Verkehr in Berlin

„Mobilbericht“: In Teilen Pankows ist das Auto unverzichtbar

Wie bewegt sich Pankow? Experten erklären es im neuen „Mobilbericht“. Die Verkehrssitation dürfte sich verschärfen.

Wo stehen die Zeichen auf Rot? Wissenschaftler erforschen die Mobilität in Pankow und benennen die Brennpunkte. Im Bild: Der Verkehrsknoten am U-Bahnhof Eberswalder Straße

Wo stehen die Zeichen auf Rot? Wissenschaftler erforschen die Mobilität in Pankow und benennen die Brennpunkte. Im Bild: Der Verkehrsknoten am U-Bahnhof Eberswalder Straße

Foto: Thomas Schubert

Da ist das Rumpeln der Straßenbahn auf der Schienenkreuzung unter der Hochbahntrasse in Prenzlauer Berg. Das tägliche Umsteigekarussell am Bahnhof Pankow, wo sich die Pendlermassen auf Busse und Straßenbahnen verteilen. Da ist das lange Warten auf den Ringbus in den Einfamilienhaussiedlungen von Karow – und die Ungeduld in Blankenburg und Buch, wenn die BVG verspätete Buslinien wenden lässt, bevor sie ihre Endhaltestellen erreichen. So verschieden ist der Verkehr in Pankow. Und obwohl so viele Berliner im 407.000 Einwohner großen Bezirk jeden Tag den schnellsten und klügsten Weg zwischen Haustür, Schule und Arbeitsplatz suchen, hat dieses System noch niemand erforscht. Bis jetzt.

Vor allem in Karow und Blankenburg bereitet der Verkehr Probleme

Mit einem neuen „Mobilbericht“ wollen Wissenschaftler die Wege der Pankower genau erfassen. Im Auftrag des Bezirksamts schreiben Forscher der Technischen Universitäten Berlin und Dresden auf, wo es hakt und stockt.

Noch gibt es nur einen Zwischenstand des Berichts. Aber eine Karte, die Experten im Pankower Verkehrsausschuss den Bezirksverordneten nun für wenige Minuten präsentiert haben, zeigt bereits an: Vor allem dort, wo im nächsten Jahrzehnt der Großteil von bis zu 21.000 Wohnungen entstehen soll, stehen die Zeichen auf Rot. Hier ist die Verkehrsinfrastruktur so schlecht, dass man kaum auf ein eigenes Auto verzichten kann. Und häufig im Stau steht. Im Gürtel der dörflichen Ortsteile Französisch Buchholz, Blankenburg und Karow sehen der Wissenschaftler Conrad Kürzdörfer und sein Team also den größten Handlungsbedarf.

„Belastungskarte“ zum Verkehr in Pankow bleibt offiziell unter Verschluss

Rote Zonen in der Bezirkskarte von Pankow zeigen an: „Viel Handlungsbedarf, aber geringer sozialer Status – da müsste man gegenplanen“, erklärt Kürzdörfer. Offiziell bleibt die sogenannte „Belastungskarte“ noch bis zur Vollendung des Mobilberichts Mitte 2020 unter Verschluss. Aber schon der Zwischenstand, der eine „Belastung“ in Sachen Mobilität in den großen Entwicklungsgebieten von Karow – hier sind in drei Gebieten insgesamt 3000 Wohnungen geplant – und Blankenburg – hier läuft bereits ein Workshopverfahren zur Planung von bis zu 6000 Wohnungen im Blankenburger Süden – bestätigt Probleme, die viele Pankower aus eigenem Erleben kennen.

Verkehr in Pankow: Drei verschiedene Bereiche erkennbar

Wie leicht fällt es, Apotheken, Ärzte, Schulen oder Grünflächen zu erreichen? Während das „mittlere“ Pankow nach dem jetzigen Stand im Fall von Blankenburg und Karow rot markiert ist, gibt es auch sehr gut erschlossene Gebiete. Komplett im grünen Bereich: Der Süden von Pankow und Prenzlauer Berg. Es geht offenbar ein Riss durch den Bezirk. Das heben auch die Autoren des Mobilberichts deutlich heraus.

