Fotoausstellung

Obdachlosen-Porträts zeigen Gesichter der Straße

Die Fotografin Debora Ruppert lichtet Menschen ab, die keine feste Bleibe haben. Auch auf der Straße ist Berlin die Stadt der Vielfalt.

Dieser Mann lebt am Bahnhof Zoo und wird nur mit seinem Spitznamen gerufen: Teufel.

Dieser Mann lebt am Bahnhof Zoo und wird nur mit seinem Spitznamen gerufen: Teufel.

Foto: Debora Ruppert

Sie trafen sich mitten auf der Fahrbahn, hinter ihnen die grünen Fußgängerampeln. Von links kam Debora Ruppert gelaufen, von rechts der Hüne, den sie nicht anzusprechen wagte. Bis jetzt. Auf dem Mittelstreifen der Schönhauser Allee entschied sie sich, den wildfremden Mann nach seiner Geschichte zu fragen. Alles, was Ruppert von ihm wusste, war, dass er als Obdachlose am Arnimplatz lebt. „Er war eine imposante Erscheinung, humorvoll und laut“, erinnert sich die Fotografin. „In dem Moment, als wir aneinander vorbeigingen, habe ich mir gesagt: Jetzt oder nie.“

Der erste Wortwechsel auf der Straße war der Anfang eines guten Gesprächs. Schließlich erklärte sich der lachende Hüne bereit zu einem Porträt. Es ist eines der letzten Dinge, die von ihm bleiben. Denn der Mann ist seit der kalten Nacht des 1. November tot.

Fotografin präsentiert Ausstellung in verschiedenen Bezirken

Sein Gesicht ist Teil der Ausstellung „Kein Raum“. Eine Wanderschau, mit der Debora Ruppert in verschiedenen Bezirken würdevoll das Antlitz der Ärmsten zeigt. Ihre Porträts von Obdachlosen bebildern eine Gesellschaft parallel zur Stadtgemeinschaft, die in geheizten Häusern wohnt. Inzwischen ist die Ausstellung in Rupperts Heimat angelangt, der Heimat des toten Obdachlosen vom Arnimplatz: Pankow.

Im Trakt vor dem Büro des Bezirksbürgermeisters im Rathaus an der Breiten Straße können Besucher denen, die oft übersehen werden, auf den Bildern in die Augen blicken. Da hängt das Foto eines Mannes, dessen Name mit J. beginnt und den Ruppert wie immer in solchen Fällen auf Wunsch anonym hält. J. lebt an der Wollankstraße in einer Gartenhütte seines Bruders, verdient Geld als Koch und sagt von sich: „Es kommen wieder bessere Zeiten.“ Auch Menschen, die ihre Wohnung noch haben, aber sich um ihren Verbleib sorgen, sind Teil der Bilderserie. Rentnerin S. kommt oft zum Essen in die Pankower Suppenküche der Franziskaner und drückt ihren Lebensmut mit diesem Satz aus, der unter ihrem Porträt geschrieben steht: „Ich mache immer weiter. Solange ich noch kann, mache ich weiter. Man darf nicht aufhören, sich zu bewegen.“

Erscheinungsformen der Obdachlosigkeit in Berlin variieren je nach Ort

In Pankow benötigen andere Menschen Hilfe als in Wedding oder am Bahnhof Zoo, hat Ruppert festgestellt. „In Pankow ist die Armut ziemlich versteckt. Es sind oft alte Menschen, bei denen die Rente nicht reicht. An der Oberbaumbrücke sind die Punks, im Tiergarten eher Menschen aus Osteuropa.“ Obdachlose in Berlin sind so verschieden wie diejenigen, die eine Wohnung haben. Vertreter aus allen Milieus finden sich auf den Ausstellungstafeln wieder.

Um das Vertrauen von Obdachlosen zu gewinnen, braucht es wichtigere Eigenschaften als ein gutes Auge für Licht und Komposition. Es braucht Einfühlungsvermögen, gute Worte und Fähigkeit zum Zuhören. „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“, fragt Ruppert häufig diejenigen, die sie kennenlernen und später vielleicht auch fotografieren will. Nach einer Sitzung überreicht sie den Models ein gedrucktes Porträt. Und nur wenn sie dann ihr Einverständnis geben, wird es Teil der „Kein Raum“-Serie. Zehn Jahre ist es nun her, dass Ruppert mit diesem Fotoprojekt begann, seit 2016 arbeitet sie als selbstständige Fotografin. Vor ihrer künstlerischen Tätigkeit lernte sie an einer Fachschule für Sozialpädagogik, studierte dann Theologie und Philosophie. Zur Fotografie kam sie 2005 als Autodidaktin – „es ist meine Art, mir die Welt zu erschließen“.

Experten schätzen Zahl der Wohnungslosen in Berlin auf mehr als 8000

Um das Ausstellungsprojekt in Gang zu bringen, warb Ruppert lange um Sponsoren – und bekommt nun Unterstützung vom Energieanbieter Vattenfall. Dass namhafte Akteure der Berliner Wirtschaft sich für gravierende Sozialprobleme interessieren, hält Ruppert für ein starkes Zeichen. Experten schätzen die Zahl der Menschen ohne Wohnung in Berlin auf mindestens 8000. Tendenz steigend. An Obdachlosen kommt man in Berlin nicht mehr vorbei. Dieter Puhl von der Berliner Stadtmission, ein Kenner der Szene, sagt, dass jeder von ihnen etwa sechs Jahre sozial auffällig ist, bevor er seine Wohnung verliert. Die Zeichen werden zu oft übersehen.

„Ich habe Menschen getroffen, die aus sehr anerkannten Positionen tief gefallen sind“, erzählt Ruppert. So strandete ein Eventmanager, der in München eine Wohnung hatte, durch unglückliche Umstände auf der Straße in Berlin. Um den Menschen am Rand der Gesellschaft zu helfen, braucht es aus ihrer Sicht vier Säulen: Neben der Arbeit von sozialen Trägern, der Politik und der Medien ist das Engagement von einfachen Bürgern entscheidend.

Debora Ruppert empfiehlt, feste Kontakte zu Obdachlosen zu pflegen

Wer häufig in S- und U-Bahnen unterwegs ist, kennt das Ohnmachtsgefühl angesichts der vielen Hilfsbedürftigen, die mit offenen Händen durch den Mittelgang laufen. Ruppert kennt das schlechte Gefühl, nicht jedem, der um Almosen bittet, spenden zu können oder zu wollen. Sie hat dafür einen besonderen Rat: „Ich empfehle, sich einen Menschen auszusuchen und zu ihm einen fortgesetzten Kontakt, eine persönliche Beziehung herzustellen“, so die 38-Jährige. Das kann heißen, einem Mann neben dem U-Bahneingang alle paar Wochen einen Euro zu geben. Oder eine Frau zu fragen, ob man ihr etwas aus dem Supermarkt mitbringen kann. „Was wirklich hilft, ist die Regelmäßigkeit, eine persönliche Fürsorge.“ Ruppert hat erfahren: Wer einem bestimmten Menschen zum Geld auch Aufmerksamkeit gibt, der schenkt mit jeder Begegnung ein bisschen Glück.

Ausstellung „Kein Raum“, bis 28. Februar 2020, Rathaus Pankow, Breite Straße 24a-26 13187 Berlin, Mo.-Fr. von 9 bis 18 Uhr. Anfragen für Führungen mit Schulklassen per E-Mail an: hello@deboraruppert.com