Streit um Sackgasse

Wegen Geisterfahrern: Öffnung des Gleimtunnels abgesagt

Die frühere Grenze bleibt wegen Geisterfahrern geschlossen. Der Mauerpark bekommt 2020 einen Schallschutz für Anwohner.

Auch nach Silvester nur für Radfahrer und Fußgänger passierbar: der Gleimtunnel zwischen Prenzlauer Berg und Gesundbrunnen. Immer wieder fahren Ortsfremde vor und müssen wenden.

Auch nach Silvester nur für Radfahrer und Fußgänger passierbar: der Gleimtunnel zwischen Prenzlauer Berg und Gesundbrunnen. Immer wieder fahren Ortsfremde vor und müssen wenden.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Im Gleimtunnel zwischen Prenzlauer Berg und Gesundbrunnen verlief bis 1989 die Grenze der politischen Systeme. Hier war West-Berlin abgetrennt von der Hauptstadt der DDR. Die dunkle Schlucht, gesichert von Wachsoldaten, war ein Symbol des Kalten Krieges. Seit Anfang 2019 ist die Einmündung der wichtigen Ost-West-Passage wieder verbarrikadiert. Diesmal aus verkehrspolitischen Gründen. Wegen der Sorge vor Geisterfahrern aus Gesundbrunnen, die eine bisherige Einbahnstraßenregelung ignorierten, ließen Behörden nach Anwohnerbeschwerden in Absprache mit der Polizei den Tunnel für Autofahrer vollständig schließen. Nachdem die Wiedereröffnung der Passage im Juli ausfiel, ist nun nach Recherchen der Berliner Morgenpost auch der zweite Öffnungstermin zum Januar 2020 geplatzt.

Wasserbetriebe haben Vollsperrung nie verlangt

Formell ist erneut die Großbaustelle der Berliner Wasserbetriebe am Stauraumkanal im benachbarten Mauerpark der Auslöser für die Sperrung – hier tritt eine Verzögerung ein. Und erneut halten die Wasserbetriebe an der Aussage fest, dass die Vollsperrung nie verlangt wurde und damit politische Gründe hat. Man brauche nur eine der beiden Fahrspuren als Fläche für die Baustelle, heißt es nach wie vor. Auf der anderen Spur könne der Verkehr durchaus fließen. „Der Gleimtunnel bleibt trotzdem zu. Die jetzige Lösung wird wohl keiner ändern“, sagt Stephan Natz, Sprecher der Wasserbetriebe.

Vor allem im Gleimkiez in Prenzlauer Berg gibt es Sympathien für die Aussperrung des Autoverkehrs. Wer aber mit dem Auto durch den Tunnel zwischen den Bezirken pendelt, muss auf unbestimmte Zeit auch weiterhin große Umwege fahren. Ein besonderes Problem bereitet die Sperrung für Anlieger der Max-Schmeling-Halle, die von Gesundbrunnen aus nicht mehr direkt mit Lieferfahrzeugen erreichbar ist. Bezirksamt, Senat, Polizei und Wasserbetriebe sahen sich bislang gegenseitig in der Verantwortung.

Zuletzt wehrte sich Pankows Baustadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) gegen die Interpretation, wonach der Bezirk Anwohnern, die den motorisierten Verkehr in der Gleimstraße ausbremsen möchten, einen Gefallen tat. „Die Verkehrslenkung Berlin hatte das auf Bitte der Polizei angeordnet“, erklärte Kuhn die Vollsperrung. Zuvor habe sich die Polizei aber mit „bezirklichen Stellen“ beraten, räumt er ein.

Der 654 Meter lange Stauraumkanal unter dem Mauerpark ist das größte Projekt der Berliner Wasserbetriebe in Berlin.Und was geschieht mit der Großbaustelle im Mauerpark? Tatsächlich verzögern sich hier die Bauarbeiten am 654 Meter langen Stauraumkanal unter der Kopfsteinpflasterstraße um mehrere Monate, bestätigt Stephan Natz. Konkret sei die Baustelle für das so genannte Entleerungspumpwerk des neuen Stauraumkanals im Bereich der Gleimstraße im Verzug „Wir haben dort Probleme mit Schichtenwasser. Es wird immer wieder abgepumpt und stabilisiert“, erklärt der Sprecher. Trotz der unerwarteten Schwierigkeiten wolle man das Projekt bis Ende März 2020 zum Abschluss bringen. Wenn dann alles nach Plan läuft, soll die Röhre im Boden des Parks pünktlich zu den ersten Frühjahrsgewittern im Mai die Regenmassen auffangen und erstmals die Einspülung des Schmutzwassers in die Berliner Flüsse verhindern. Dies war das erklärte Ziel des derzeit teuersten und aufwendigsten Bauprojekts der Wasserbetriebe in Berlin.

Das Vorhaben, alle Spuren der 20 Millionen Euro teuren Riesenbaustelle im Mauerpark an der Erdoberfläche bis Silvester zu entfernen, wird knapp verfehlt. „Unser Ziel ist es, zumindest den Weg vor dem Amphitheater im Park vor Weihnachten fertig zu pflastern“, sagt Natz zum Zeitplan. Noch sei man aber mit den Arbeiten an zwei Kontrollschächten des Kanals befasst und wolle hier „so schnell wie möglich“ fertig werden.

Freunde des Mauerparks wollen Bauende bis Ende April 2020

Solange die Konstruktion der Schächte noch läuft, wird auch eine asphaltierte Baustraße auf der großen Liegewiese des Mauerparks erhalten bleiben. Sie erfreut sich seit ihrer Errichtung im Frühjahr unerwartet großer Beliebtheit und erleichtert das Vorankommen mit Fahrrad und Kinderwagen. So nimmt der Verein „Freunde des Mauerparks“ die Nachricht von der Verzögerung gelassen auf.

Im Mauerpark ziehen sich die Bauarbeiten der Wasserbetriebe länger hin als geplant. Das Amphitheater soll aber bis Weihnachten wieder freigegeben sein.„Dass es bei Baustellen mal wieder etwas länger dauert, sind wir in Berlin ja gewöhnt. Uns ist es wichtig, dass die abschließenden Arbeiten mit der notwendigen Sorgfalt erfolgen. Bis zum Saisonstart Ende April sollten die Arbeiten endgültig abgeschlossen sein“, sagt der Vorsitzende Alexander Puell. Und verkündet zugleich den überraschenden Durchbruch bei einem anderen Bauvorhaben im Park.

Neue Schallschutzmuschel für Straßenmusiker im Mauerpark

Voraussichtlich im Mai wird erstmals eine neue Schallschutzmuschel zum Einsatz kommen, die Geräusche bündelt und Lärm von Straßenmusikern von der Wohnbebauung auf der Westseite des Parks fernhält. Ein entsprechender Projektantrag sieht vor, dass der Bezirk die Materialkosten bezahlt und die Freunde des Mauerparks die bewegliche, muschelförmige Konstruktion aus Holz vor dem Hang erproben. Bislang war die Aufstellung der Muschel 25 Jahre nach Eröffnung des deutschlandweit bekannten Parks an der Kostenfrage gescheitert.

„Wir unternehmen unheimlich viel ehrenamtlich. Aber bei so einem Projekt geht es eben auch um Geld“, freut sich Puell über die Hilfe aus dem Rathaus Pankow. Die Muschel soll so groß sein, dass eine ganze Band darin Platz hat, kündigt er an. Damit stehen für 2020 drei Neuerungen an: Die Premiere der Schallschutzanlage, die Eröffnung der Erweiterungsflächen des Mauerparks – und die Wiederfreigabe des Gleimtunnelss.