Mieterhöhung

Berlins widerspenstigster Mieter siegt endgültig vor Gericht

Sven Fischer aus Prenzlauer Berg kämpfte gegen Mieterhöhungen und eine Räumung. Amtsgericht nennt Forderungen gegen ihn „sittenwidrig“.

Erfolgreicher Protest: Sven Fischer darf in der Kopenhagener Straße 46 in Prenzlauer Berg wohnen bleiben und zahlt weiter eine moderate Miete.

Erfolgreicher Protest: Sven Fischer darf in der Kopenhagener Straße 46 in Prenzlauer Berg wohnen bleiben und zahlt weiter eine moderate Miete.

Foto: Reto Klar

Berlin. Ohne ihn kein Geschäft. Sven Fischer stand schließlich im April mitsamt seiner kleinen Altbauwohnung in Prenzlauer Berg zum Verkauf. Der Eigentümer inserierte die 38,12 Quadratmeter große Bleibe in der Nähe des Mauerparks für 155.000 Euro und empfahl sie „unerschrockenen Anlegern“ als Investitionsobjekt.

Unerschrocken mussten sie sein wegen des Mieters: Sven Fischer. Er hat sich bis heute erfolgreich jeder Mieterhöhung und Vertragskündigung widersetzt, zahlt nur 171,53 Euro im Monat kalt. Lange blieben die Verfahren gegen ihn in der Schwebe. Aber jetzt bekam der Mann vor dem Landgericht Berlin Recht. „Ganz leise wurde der letzte Rechtsstreit vom Landgericht Berlin zu unseren Gunsten beigelegt“, schreibt Fischer in einem Brief an die Berliner Morgenpost.

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Mieter klagt gegen Mieterhöhung - Gericht sieht Mietkosten „im eklatanten Missverhältnis zur Leistung“

Auch den Gerichtsbeschluss fügte er an. „Der Klägerin steht kein über den vom Amtsgericht ausgeurteilten Betrag hinausgehender Anspruch auf Erhöhung der Miete zu“, heißt es darin. Eine Erhöhungserklärung aus dem April 2016 sei „wegen Sittenwidrigkeit unwirksam, da die Klägerin beabsichtigt hat, den Beklagten mit überhöhten Preisen zu übervorteilen. Die geforderten Mietkosten stünden „in einem eklatanten Missverhältnis zur Leistung“, so die Richter weiter.

Das Gericht spricht in dem Beschluss sogar von einer „verwerflichen Gesinnung im Sinne der Gewinnmaximierung unter Ausnutzung der besonderen Situation des Mieters, der ein schützenswertes Interesse an der Erhaltung seiner Wohnung hat“.

Die Eigentümergesellschaft hatte schon einmal vor Gericht verloren, nun ist auch ihre Berufung abgewiesen.

Mieter Sven Fischer sieht sich im Kampf gegen „übermächtige Spekulanten“

Für Fischer, der sich nach eigener Aussage in einem „scheinbar aussichtslosen Kampf gegen vermeintlich übermächtige Anwälte, Spekulanten und deren willfährige Schergen“ befand, ist diese Entscheidung ein Triumph.

„Wir sind an dem Punkt angelangt, an den wir kommen wollten“, schreibt er in seinem Brief. Die letzten verbliebenen Stammbewohner des Hauses in der Kopenhagener Straße 46 seien bemüht gewesen, „auch stellvertretend für viele andere Menschen auf die Unmenschlichkeit und Brutalität, die mit Entmietungen einhergehen, aufmerksam zu machen“.

Fischer sieht seinen Kampf gegen Mietwucher und Verdrängung sogar als Paradefall für die Ausarbeitung des Mietendeckels durch die Landesregierung. Man habe dafür gesorgt, „dass in Berlin Bewegung ins mietenpolitische Geschehen gekommen ist“.

Der Rechtsstreit füllt fünf Aktenordner

Mit dieser Entscheidung dürfte der Marktwert für Fischers Wohnung nochmals gesunken sein. Damit endet wohl auch ein sechs Jahre langer Kampf um den anfangs maroden Altbau, der sich immerhin in einem Milieuschutzgebiet befindet. Der Widerstand der Mieter in der Kopenhagener Straße 46 wurde anfangs ausgiebig von Medien begleitet und von Lokalpolitikern unterstützt. Einer Ankündigung der Mieterhöhung um das Dreifache folgten Bauarbeiten hinter einer blickdichten Plane.

Während die meisten Mieter flohen, blieb Sven Fischer standhaft. Den wenigen Platz nutzt er bis heute geschickt aus und verwendet die Wohnung als Kletterhalle und Büro. Fünf Aktenordner füllt sein Rechtsstreit gegen die drastische Mieterhöhung auf 644 Euro und Aufforderungen, die Wohnung zu räumen.

Jetzt kann er die Kladden schließen. Berlins widerspenstigster Mieter hat gewonnen und dankt allen Unterstützern – damit endet sein Brief – von Herzen.

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