Prenzlauer Berg

Nach Buchstaben-Posse: Bäcker will keine Hilfe von der AfD

Ein Brotladen muss auf amtliche Weisung Gewichtsangaben klein schreiben. Der Bäcker wehrt sich jetzt gegen Beistand von „Idioten“.

Der Bäcker Karsten Greve darf „kg“ nicht groß schreiben. Und er verzichtet auf den Beistand der AfD.

Der Bäcker Karsten Greve darf „kg“ nicht groß schreiben. Und er verzichtet auf den Beistand der AfD.

Foto: Thomas Schubert

Eigentlich möchte er sich mit Teigwaren beschäftigen, Rezepte verfeinern, Brote backen. Aber immer wieder kommt es vor, dass Karsten Greve erzählen soll, warum er die Abkürzungen für Kilogramm und Gramm klein schreibt. Und warum an seiner Waage der Hinweis hängt, es handel sich nur um eine Dekoration. Greve hätte gerne auf beide Maßnahmen verzichtet – aber er muss.

Denn das Landesamt für Mess- und Eichwesen wollte es so. Seine skurrile Auseinandersetzung mit dieser Behörde brachte dem Inhaber des Ladens „100 Brote“ ein beträchtliches mediales Interesse ein. Und einen Fürsprecher, auf den Greve gerne verzichtet hätte. Vor seinem Tresen stand plötzlich: Ronald Gläser von der AfD.

Andere Parteien überließen der AfD die Bühne

Dass der kurz darauf im Abgeordnetenhaus über die Bedrängung und Gängelung des Unternehmers durch bürokratische Willkür schimpfte, sei nicht falsch gewesen. Aber die AfD sei nun einmal „eine zutiefst rassistische Partei von Idioten“, sagt Greve. Die Vereinnahmung seines Falls aus dieser Richtung erschien ihm so problematisch, dass er Gläser bat, die Sache nicht politisch zu thematisieren. Die AfD es bei der Fragestunde im Abgeordnetenhaus trotzdem.

Eine direkte Unterstützung aus einem anderen politischen Lager blieb aber aus – und das ärgert Greve am meisten. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller (SPD) habe sich bei der kurzen Debatte im Abgeordnetenhaus desinteressiert abgewendet, genau wie die Senatoren Klaus Lederer und Ramona Pop. Das konnte der Bäcker einer Videoaufzeichnung der Sitzung entnehmen.

„Aber Frau Pop hätte ja wenigstens einen Praktikanten bitten können, uns einen Brief zu schreiben“, findet Greve. Es wäre für alle anderen Parteien ein Leichtes gewesen, der AfD die Schau zu stehlen. So aber sei der Eindruck geblieben, dass sich nur diese Partei engagiert.

Senatsverwaltung kündigte Gespräche mit dem Messamt an

Nachdem die Berliner Morgenpost über die Buchstaben-Kontrolle berichtet hatte, schaltete sich mit dem Fokus auf die politische Dimension des Falls auch das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ ein und legte den Schwerpunkt auf die Begegnung zwischen Gläser und Greve. Eine Anfrage der Berliner Morgenpost bei der Senatsverwaltung für Wirtschaft unter der Führung von Senatorin Ramona Pop (Grüne) über Besuche der Kontrolleure und ihre erstaunlichen Forderungen, dass man „KG“ klein schreiben müsse, um einer Verwechslung mit der Abkürzung für Kommanditgesellschaft vorzubeugen, hatte größere Folgen als der Einsatz von Ronald Gläser und der AfD.

Die Senatswirtschaftsverwaltung kündigte an, sich „mit dem Messamt über die Verhältnismäßigkeit und Auslegung des Bundesgesetzes zu unterhalten. Wir wollen, dass unsere Gewerbetreibenden unbürokratisch und rechtssicher ihrer Arbeit nachgehen können“, teilte eine Sprecherin wenige Tage nach den ersten Medienberichten mit.

Auch Medienanfragen aus Österreich und Italien

Dieser konstruktive Teil der Bäcker-Posse ging im medialen Wirbel unter. Karsten Greve sagt, es würde ihn freuen, wenn sein Fall etwas bewirkt hat und anderen Gewerbetreibenden der Ärger wegen „falscher“ Schreibweisen erspart bleibt. Nachdem der Fall selbst auf Nachrichtenseiten aus anderen Ländern, etwa in Österreich und Italien, vorgestellt wurde, hat der Bäcker von den Berichten nun genug.