn ist unklar, wer sie betreiben soll“, nennt Moritz ein Problem. Wenn die BVG der Betreiber sollte, müsste sie eine komplette Abteilung aufbauen. Mit einer Seilbahn wären die Verkehrsbetriebe dann immerhin verantwortlich für Bewegung am Boden, im Wasser und in der Luft.