Fassadenwerbung

Wie Mieter hinter haushohen Werbeplakaten leben

In Prenzlauer Berg und Charlottenburg verhüllen bedruckte Planen ganze Fassaden. Die Bewohner klagen über Mangel an Licht und Luft.

Rosaroter Schleier: Bewohner der Danziger Straße 30 leben seit Monaten in einer bewohnbaren Litfaßsäule. Einige Pflanzen seien durch Lichtmangel schon eingegangen, sagen die Mieter.

Rosaroter Schleier: Bewohner der Danziger Straße 30 leben seit Monaten in einer bewohnbaren Litfaßsäule. Einige Pflanzen seien durch Lichtmangel schon eingegangen, sagen die Mieter.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Für Werbetreibende bedeuten sie ein Maximum an Aufmerksamkeit, eine imposante Zurschaustellung von Produkten an einem speziell ausgewählten Ort. Aber wie lebt es sich hinter den haushohen Werbeplanen, die in Berlin immer mehr Gründerzeithäuser während der Sanierung verhängen und so in bewohnte Litfaßsäulen verwandeln? Besuch in der Danziger Straße 30. In einem Wohnzimmer mit Deckenstuck und abgezogenen Dielen zeigt sich ein Ambiente, das viele Berliner als besonders attraktiv finden. Zweifellos ließe es sich hier behaglich leben – wäre da nicht der trübe Schleier vor den Fenstern. Die Werbeplane. „Da sterben sogar Zimmerpflanzen ab“, sagt Vera Siegmund, die mit einer Gruppe von Mitbewohnern seit Monaten ankämpft gegen den Mangel an Licht und Luft.

Die Werbemotive wechseln – der Ärger bleibt

Dass vor ihren Fenstern an der stark befahrenen Straße in Prenzlauer Berg zwischenzeitlich ein deutschlandweit einmaliges Werbeplakat der Fluggesellschaft Easyjet mit der Aufschrift „Auch für Helikoptereltern“ hing, sehen die Bewohner keineswegs als Auszeichnung. Nachdem das orangefarbene Plakat verschwand, zogen Monteure eine ebenso hohe Reklame des Online-Streamingdienstes Netflix auf, die für einen rosafarbenen Schimmer in den Räumen sorgte. Aktuell wirbt hier der Fahrdienstleister Uber mit einem vergleichsweise diskreten Motiv, das die schiere Größe des Plakats mit der Abbildung einer Hausfassade abmildert.

Vera Siegmund hat sich nach einem ersten Bericht der Berliner Morgenpost mit einem Brief an die Öffentlichkeit gewandt, um auf eines hinzuweisen: Plakate wie dieses mögen eine Genehmigung vom Bezirksamt bekommen – Zustimmung der Bewohner gibt es auf keinen Fall. Sie sagt: „Wir hatten uns schon Anfang September an die Bauaufsicht in Pankow gewandt. Nach 11 Anrufen war klar, dass das Straßen- und Grünflächenamt zuständig ist.“ Und das hatte die Sondernutzung für das Werbeplakat am Baugerüst genehmigt. Eine Ankündigung der Reklame für die Mieter gab es laut Siegmund aber weder vom Amt noch von der Hausverwaltung. Die Bewohner ärgern sich auch darüber, dass trotz der Gerüste, die laut ihren Angaben seit März an der Fassade stehen, monatelang keinerlei Bauarbeiten stattfanden. Dann hing im Juni auf einmal eine Plane vor den Fenstern. „Uns geht viel Licht verloren, obwohl die Plane für die Baumaßnahme nicht nötig ist“, beschwert sich eine Mieterin.

Ob das Baugerüst einfach nur dasteht oder tatsächlich Gebrauch ist, spielt für das Bezirksamt Pankow keine Rolle. „Im Verfahren zur Erteilung einer Sondernutzungserlaubnis zur Aufstellung eines Baugerüstes erfolgt keine Prüfung, inwieweit das Gerüst für die Art der durchzuführenden Arbeiten notwendig ist. Dies liegt in der Verantwortung des Antragstellers oder Bauherrn“, heißt es von Baustadtrat Vollrad Kuhn (Grüne). Eine temporären Sondernutzungserlaubnis für eine Plane konnte der Bezirk hier aufgrund der Berliner Bauordnung nicht verweigern.

