Gründer in Prenzlauer Berg

Wie ein CDU-Politiker ins Geschäft mit Cannabis einsteigt

Finn Hänsel will mit seinem Start-up 80 Tonnen medizinisches Cannabis importieren – für ein Amt in der Partei kein Hindernis.

Sanity Group-Gründer Finn Hänsel glaubt an eine deutlich steigende Nachfrage und will mit seiner Firma ein Cannabis-Depot in Berlin eröffnen.

Sanity Group-Gründer Finn Hänsel glaubt an eine deutlich steigende Nachfrage und will mit seiner Firma ein Cannabis-Depot in Berlin eröffnen.

Foto: Thomas Schubert

Die siebenblättrige Pflanze ist genau das, wonach sie aussieht. In Bilderrahmen hat Finn Hänsel Illustrationen aus alten Lexika an den Wänden seines Büros in Prenzlauer Berg postiert. Bei Bildern der Cannabispflanze wird es nicht bleiben. Denn Finn Hänsel, CDU-Politiker und Firmengründer, hat bereits eine Lizenz und feste Zusagen zum Import von 80 Tonnen der berauschenden Blüten. In einer Stadt, in der Dealer Gras in Parks verkaufen, sieht Hänsel die Chance für ein weit besseres Geschäft – ein völlig legales.

Knapp zehntausend Kilogramm Cannabis gelangten dieses Jahr in Deutschland zu therapeutischen Zwecken in Umlauf, 2020 könnte der Bedarf um ein Drittel steigen. Weil die Nachfrage viel höher ist als das Angebot, rechnet sich Hänsel mit seiner Firma „Sanity Group“ Chancen aus auf ein gutes Geschäft. Nachdem der 37-Jährige in mehreren Start-up-Unternehmen die Richtung vorgab und zuletzt das Online-Umzugsunternehmen „Movinga“ aus der Krise führte, ist Hänsel jetzt bei seinem alten Herzensthema angelangt. Denn vor 15 Jahren stand Cannabis für den jungen Mann schon einmal auf der Agenda. Damals forderte er bei einer Versammlung der Jungen Union in Schleswig-Holstein die Legalisierung des Krauts für medizinische Zwecke.

“Ich war immer einer, der an die Pflanze glaubt“

Obwohl die Parteifreunde ihn damals knapp überstimmten, ist das der therapeutische Gebrauch des Krauts inzwischen real. Und Hänsel versucht sich am gleichen Thema. Diesmal als Unternehmer. „Ich war nie Aktivist“, betont der Firmengründer. „Aber ich war immer einer, der an die Pflanze glaubt.“ Seit dem Start von Sanity Group im Frühjahr 2019 haben sich 30 Mitarbeiter diesem Glauben angeschlossen. Noch arbeiten sie in zwei Büros im Wins-Kiez von Prenzlauer Berg. Auf Regalbrettern ausgestellt findet man dort Produkte, die auf die psychoaktive Substanz THC verzichten und lediglich die entspannenden und entzündungshemmenden Bestandteile des Hanfs, so genannte Cannabidiole (CBD), beinhalten. Sie sind in Schokolade, Kaffee, Wasser oder Salben verarbeitet und vor allem in den USA weit verbreitet. Die Sanity Group will solche „Wellness-Mittel“ in Deutschland selbst auf den Markt bringen – so hätte man frei verkäufliche Produkte als zweites Standbein neben den rezeptpflichtigen THC-Medikamenten.

Hänsel will keine totale Freigabe von Cannabis – noch

Wenn es nach Finn Hänsel geht, wird in näherer Zukunft auch das firmeneigene Cannabis-Depot an den Hauptstandort in Berlin verlegt. Noch befindet es sich aus logistischen Gründen in Bielefeld. Das Geschehen in der Hauptstadt findet Hänsel auch deshalb besonders spannend, weil hier der rot-rot-grüne Senat einen Modellversuch zur Abgabe von THC-Produkten anstrebt.

So sehr Hänsel an den therapeutischen Nutzen des Hanfs glaubt – eine totale Liberalisierung des Marktes mit Freigabe des Konsums für private Zwecke lehnt er ab. Zumindest unter den jetzigen Bedingungen. „Aber wenn sich bei Modellversuchen zum Beispiel in Kanada herausstellt, dass die Freigabe zu weniger Kriminalität und weniger Probleme beim Konsum führt, kann man darüber auch in Deutschland reden“, lässt sich der Unternehmer auch diese Möglichkeit offen. „Es bewegt sich gerade sehr viel“, stellt er fest. Ein Grund mehr, sich in den Zeiten einer Weichenstellung für das Thema zu engagieren.

Auch ein Fonds des Rappers Snoop Dogg glaubt an die Firma

Bestätigung sieht das junge Unternehmen in der Tatsache, dass es in kürzester Zeit gelang, ein Kapital in Höhe von 1,6 Millionen Euro von Investoren einzusammeln, darunter von Casa Verde, einem Fonds des Rappers Snoop Dogg. Zugleich sind die Risiken auf dem stark reglementierten deutschen Markt für Medizinalcannabis nicht von der Hand zu weisen. „Erst einmal muss es der Patient wollen, dann muss man die Skepsis von Ärzten überwinden. Und nicht jede Krankenkasse will so eine Behandlung zahlen. Auch die mangelnde Verfügbarkeit von Mitteln bereitet Probleme“, zählt der Firmenchef die Schwierigkeiten auf. So könne es vorkommen dass sich ein Schmerzpatient im Görlitzer Park mit minderwertigem Stoff versorgt. „Das ist die tragische Wahrheit“, sagt Hänsel.

Der Gründer sitzt im Vorstand des Mittelstandsunion

Sein Engagement für eine Liberalisierung des Cannabismarktes hat dem Fortkommen in der Partei nicht unbedingt geschadet. Zumindest war es für Parteifreunde kein Hindernis, ihn in den Vorstand der Mittelstandsvereinigung der CDU zu wählen. Ungleich schwerer hatte es der spätere Start-up-Manager in jungen Jahren in Schleswig Holstein mit seinem Antrag zur „Entkriminalisierung“ des Hanfs. Es war ein Plan, der in den Reihen der Jungen Union extrem polarisierte. „Einige haben mich gefragt: Spinnst du? Andere fragten: Bist du ein Kiffer? Und wieder andere warfen mir vor, mich bei den Grünen anzubiedern“, erinnert sich Hänsel. All das wollte er nicht gelten lassen. Richtig sei aber, dass es Jugendorganisationen der Grünen und der FDP leichter falle, bei einer jungen Wählerschaft Anschluss zu finden. Eben das wollte er auch in seiner Zeit bei der Jungen Union.

So oder so – der Cannabis-Unternehmer glaubt auch 15 Jahre nach dem Scheitern seines Antrags daran, dass die Niederlage nur einem besonderen Umstand geschuldet war. Die Abstimmung erfolgte damals nicht in geheimer Wahl, wie er es gefordert hatte, sondern so, dass jeder Befürworter klar sichtbar Position beziehen musste. So hätten sich nach Hänsels Auffassung nicht genügend Parteifreunde zu einem Ja getraut.