Blitzen unmöglich

Tempo 10 in Pankow: Polizei kapituliert vor Rasern

Die Friedrich-Engels-Straße ist eine der kaputtesten Straßen Berlins. Aber sie lässt sich derzeit weder sanieren noch kontrollieren

Marodes Pflaster, viele Schilder, wenig Hoffnung: Die Initiative um Toni-Christian Mohs (l.), Ingo Baenisch und Angelika Krüger aus der Friedrich-Engels-Straße fühlt sich im Stich gelassen.

Marodes Pflaster, viele Schilder, wenig Hoffnung: Die Initiative um Toni-Christian Mohs (l.), Ingo Baenisch und Angelika Krüger aus der Friedrich-Engels-Straße fühlt sich im Stich gelassen.

Foto: Thomas Schubert

Das Schreiben kam prompt und sollte wohl beruhigend wirken. Tempo 10 in der Friedrich-Engels-Straße, beeilte sich das Bezirksamt Pankow den Anwohnern zu erklären, sei sicher - anders als am Alexanderplatz in der Dircksenstraße, wo ein Gericht die dortige Tempo-10-Zone streichen ließ. Weil das eingesetzte Schild, eine Verbindung der Elemente „10“ und „Zone“, so nicht existiert. In der Engels-Straße in Pankow ist die „einfache“ Variante der Beschilderung – mit einer schlichten 10 – zweifelsfrei rechtens. Nur: In dieser Form ist das Limit für lärmgeplagte Nachbarn nutzlos, warnt Anwohnersprecher Toni-Christian Mohs.

Denn es werde in aller Regel ignoriert. Umso mehr ein Grund für strenge Geschwindigkeitskontrollen. Doch zu einer wirksamen Überwachung sieht sich die Polizei nicht in der Lage. Eine offizielle Erklärung dazu liest sich für die Nachbarn wie eine Kapitulationserklärung.

Polizei: Engels-Straße zu kaputt zum Blitzen

„Zu einer spürbaren Erhöhung der Normenakzeptanz und zum Erreichen einer dauerhaften positiven Verhaltensänderung wäre es erforderlich, den täglichen Überwachungsdruck in der Friedrich-Engels-Straße in einem Maße zu verstärken, den die Polizei Berlin bei mehr als 5200 Straßenkilometern in Berlin flächendeckend faktisch nicht erzeugen kann.“ Dieser Satz stammt von einem Sachbearbeiter der Senatsinnenverwaltung unter Senator Andreas Geisel (SPD) und ist Teil einer umfangreichen Auskunft nach massiven Beschwerden der Anwohner. Sie wollten vor allem wissen, warum keine Radarmessungen erfolgen, die sicherlich viele Temposünder überführen könnten.

Doch die Engels-Straße ist selbst zum Aufstellen von mobilen Blitzgeräten zu kaputt. So heißt es im Antwortschreiben weiter: „Aufgrund der baulichen Gegebenheiten, insbesondere des schlechten Zustands des Grünstreifens und Gehwegs, sind die Standortbedingungen für die beweissichere Anwendung dieser Messtechnik nicht ausreichend.“ Bislang sei die Straße, was Verkehrsgefährdung anbelangt, unauffällig. Die Polizei wolle sich deshalb lieber Unfallschwerpunkten widmen.

Trotzdem kommt Geisels Sachbearbeiter zu dem Schluss, dass der Umgang der Polizei mit der Situation nicht zu beanstanden sei. Angesichts von permanenten Verstößen gegen das Limit von Tempo 10 fühlen sich die Anwohner durch solche Aussagen in ihrer Kritik eher noch bestärkt. „Wir werden abgebügelt“, ärgert sich Toni Mohs. Weitere Forderungen hätten Senat und Bezirk abgelehnt, beklagt der Architekt. „Wir hatten auch ein Durchfahrtverbot für Lastwagen von über siebeneinhalb Tonnen gefordert. Vergebens“.