Großplakat in Charlottenburg wurde nachträglich genehmigt

Anders als für das Großplakat in der Danziger Straße hatte ein anderes besonders markantes Motiv zunächst keine Genehmigung. An der Ecke Lietzenburger und Joachimthaler Straße in Charlottenburg überraschte Anwohner und Autofahrer vor einigen Wochen ein überdimensionales Abbild von Dieter Bohlen. Der Fernsehstar warb hier für ein Möbelhaus. Die Reklame war da, die Arztpraxen und Büros in dem verhüllten Eckhaus waren verdunkelt – nur eine Sondererlaubnis gab es dafür anfangs nicht. „Deshalb haben wir ein Ordnungswidrigkeitenverfahren eingeleitet“ erklärt Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne). Daraufhin habe der Bauherr nachträglich eine Erlaubnis beantragt. Und auch bekommen. Schruoffeneger begründet diesen Schritt damit, dass Werbemaßnahmen, die grundsätzlich genehmigungsfähig sind ansonsten auf dem juristischen Wege eingefordert werden können. „Solche Werbung nimmt eindeutig zu“, stellt der Stadtrat fest. Laut der Bauordnung müsse sie genehmigt werden – für maximal sechs Monate. Beschwerden der Mieter aus dem Eckhaus liegen dem Bezirksamt Charlottenburg-Wilmersdorf aktuell nicht vor.

Im Gegensatz zum Fall der Danziger Straße in Prenzlauer Berg. Dass nicht nur die Mieter unter der Verhüllung des Hauses mit Plakaten und der Verstellung des Bürgersteigs mit Gerüsten leiden, zeigt der Auszug der Gewerbemieter im Erdgeschoss. Das Restaurant „Trattoria Paparazzi“, einstmals das einzige italienische Restaurant in Ost-Berlin, verschwand ebenso wie ein Schuhladen. Ob die Betreiber den Standort als Folge der Sanierungsmaßnahmen aufgaben, darüber können die Bewohner nur mutmaßen. Auf Nachfrage zu den Umbauplänen, zur Vermarktung der Hausfront und dem Zeitplan der Sanierung wollte sich die Hausverwaltung nach Rücksprache mit den Eigentümer der Immobilie nicht äußern.

Prüfung erfolgt nur mit Blick auf Verkehrssicherheit

Vonseiten des Bezirksamts Pankow können die Mieter ebenfalls keine konkrete Hilfe erwarten. „Eine Beschwerde kann nur dann zur Entfernung der Werbeplane führen, wenn sich die Beschwerde auf eine Beeinträchtigung oder Gefährdung des Verkehrs bezieht, die von der Plane ausgeht. Die Genehmigung von Sondernutzungen, wie in dem vorliegenden Fall, erfolgt durch das Straßen- und Grünflächenamt auf Basis des Berliner Straßengesetzes. Die Prüfung hierbei umfasst ausschließlich diese straßenrechtlichen Aspekte wie die Beeinträchtigung oder Gefährdung des Verkehrs“, schreibt Stadtrat Vollrad Kuhn auf Nachfrage. Es sei aber den Mietern zu überlassen, eventuell privatrechtliche Ansprüche gegenüber dem Vermieter geltend zu machen, sofern die Anbringung der Plane dazu führt, dass in der Folge die Mietsache nur eingeschränkt nutzbar ist.

Mit entsprechender Geduld löst sich das Problem von Vera Siegmund und der anderen Bewohner aber auch von selbst. Denn die Sondernutzungserlaubnis fsür die Fassadenwerbung erlischt spätestens im Dezember. Dass die haushohe Reklame nur in einem bestimmten Zeitraum von bis zu sechs Monaten genehmigt werden darf, ist die einzige echte Einschränkung, die das Berliner Recht Werbetreibenden bei ihren Kampagnen diktiert.