Judenhass

Antisemitismus: Mann prügelt in Karow auf Juden ein

Nach einer antisemitischen Beleidigung setzte sich ein 70-Jähriger zur Wehr – und wurde so brutal geschlagen, dass er zu Boden stürzte.

"Gegen jeden Antisemitismus" steht  an der Neuen Synagoge Berlin auf einem großen Banner.

"Gegen jeden Antisemitismus" steht an der Neuen Synagoge Berlin auf einem großen Banner.

Foto: Christoph Soeder / dpa

Am Montagnachmittag ist ein 70 Jahre alter Spaziergänger in Karow beleidigt und geschlagen worden. Der Mann war auf der Busonistraße am Ballonplatz unterwegs, als ein Unbekannter ihn antisemitisch beschimpfte. Daraufhin setzte sich der Passant mit einer Bemerkung zur Wehr – und wurde dann Opfer eines Angriffs.

Der Unbekannte versetzte ihm nach Angaben der Polizei Schläge gegen das Kinn und den Oberkopf. Bei dem Versuch sich gegen die Schläge zu wehren, verlor der Verletzte das Gleichgewicht und fiel zu Boden.

Michael Müller verurteilt judenfeindlichen Angriff

Als eine andere Passantin herbeieilte, ließ der Angreifer vom 70-Jährigen ab und flüchtete. Der Polizeiliche Staatsschutz beim Landeskriminalamt hat Ermittlungen aufgenommen.

Nachdem der Vorfall am Dienstagmittag bekannt wurde, meldete sich der Regierende Bürgermeister Michael Müller zu Wort. „Ich verurteile den neuerlichen antisemitischen Angriff auf den Straßen Berlins auf das Schärfste. Es darf nicht sein, dass am helllichten Tag ein Spaziergänger antisemitisch beleidigt und dann geschlagen wird, wenn er sich verbal zur Wehr setzt“, sagte Müller. „Das sind Geschehnisse, die in unserer Stadt angesichts unserer Geschichte einfach nicht passieren dürfen und die niemals zur Normalität werden dürfen. Dank sage ich der Passantin, die Mut und Zivilcourage bewiesen hat, dazwischen gegangen ist und damit den Angreifer vertrieben hat. Dennoch ist der Vorfall ein Geschehen, für das ich mich einmal mehr schäme.“

488 Strafverfahren in einem Jahr

Erst am Montag hatte eine Gruppe von Abgeordneten von SPD, CDU, Linken, Grünen und FDP gefordert, antisemitische Straftaten konsequent zu erfassen und zu ahnden. Sie kritisierten, die Statistik sei nicht genau genug. Der Senat hatte in einer Antwort auf eine Anfrage eingeräumt: „Eine Differenzierung nach klassischem Antisemitismus, israelbezogenem und sekundärem Antisemitismus ist nicht möglich.“ Nach den genannten aktuellen Zahlen wurden in den 13 Monaten zwischen dem 1. Juli 2018 und dem 31. Juli 2019 488 Strafverfahren erfasst. 319 Verfahren richteten sich gegen ermittelte Verdächtige, 169 gegen Unbekannt. Dabei ging es um Sachbeschädigungen, Beleidigungen, Bedrohungen und Angriffe.

Der Senat listete in seiner Antwort Beispiele auf, viele davon betrafen Gedenkstätten oder jüdische Einrichtungen, es gab Schmierereien mit Hakenkreuzen und Beschädigungen von Stolpersteinen. Kürzlich war bekannt geworden, dass das Ermittlungsverfahren wegen eines Angriffs auf einen Rabbiner eingestellt werden musste. Der Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Yehuda Teichtal, war im Juli in Begleitung eines seiner Kinder von Männern auf Arabisch beschimpft und bespuckt worden. Bei den Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft gab es zwar Verdächtige, die Tat konnte ihnen aber trotz Handyauswertungen und Zeugenvernehmungen nicht eindeutig nachgewiesen werden.

Erinnerungen an Peitschenschläge in Prenzlauer Berg

Der aktuelle Fall erinnert an ein anderes Vorkommnis in Pankow aus dem Frühjahr 2018 als ein 19-Jähriger in Prenzlauer Berg einem Israeli, der eine Kippa trug, Schläge mit seinem Gürtel versetze. Das Amtsgericht Tiergarten verhängte daraufhin einen Arrest von vier Wochen gegen den Syrer nach Jugendstrafrecht. Zudem sollte er für ein Jahr von einem Betreuer beaufsichtigt werden. Laut des Urteils musste der Täter das Haus der Wannsee-Konferenz besuchen. In der Villa am Berliner Wannsee hatten die Nazis die systematische Vernichtung der Juden abgesprochen.