Anwohner leben in Angst vor 40-Tonnern, deren Fahrer das Tempolimit ignorieren

Für Angelika Krüger, die direkt an der Rüttelpiste lebt und Verstöße gegen eine Tempolimit gegen das schnellere Schritttempo mit bloßem Auge zu sehen meint, bereitet vor allem eine Aussage von Polizisten Sorge. „Die sagen uns: Es wurde ja noch nie jemand verletzt.“ Tatsächlich sehen sich die Anwohner wegen der Lkw, die über das grobe Pflaster schwanken, sehr wohl gefährdet. Aber das Schlimmste ist für sie der Lärm.

Erschütterungen lassen Fliesen von den Wänden fallen

Die Friedrich-Engels-Straße im Abschnitt zwischen Nordendstraße bis zur Hauptstraße trägt seit dem Lärmmonitoring des Senats aus dem Jahre 2018 den unrühmlichen Titel als lauteste Straße in Berlins. Nirgends gab es mehr Beschwerden über die Lärmbelastung als hier. Bis zu 95 Dezibel würden hier gemessen – ein inoffizieller Wert, weil die Nachbarschaftsinitiative ihn mit eigenen Geräten ermittelt hat, sagt Mohs.

Die Erschütterungen durch schwere Lastwagen in den Häuern seien so stark, dass Gläser in den Schränken klirren und Fliesen von den Wänden fallen. Möglich macht das die Kombination aus notdürftig geflicktem Kopfsteinpflaster und 40-Tonnern, die auf der früheren Piste für Pferdekutschen aus den Reinickendorfer Gewerbegebieten stadtauswärts rumpeln – mitten durch das Einfamilienhausgebiet im Pankower Ortsteil Rosenthal. Aus dem Schreiben der Senatsinnenverwaltung geht nun hervor: Die Engels-Straße lässt sich derzeit weder ausreichend kontrollieren noch sanieren.

Zeitplan zur Sanierung wird um mehr als fünf Jahre gerissen

Obwohl die Neugestaltung des maroden Abschnitts schon 2016 beschlossen war, warf eine Planänderung das Projekt weit zurück. „Die Umplanung ergab sich zum einen, weil die Straßenbahntrasse dort entsprechend der von der BVG im Nachhinein geänderten Entscheidung zukünftig zweigleisig geplant wird und des weiteren, weil Radverkehrsanlagen entsprechend dem neuen Mobilitätsgesetz mit neuer Breite einzuordnen waren“, erklärt Baustadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) die Verzögerung.

Gegenwärtig würden die Unterlagen zu einer neuen Umweltverträglichkeitsprüfung zusammengestellt. Alle weiteren zeitlichen Abläufe des Umbaus sind offen. „Ein Ausführungstermin kann noch nicht angegeben werden“, heißt es von Kuhn.

Provisorische Sanierung der Engels-Straße als Option

Aus Sicht des Pankower CDU-Fraktionsvorsitzenden Johannes Kraft ein Grund mehr, die provisorische Sanierung der Friedrich-Engels-Straße mit Geldern des Senats zu fordern. Den entsprechenden Antrag werde er im Januar einbringen, da die Anwohner ansonsten mindestens fünf weitere Jahre mit dem jetzigen Zustand leben müssten. So lange könnte ein neu beginnendes Planfeststellungsverfahren dauern, befürchtet Kraft.

Stadtrat mit der Lärmminderung zufrieden

Ein Tempo-10-Limit, an das sich niemand hält, kann aus seiner Sicht nicht die Lösung sein. „Es gibt selbst in der Straße Gegner dieser Regelung. Die Schilder wurden mehrfach abmontiert, beschmiert oder mit Laken verhüllt“, gibt er zu bedenken. Wer ernsthaft Tempo 10 fährt, wird oft hupend überholt. Stadtrat Kuhn hingegen hält die Regelung für die einzige Option. „Das Tempolimit bewirkt bereits eine deutliche Lärmminderung“, sagt Kuhn. „Weitere Maßnahmen seitens des Bezirksamtes sind nicht möglich.“