Pankower Familie

Wie ein Berliner Paar monatelang um sein Pflegekind kämpft

Die 15 Monate alte Emilia ist schwer krank. Eine Pankower Familie will sie aufnehmen, gerät aber in die Mühlen der Bürokratie.

Nach langem Ringen fast am Ziel: Ilka und Michael Dürr dürfen ihre Pflegetochter mit nach Hause nehmen - sobald ihr Zustand stabil genug ist.

Nach langem Ringen fast am Ziel: Ilka und Michael Dürr dürfen ihre Pflegetochter mit nach Hause nehmen - sobald ihr Zustand stabil genug ist.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Mit großen dunklen Augen blickt Emilia* aus ihrem roten Kinderwagen in die Gesichter zweier Menschen, die nicht ihre Eltern sind – und die sich aber doch nichts sehnlicher wünschen, als sie in ihrem Kinderzimmer aufwachsen zu sehen. Der Herbstwind im Hof des Krankenhauses lässt Emilias schwarze Locken wippen. Die Kinderklinik verlassen, das war dem Mädchen noch nicht vergönnt.

Ein angeborener Leberschaden führt dazu, dass es Nahrung nur schwer verdauen kann. Darum der Daueraufenthalt in einem Krankenhaus, darum die künstliche Ernährung. Und darum eine Kindheit ohne die leiblichen Eltern, die nicht in der Lage sind, für das sterbenskranke Kind zu sorgen.

Ilka Galler-Dürr und ihr Mann Michael wollen einspringen. Das Mädchen soll zum ersten Mal in seinem Leben eine Fürsorge erfahren, wie sie wohl nur eine Mutter und ein Vater zu geben im Stande sind. Die Dürrs wollen den bestmöglichen Ersatz bieten. Als Langzeit-Pflegeeltern. „Seit seiner Geburt lebt dieses Mädchen im Krankenhaus oder befand sich in Kurzzeitpflege. In 15 Monaten hatte es noch nie ein richtiges Zuhause“, beschreibt Ilka Galler-Dürr das Drama.

2400 Kinder und Jugendliche leben in Pflegefamilien

Die Familie bringt jahrelange Erfahrung mit, wenn es darum geht, Pflegekinder für einige Wochen oder Monate aufzunehmen. Emilia wäre das sechste Kind. Und das erste in Langzeitpflege. Daheim in einem Reihenhaus kümmert sich das Paar aus Pankow um sechs leibliche Kinder, drei sind inzwischen erwachsen.

Lesen Sie auch: So schwierig ist die Suche nach geeigneten Pflegeeltern

Platz haben Ilka und Michael genug – dazu reichlich Vorerfahrung. Und natürlich Liebe. Damit mögen wesentliche menschliche Voraussetzungen erfüllt sein. Aber nicht die formalen. Das bekamen die Dürrs doppelt zu spüren. Denn mit den Jugendämtern Pankow und Treptow-Köpenick mussten gleich zwei Instanzen den Fall prüfen. Das Amt in Pankow, weil die Dürrs in dem Bezirk als Pflegeeltern gemeldet sind. Das Amt in Treptow-Köpenick, weil dort die leiblichen Eltern von Emilia leben.

Berlin besitzt keine Zentrale Instanz für schwer kranke Kinder ohne Zuhause

Dass Pflegeeltern aus Pankow ein krankes Mädchen aus Treptow-Köpenick aufnehmen, ist aber unüblich. So mussten sich die Dürrs erst vom Jugendamt Pankow freistellen lassen, um anschließend dem Jugendamt Treptow Köpenick zur Verfügung stehen zu können. Berlin besitzt keine zentrale Instanz, die sich um schwer kranke Kinder ohne Zuhause kümmert, sondern zwölf kleine – eine in jedem Bezirk. Und wenn die Heimatbezirke von Kind und Pflegeeltern abweichen, braucht es eine Anbahnung bei zwei Ämtern.

„Für uns ist eine Welt zusammengebrochen, als wir erfuhren, wie kompliziert das ist. Wir waren kurz davor, die Sache hinzuschmeißen. In Berlin ist jeder Bezirk wie ein Dorf mit eigenen Bestimmungen“, berichtet die angehende Ersatzmutter. Kurios: „Pankow hätte die Pflegepartnerschaft direkt bewilligt, wenn man zuständig gewesen wäre“, sagt Michael Dürr. Aber zuständig ist Treptow-Köpenick. Dort musste man wochenlang gegen Widerstände anarbeiten. „Wir haben jede freie Minute mit dem Fall verbracht“, ärgert sich Dürr.

Berlin gab 2018 insgesamt 44,4 Millionen Euro für Pflegekinder aus

Nach Angaben der Senatsverwaltung für Familie lebten in Berlin Ende 2018 rund 2.400 Kinder und Jugendliche in Pflegefamilien. 44,4 Millionen Euro gab das Land Berlin aus, damit sie auf diesem Wege betreut werden. Die Zahl der Pflegekinder blieb zwar in den vergangenen Jahren stabil, der Bedarf an Pflegefamilien sei aber wesentlich höher als der Bestand, heißt es aus der Verwaltung. Für die Erziehung bekommen Pflegeeltern monatlich 300 Euro, bei erhöhtem Förderbedarf des Kindes kann der Satz auf 960 Euro im Monat steigen.

