Wirtschaft in Berlin

Sneaker Rescue in Pankow rettet Turnschuhe vor der Tonne

Hagen Matuszak saniert alte Sneaker. Bald will er auch eigene Schuhe kreieren. Aber erst steht eine andere Neuerung bevor.

Vom Orthopädie-Schumacher zum Sneaker-Restaurator: Hagen Matuszak schenkt ausgelatschten Turnschuhen ein zweites Leben.

Vom Orthopädie-Schumacher zum Sneaker-Restaurator: Hagen Matuszak schenkt ausgelatschten Turnschuhen ein zweites Leben.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Jetzt heißt es Kisten packen. Natürlich sind es vor allem Schuhkartons, die Hagen Matuszak vor dem großen Umzug in seinem Wohnzimmer in Weißensee stapelt. Denn Matuszak sieht seine Berufung darin, Turnschuhe zu retten. Ausgetretene Latschen, löchrige Puschen, wegwerfreife Sneaker werden unter seiner Hand zu neuwertigen Produkten.

Inzwischen schicken dem 23-Jährigen so viele Kunden ihre kaputten Schuhe, dass er die Geschäftsidee mit seiner Firma Sneaker Rescue noch weiterdenken will. Bald will der gelernte Orthopädie-Schumacher eigene Sneaker auf den Markt bringen. Das Problem daran: Die Schuhrettung läuft so gut, dass ihm in seinen vier Wänden kaum noch Platz zum Leben bleibt. „Mir wird es hier langsam zu eng. Deswegen eröffnen wir im neuen Jahr eine richtige Werkstatt“, kündigt Matuszak an.

Sneaker Rescue saniert 250 Paar Schuhe im Monat

Ab 2020 eröffnet die erste Turnschuhambulanz Berlins ihren neuen Sitz an der Lauterberger Straße in Britz. Dort hat das vierköpfige Team genügend Platz zur Lagerung, Begutachtung und Reparatur der Latschen. Und der Gründer kann sein Wohnzimmer in Weißensee wieder als das nutzen, was es einmal war. Im neuen „Werk“ von Sneaker Rescue gelten dann noch ehrgeizigere Ziele – schon jetzt flicken die Sneaker-Sanierer pro Monat rund 250 Paar Schuhe.

„Wir wollen die Reparatur von alten Sneakers so perfektionieren, dass es wirklich keinen Unterschied mehr gibt zu neuen“, kündigt der Gründer an. Dank völlig eigener Kreationen auf Basis von gespendeten Schuhen wird aus der Rescue künftig außerdem ein Store. Es könnte die zweite Initialzündung werden nach der Geburt der Firma im März 2018.

Aber wie kommt man auf die Idee, eine Werkstatt für Produkte zu eröffnen, die in asiatischen Großfabriken in riesigen Mengen kostengünstig vom Band laufen? Der Einfall kam Matuszak während seiner Zeit in Zürich, als er in in einem konventionellen Schuhgeschäft tätig war – in einem Handwerk mit langer Tradition.

Die Möglichkeit, Lederschuhe zu reparieren, ist schon fast so alt wie der Lederschuh an sich. „Aber irgendwann fiel mir auf: Keiner repariert Sneaker. Und total viele Leute laufen mit Löchern und kaputten Sohlen herum.“

Das beste Beispiel: er selbst. Nachdem Matuszak an seinen eigenen Tretern herumexperimentiert hatte und nach Berlin heimgekehrt war, gründete er einfach eine Firma mit simplem Konzept: Erst sendet man ein Foto seiner Sneaker, erhält dann einen Kostenvoranschlag – neue Sohlen kosten etwa 40 Euro – und sendet die alten Schätzchen dann per Paket.

Schuhkartons kommen auch aus Portugal und der Schweiz

Bald lieferten Boten Unmengen Schuhkartons aus allen Teilen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz. Auch aus Portugal und Hawaii waren schon Einsendungen dabei. Latschen von Skatern, Basketballstiefel, Laufschuhe und viele, viele Freizeitsneaker. Die Modelle sind verschieden, die Probleme fast immer die gleichen: Aufgerissenes Innenfutter an der Ferse, aufgeplatzte Nähte im Bereich des großen Zehs, brüchiger Boden an der Ferse.

„Mit der Zeit sind die Weichmacher raus. Dann muss der alte Boden raus“, erzählt der Firmengründer. Solche Fälle bereiten die größten Probleme. „Manchmal braucht man dann für das kaputte Paar Schuhe ein Spenderpaar“, erzählt Matuszak. Wenn eine „Transplantation“ von Originalteilen nicht möglich ist, kommen auch fremde Komponenten infrage – „dann haben wir einen Hybriden“.

Neben ihm ist Mitarbeiter Mario Soos mit einem vergleichsweise einfachen Fall befasst: Er näht ein Loch im Zehenbereich. „Wenn man das richtige Fingerspitzengefühl mitbringt, ist es schnell wieder ganz“, meint Soos – genau wie Matuszak lernte er die Kunst des Schuhflickens beim Orthopädiehandwerk. Im Schnitt dauert eine Schuhreparatur zwei Stunden.

Wann aber sind Sneaker wirklich reif für die Tonne? Wenn sich nicht das passende „Spenderpaar“ findet – oder wenn, das „Mash“, also das Oberfutter bereits an zu vielen Stellen gerissen ist. Da kann auch die riesige Industrienähmaschine, die bisher einen beachtlichen Teil des Wohnzimmers einnahm, nicht mehr helfen. Zumindest sollte man eine Reparatur versuchen, meint Matuszak. Dass in Deutschland jedes Jahr 10.000 Tonnen Schuhe im Müll landen, nennt er einen Skandal.

Sneaker sammeln ist ein Fetisch

Das andere Extrem: Turnschuh-Sammler. Einige Kunden von Sneaker-Rescue haben mehre Hundert Paar im Schrank. Viele Modelle mögen praktisch und bequem sein. Für manche sind sie fast schon ein Fetisch – nicht erst, seitdem Sportartikelhersteller den Weltmarkt mit immer neuen Kreationen fluten.

Der Meister teilt die Verrücktheit des Schuhesammelns nur bedingt, besitzt selbst nur drei Paar. Er ist nicht eitel, was seine Fußmode anbelangt. Ein Fabrikat, das Hagen Matuszak derzeit bei der Arbeit trägt, ist in schlichtem Schwarz gehalten. Und mit heller Farbe besprenkelt. Der Autodidakt hat zu viel zu tun, um sich darum zu kümmern. Man könnte auch sagen: Kleckern gehört zum Handwerk. Kunden bekommen den Schuhputz übrigens umsonst.