Schönhauser Allee

Parklets als Fahrradgarage: 16 Bügel für 271.520 Euro

Der Steuerzahlerbund kritisiert die Kosten für die Fahrradbuchten an der Schönhauser Allee – die auch noch zu groß waren.

Dieses Parklet an der Schönhauser Allee ragte zuerst an den Radweg heran und wurde deshalb nachträglich gekürzt. Kosten des Umbaus: 9.617 Euro.

Dieses Parklet an der Schönhauser Allee ragte zuerst an den Radweg heran und wurde deshalb nachträglich gekürzt. Kosten des Umbaus: 9.617 Euro.

Foto: Thomas Schubert

Es fing alles damit an, dass sie nicht rechtzeitig kamen. Ein ganzer Sommer verstrich, ehe der Senat das erste von vier Parklets an der Schönhauser Allee mit monatelanger Verspätung im September 2018 aufstellen konnte. Am nächsten Morgen war die Umgebung des Stadtmöbels, das als Fahrradgarage dienen sollte, mit Flatterbänden und Zäunen abgeriegelt: Denn die Holzkanten ragten 50 Zentimeter in den Radweg hinein.

Es war nur eine Panne in einer Serie von Malheuren, die den Stadtmöbeln nun, ein Jahr nach der Premiere, zu neuer Prominenz verhilft: Der Bund der Steuerzahler Berlin hat der Neubeschaffung ein Kapitel gewidmet. Und herausgefunden, dass die Kästen sogar noch teurer waren, als vom Senat angegeben. Denn das Absägen der überstehenden Kanten hatte einen stattlichen Preis.

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Parklets sollen von der Schönhauser Allee verschwinden

Die außerplanmäßige Kürzung der Seitenwände führte laut des Schwarzbuchs dazu, dass der Beschaffungspreis von 58.263 Euro pro Parklet noch einmal um jeweils 9.617 Euro stieg. So hat Alexander Kraus vom Steuerzahlerbund Berlin nun Gesamtkosten von 67.880 Euro pro Parklet errechnet.

Kraus multiplizierte diesen Betrag mit vier und schreibt: „Eine vorgeschriebene Wirtschaftlichkeitsuntersuchung hätte sicher ergeben, dass 271.520 Euro für 16 Fahrradbügel eher eine Pionierleistung im Bereich der Steuergeldverschwendung darstellen.“ Dies sei bei Weitem zu viel Geld für vier Kisten mit jeweils acht Fahrradbügeln oder Holzbänken, befindet der Experte.

Man hätte für diesen Betrag ungleich mehr Fahrradbügel auf der anderen Straßenseite unter dem Viadukt der U-Bahnlinie 2 bauen können. Die seien dann auch regengeschützt.

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Senat sieht Stadtmöbel als „Pionierarbeit“ an

Kraus hatte im Rahmen seiner Nachforschungen auch die Verantwortlichen mit der problematischen Kosten-Nutzen-Rechnung konfrontiert. „Eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung gab es laut Aktenauskunft der Senatsverwaltung nicht, weil es sich beim Bau der Parklets um eine Pionierarbeit handle, die in Deutschland so noch nicht geleistet worden sei. Die Maßnahme ersetze klassische Straßenbaumaßnahmen und sei im Vergleich dazu per se wirtschaftlicher“, schreibt Kraus in seinem Bericht für das Schwarzbuch.

Wie es jetzt nach dem auf ein Jahr angesetzten Versuch mit den Parklets weitergeht, das soll sich in einer Evaluation mit Anrainern der Schönhauser Allee ergeben. Eine Stellungnahme zum Eintrag Schwarzbuch des Bunds der Steuerzahler und zum Stand der Evaluation konnte die Senatsverkehrsverwaltung auf Nachfrage der Berliner Morgenpost bislang nicht liefern. Die Fachabteilung sei seit vier Tagen mit einer Antwort auf die Kritik befasst, sagte eine Sprecherin am Donnerstag.

Dass die Parklets genau wie die vergleichbaren Stadtmöbel aus der Bergmannstraße in Kreuzberg verschwinden sollen, ist aber inzwischen abzusehen. Anstatt sie einzulagern schlägt Pankows Verkehrsstadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) eine Umplatzierung vor. „Eine Umsetzung wird zumindest für die Parklets, welche die geplanten geschützten Radwege auf der Schönhauser Allee stören, zur Stargarder Straße vorgesehen“, sagt Kuhn. „Da passen sie auch besser hin – das würde dann im nächsten Jahr erfolgen.“

Fahrradlobby schlägt andere Lösungen vor

Selbst in der Berliner Fahrradlobby ist man über den bisherigen Versuch mit den Abstellanlagen, die jeweils den Raum von zwei Parkbuchten einnehmen, unglücklich. „In der Art machen sie natürlich keinen Sinn“, sagt Tobias Kraudzun von der Initiative „Changing Cities“, die einen radikalen Umbau der Schönhauser Allee und anderer Magistralen zum Wohle von Radfahrern anstrebt.

„Zur Entspannung der katastrophalen Abstellsituation am Bahnhof Schönhauser hätte man ein paar Pkw-Parkplätze durch ein paar Baken und Fahrradbügel mit wenigstens weniger Aufwand für das Fahrradparken herrichten können“, meint Kraudzun. Das wäre dann aber wohl keine Pioniertat gewesen.