Laut Conrad Kürzdörfer, der für seine Aufgabe in Pankow eine Anstellung als Mobilitätsmanager erhielt, bestehen erheblich Unterschiede zwischen der Innenstadt, also Prenzlauer Berg, dem Innenstadtrand von Alt-Pankow bis Niederschönhausen – und dem „suburbanen“ Bereich bis Buch. Entsprechend unterschiedlich sind die Verbesserungsbedarfe.

Mobilbericht soll zur Handlungsgrundlage der Verkehrspolitik werden

Und so sind die Wissenschaftler in diesen Wochen in allen drei Lebenswelten von Pankow unterwegs, begleiten mal die Schüler in Prenzlauer Berg, mal Senioren in Buch. Bislang habe es 18 solcher „teilnehmenden Beobachtungen“ gegeben, erklärt Kürzdöfer. Es gehe darum, „die alltägliche Mobilität abzufragen“. Denn jede Verkehrsbewegung hängt von einer Entscheidung ab. Gehe ich nachts zu Fuß durch den Park? Ist der Fahrradweg so attraktiv, dass ich aufs Rad umsteige? Wie viel Zeit und wie viel Geld will ich aufwenden, um anzukommen?

Typische Entscheidungsmuster soll der Mobilbericht genau erfassen. Dadurch wird er wiederum zur Handlungsgrundlage für die Verkehrspolitik des Bezirksamts Pankow. „Es wird ein neues Instrument zur Gestaltung der nachhaltigen Mobilität“, sagt Sven Hausigke, der das Vorhaben im Namen der TU Berlin betreut.

Pankows Verkehrsstadtrat: „Wir sind die Speerspitze“

Neben Pankow ist Tempelhof-Schöneberg bislang der einzige Berliner Bezirk, dessen Verwaltung sich für die Erfassung der Verkehrsströme wissenschaftlichen Sachverstand ins Haus holt. „Wir sind die Speerspitze. Eine integrierte Verkehrsplanung war bisher nur rudimentär vorhanden“, erklärt Pankows Verkehrsstadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) den Pioniercharakter des Projekts. Zurückhaltender gibt sich Wolfram Kempe (Linke), der Vorsitzende des Pankower Verkehrsausschusses. „Wir haben im Bezirk nur beschränkte Planungshoheit. Womöglich wäre das Ergebnis überschaubar“, verweist er auf die fehlenden Befugnisse der Pankower Verwaltung beim Thema Mobilität.

Meinungsverschiedenheit zum Straßenbahnbetriebshof in Blankenburg

Ein Konsens beim Thema Verkehr in Pankow muss nicht automatisch dazu führen, dass der Senat die Entscheidungen und Empfehlungen des Bezirks anerkennt. Das zeigt sich derzeit zum Beispiel bei der Planung für die Verkehrsanbindung des Großprojekts Blankenburger Süden. Ein aktuelles Gutachten der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung empfiehlt den Bau eines Straßenbahndepots im Gebiet der Erholungsanlage Blankenburg, obwohl Pankow davon dringend abrät.

Denn man müsste schlimmstenfalls bis zu 50 Grundstückseigentümer enteignen, wenn man auf dieser Fläche ein Depot errichten will. Wie der Streitfall zwischen Bezirk und Senat ausgeht, ist offen – das Gutachten stellt nur Optionen dar. Entscheiden müssen die politisch Verantwortlichen.

Mobilbericht für Verkehr in Pankow soll laufend erneuert werden

„Es geht darum, mit Forderungen an Entscheidungsträger herantreten. Es ist möglich, Druck auszuüben“, erklärt Sven Hausigke vom Projektteam des Mobilberichts den Nutzen einer Erforschung des Verkehrs. Mit Veröffentlichung der Ergebnisse des Mobilberichts Mitte 2020 ist das Werk im übrigen nicht zu Ende.

Sofern das Projekt verlängert wird, beginnt die Arbeit der Wissenschaftler wieder von vorn. Denn so wie sich der Verkehr innerhalb Pankows unterscheidet, so ist er auch zeitlich in Veränderung begriffen. Deshalb soll die Erforschung auch nur vorläufig zu einem Endpunkt kommen und dann sogleich in neue Untersuchungen münden. Nach dem Bericht ist vor dem Bericht.