Einen finanziellen Anreiz brauchen die angehenden Pflegeeltern von Emilia nicht. Ihnen ist klar, dass sie für das schwer kranke Mädchen draufzahlen werden. Bis zu einem gewissen Grad hatte Ilka Galler-Dürr auch Verständnis, dass Jugendämter sehr genau prüfen, wem sie ein Kind anvertrauen. „Wenn es nicht seine Richtigkeit hat, wäre das, als würden wir ein fremdes Kind entführen“, sagt sie. Mitte Juli war vereinbart worden, im August loslegen zu können. Die Pflegeeltern gingen davon aus, mit einem Vertrag starten zu können.

Lesen Sie auch: "Die Verhältnisse werden nicht einfacher, der Druck steigt"

Das Jugendamt Treptow-Köpenick entschied jedoch, dass es noch einer nicht bezahlten Anbahnungsphase für die Pflege bedürfe. Erst wenn das Kind in den Haushalt einziehe, könne der Vertrag geschlossen werden, hieß es. In der Anbahnungsphase gibt es keine Zuwendungen und keinen Vertrag. Weil aber niemand anderes da war, der sich um Emilias Wäsche kümmert und ihr das Fläschchen gibt, sprangen die Dürrs ab dem 9. August ein. Und das, obwohl Pflegefamilien ohne Vertrag mit ihrem Privatvermögen für das Kind voll haften.

Jugendamt erklärte Vertrag plötzlich für ungültig

Am 10. September sollte Emilia entlassen werden – aber ihr Zustand verschlechterte sich, die Entlassung entfiel. Und die Übernahme in die Langzeitpflege platzte. Mitten in dieser Zeit der Resignation gab es dann aber plötzlich doch Post vom Jugendamt – mit einem Vertrag rückwirkend zum 1. August. Sofort unterschrieben die Pflegeeltern und schickten das Papier zurück.

Der Fall schien geklärt – doch die Freude darüber war verfrüht. Denn gleich darauf folgte ein Schreiben von Jugendstadtrat Gernot Klemm (Linke). Es erklärte das ersehnte Dokument für gegenstandslos. „Der Vertrag sei ungültig, weil ein falsches Datum drin stand“, erzählt Michael Dürr. Wieder stand Emilia ohne Zuhause da.

Neuer Pflegevertrag für Emilia - ohne Fehler

Die Dürrs beschwerten sich in der Bürgersprechstunde bei Bezirksbürgermeister Oliver Igel (SPD). Der bestätigte die Panne mit dem ersten Vertrag und schrieb: „Der versendete Pflegevertrag mit Datum vom 1. August 2019 war tatsächlich ein Schreibfehler des Bereichs Pflegekindwesen, was wir bedauern.“ Das kranke Mädchen sei aber währenddessen im Krankenhaus über eine stationäre Unterbringung bestens gesorgt worden.

Im Anschluss kam es zu einer mehrtägigen Prüfung. Schließlich erhielten die Dürrs den Pflegevertrag für Emilia. Diesmal fehlerfrei. Die Dürrs sind einerseits froh über die Wendung zum Guten, anderseits enttäuscht über einen bürokratischen Prozess, der wochenlang jede freie Minute in Anspruch nahm.

Familie Dürr fühlte sich während des ganzen Vorgangs unerwünscht

Das Jugendamt Treptow-Köpenick hat in den letzten Monaten im gesamten Bundesgebiet nach Pflegeeltern für Emilia gesucht. Doch obwohl die Suche vergeblich blieb und die Familie Dürr gleichzeitig ihre Hilfe anbot, fühlte diese sich während das ganzen Vorgangs unerwünscht. „Einerseits werden Pflegeeltern überall in Deutschland umworben. Aber wir haben uns wie Bittsteller gefühlt. Das passt nicht zusammen“, sagt Michael Dürr.

Gernot Klemm, der zuständige Jugendstadtrat, bedauert den Streit mit dem Paar aus Pankow, machte auf Nachfrage aber deutlich, dass es völlig üblich sei, dass die Anbahnung eines Pflegeverhältnisses dauert. „So etwas kann sich über ein Jahr hinziehen“, sagt Klemm. Oft sei es so, dass Pflegefamilien möglichst schnell aktiv werden wollen – „aber wenn sie stark drängen, prüfen wir den Fall besonders genau“.

Emilia weiß nichts von der Verwirrung um ihr Schicksal

Zum Fall der kleinen Emilia will der Stadtrat aus Datenschutzgründen nichts sagen. Allerdings räumte er ein, dass die Zustellung des falsch datierten Vertrags ein Fehler war. „Bis auf dieses Problem gab es aber keinerlei Versäumnisse“, so Klemm.

Emilia weiß nichts von der Verwirrung um ihr Schicksal. Auch wenn sie jetzt offiziell nach Pankow ziehen dürfte – ihr medizinischer Zustand ist dafür zu schlecht. Ausgerechnet nachdem die Ämter ihren Segen gegeben hatten, führte der Leberschaden wieder zu starken Beschwerden. Erst wenn die Ärzte sie entlassen, wird Emilia das erste richtige Zuhause ihres Lebens bekommen.

* Name von der Redaktion geändert