Judenfeindlichkeit

Angreifer rief „Du Jude“ und schlug zu: Bestatter griff ein

Ein Kultur-Botschafter wurde von einem Jugendlichen krankenhausreif geschlagen. Jetzt dankt er seinen zwei Rettern.

Vincent Seidel (l.) stoppte den Angriff auf Christian Kirsch. Sayin Öcal (r.) versorgte den Verwundeten mit Wasser.

Vincent Seidel (l.) stoppte den Angriff auf Christian Kirsch. Sayin Öcal (r.) versorgte den Verwundeten mit Wasser.

Foto: Thomas Schubert

Gleich am Morgen nach der Entlassung aus dem Krankenhaus ist Christian Kirsch an den Tatort zurückgekehrt. Er will danke sagen. Hier, auf dem Bürgersteig zwischen einem Döner-Imbiss und einem Bestattungsinstitut auf der Berliner Straße in Pankow, ging er am Montag zu Boden. Hier schlug ein 16-Jähriger so heftig auf ihn ein, dass Kirsch nicht nur ein blaues Auge davontrug, sondern auch eine schwere Rippenprellung erlitt. Wahrscheinlich wäre noch Schlimmeres geschehen, wenn Vincent Seidel nicht eingeschritten wäre.

16-Jähriger rief plötzlich: „Du Jude“

Der junge Bestatter überwältigte den Angreifer und hielt ihn fest, bis die Polizei erschien. Der Anlass des Angriffs: erschreckend banal. „Du Jude“ hatte der 16-Jährige im Vorübergehen auf der Straße gerufen, berichtete Kirsch. Und der 76-Jährige entgegnete: „Wie meinst Du das?“ Da traf ihn der erste Schlag hart ins Gesicht. Weshalb der Kultur-Botschafter zum Opfer einer antisemitischen Attacke wurde, ist ein Rätsel.

Opfer setzt sich in Pankow für Kultur und Völkerverständigung ein

Kirsch ist nicht jüdischen Glaubens, trug auch keine Kippa oder sonstige religiöse Symbole. Seine Nachfrage „Wie meinst Du das?“ war sachlich gemeint und auch so vorgetragen. Schließlich setzt sich Kirsch als Mitbegründer des Internationalen Delphischen Rats täglich für Kultur und Völkerverständigung ein, hat viele jüdische Freunde. Kultur und Frieden sind die Leitthemen im Leben des Christian Kirsch. Deshalb ist es ihm ein Bedürfnis, Vincent Seidel danke zu sagen. Vom Groll gegen den Angreifer ist beim Ortstermin am Freitagvormittag nichts zu spüren.

Betreiber von Döner-Imbiss versorgte den Verletzten

„Es geht um diese beiden hier“, sagt Kirsch. Er meint damit seinen Retter, Vincent Seidel, und Sayin Öcal, einen Imbissbetreiber, der aus seinem Laden stürmte, um ihm aufzuhelfen und ein Glas Wasser zu reichen. „Es ist einfach das, was man machen muss“, erklärt Öcal seine Hilfe. „Ohne solche Menschen in unserer Gemeinschaft verarmen wir“, sagt Kirsch – und dankt den Helfern erneut.

Junger Bestattungsunternehmer drückte Gewalttäter zu Boden

Tatsächlich hat auch Vincent Seidel, der mit seinem Vater Ewald das Bestattungsunternehmen Seidel betreibt, bei seinem Schlichtungsversuch einen Schlag einstecken müssen. Denn der 16 Jahre alte Angreifer, ein polizeibekannter Gewalttäter, setzte sich sehr heftig zur Wehr, als Vincent die Attacke auf Christian Kirsch zu stoppen versuchte. „Ich habe den Typen dann so zu Boden gedrückt, dass mein Knie auf seinem Brustkorb war und er nur noch ängstlich geguckt hat“, erzählt Seidel.

Der Angreifer wurde von der Polizei seinem Vater übergeben – seitdem ermittelt in diesem Fall der Staatsschutz. Seidel hatte im übrigen gerade einen Sarg in einen Leichenwagen geladen und war deshalb so schnell zur Stelle. „Das ist mein Schutzengel“, sagt Kirsch.

Zwei Dinge sind dem Opfer des antisemitischen Angriffs besonders wichtig: „Religion ist das Intimste eines Menschen.“ Deswegen gehe ihm der Angriff besonders nah. Und: „Mir geht es darum, Fremdheit zu überwinden.“ Am Tag, an dem ihn ein 16-Jähriger krankenhausreif schlug, hat er zwei Freunde gewonnen.