Verkehrswende in Berlin

Abschied vom Auto: Pankow plant ein Netz aus Fahrradstraßen

Fahrradstraßen sollen den umweltfreundlichen Verkehr fördern. Jetzt will Pankow acht stark befahrene Passagen umgestalten.

Mit dem Rad auf blauem Grund: So stellt sich die Initiative Volksentscheid Fahrrad verkehrsberuhigte Achsen vor, wie sie nun im großen Stil in Pankow und Prenzlauer Berg entstehen könnten. 

Mit dem Rad auf blauem Grund: So stellt sich die Initiative Volksentscheid Fahrrad verkehrsberuhigte Achsen vor, wie sie nun im großen Stil in Pankow und Prenzlauer Berg entstehen könnten. 

Foto: Thomas Schubert / BM

Berlin. Eine geschützte Radspur auf der Schönhauser Allee – das bleibt wohl der Königsweg für den Radverkehr in Pankow und Prenzlauer Berg. Noch immer sind Prüfungen im Gange, ob 2020 eine Umgestaltung des Abschnitts zwischen Wichertstraße und Stargader Straße gelingen kann. Alles steht und fällt mit der Frage: Lohnt sich ein kostspieliger Umbau der Bundesstraße mit Pollern oder anderen Barrieren noch, wenn sie in genau diesem Abschnitt beim Neubau der Schönhauser-Allee-Brücke ab 2024 abgerissen wird? Sollte das Prestigeprojekt der Verkehrswende an diesem Problem endgültig platzen, hat das sich Bezirksamt Pankow nun ein Ass bereitgelegt. Genau genommen sind es sogar acht. Genau so viele Passagen könnten ein Netz aus Fahrradstraßen bilden, dass den bisherigen Hauptkorridor auf der Schönhauser Allee ersetzt.

Pankow will wichtige Passagen wie Kollwitzstraße und Dunckerstraße umgestalten

„Als ein Baustein der bezirklichen Radverkehrsstrategie wird derzeitig durch das Straßen- und Grünflächenamt Pankow ein Konzept zur Umsetzung von Fahrradstraßen erarbeitet“, gibt Verkehrsstadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) in einer Vorlage bekannt. „Es werden Straßenabschnitte, die aufgrund der verkehrlichen Bedeutung für den Radverkehr in Frage kommen, anhand von Kriterien bewertet und eine Rangfolge erstellt. Die Vernetzung der verschiedenen Fahrradstraßen spielt dabei eine große Rolle“, beschreibt er das geplante System.

Im Prüfkatalog stehen folgende Passagen, die in Nord-Süd-Richtung von Alt-Pankow durch dicht bebaute und verkehrsreiche Kieze in Richtung Alexanderplatz führen:

Neue Schönholzer Straße

Heynstraße

Maximilianstraße

Dolomitenstraße bis Esplanade

Dunckerstraße

Senefelderstraße

Kollwitzstraße bis zum Kollwitzplatz

Kollwitzstraße bis zum Senefelderplatz

Viele dieser Wege sind geprägt von starkem Durchgangsverkehr – im Fall der äußerst schmalen Heynstraße im Pankower Florakiez kommt beinahe täglich der Verkehr zum Erliegen, wenn sich BVG-Busse der Linie 250 und Müllwagen in der Mitte begegnen. Eines der Fahrzeuge muss dann mehrere Hundert Meter weit bis zur nächsten Kreuzung zurücksetzen, obwohl sich dahinter etliche Pkw stauen. Auf der breiten Kollwitzstraße hingegen ist so viel Platz, dass Autos quer zur Fahrtrichtung parken können. Sollte hier eine Fahrradstraßenregelung tatsächlich zur Umsetzung kommen, wären die Fahrzeuge der Anlieger die einzigen, die hier noch zugelassen sind.

Zufahrten von Fahrradstraßen werden für Autos verengt

Je nach Umsetzung werden die Einfahrten von konventionellen Wegen, die eine Umgestaltung zur Fahrradstraße erfahren, an den Zufahrten deutlich verengt. Neben der Beschilderung führt eine farbliche Markierung auf der Fahrbahn die Sonderregeln für Radfahrer vor Augen: Sie dürfen hier nebeneinander Fahren und keine Behinderung durch den verbliebenen Autoverkehr der Anrainer erleiden.

Bereits ohne das neue Netz aus acht zusätzlichen Fahrradstraßen gehört Pankow bei der Einführung solcher verkehrsberuhigter Bereiche zu den Vorreitern in Berlin: Neben den drei bisherigen Passagen in der Choriner Straße, Norweger Straße und Schwedter Straße in Prenzlauer Berg sind Umgestaltungen in der Stargader Straße und in der Ossietzkystraße ab Frühjahr 2020 fest eingeplant.

Pankower warten sieben Jahre auf Umgestaltung der Ossietzkystraße

Am letzteren Beispiel zeigt sich allerdings, wie lange der Prüfprozess schlimmstenfalls dauern kann: Erst sieben Jahre nachdem Anwohner und Bezirksverordnete die Fahrradstraße erstmals gefordert hatten, bekommen sie Vorrang gegenüber Lastwagen und Autos – obwohl Bürger und Behörden eine schnelle Umsetzung wollten. Ein Umbau in diesem Jahr war im Frühjahr spontan zugesagt worden, dann aber wegen bauplanerischen Problemen wieder geplatzt. Erst nach dem Ende der Frostperiode soll es 2020 laut Stadtrat Kuhn möglich sein, den Asphalt zu markieren und Bordsteine zu versetzen.

Schönhauser Allee für schwere Lkw gesperrt: Umweg in den Kiez der Fahrradstraßen

Und die Schönhauser Allee? Hier greift ab Januar wegen der maroden Konstruktion der Brücke über den Ringbahngraben ab Januar eine Gewichtsbeschränkung – Lastwagen, die schwerer sind als 16 Tonnen, müssen die Straße meiden und werden dann Umwege durch die Kieze fahren. Auch in den Bereich, wo das neue System der Fahrradstraßen sie wiederum aussperren würde. „Verkehrseinschränkungen werden bei allen Anordnungen auf das unbedingt erforderlichen Maß begrenzt“, erklärt Staatssekretär Ingmar Streese in der Antwort auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Stephan Lenz. Straßenbahnen der BVG Linie M1, die bis zu 40 Tonnen wiegen können, sind auf der Schönhauser-Allee-Brücke aber weiterhin erlaubt.

Staatssekretär verspricht Verkehrskonzept für Prenzlauer Berg

Zu den Befürchtungen, dass sich ab Januar schwere Sattelschleppern ihren Weg durch Prenzlauer Berg suchen, sagt Streese: „Das Straßennetz Berlins ist hoch beansprucht. Einschränkungen verursachen immer eine Verdrängung auf die benachbarte Umgebung mit höheren Belastungen. Ein Verkehrskonzept befindet sich in Bearbeitung und wird nach Abschluss der Bearbeitung bekannt gegeben.“