Bildung

Schimmel: Pankow und Mitte müssen neue Schulen sanieren

An fünf Ergänzungsbauten in Pankow und Mitte dringt Wasser ein. Alle Schulen dieses Typs sollen jetzt untersucht werden.

Nach zwei Jahren ein Sanierungsfall: Am neuen Schulgebäude der Paul-Lincke-Grundschule in Prenzlauer Berg finden derzeit Arbeiten am Fundament statt.

Nach zwei Jahren ein Sanierungsfall: Am neuen Schulgebäude der Paul-Lincke-Grundschule in Prenzlauer Berg finden derzeit Arbeiten am Fundament statt.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Zwei Jahre war das Gebäude alt, da rückten die Bauarbeiter wieder an. Bei einer Inspektion im Modularen Ergänzungsbau (MEB) der Paul-Lincke-Schule in Prenzlauer Berg fiel jetzt ein Mangel auf, der die Gesundheit von Kindern gefährdet: In Fluren und Klassen breitet sich Schimmel aus. Den Grund erkennt selbst ein Laie: An dem Haus, das aus seriell vorgefertigten Teilen besteht, waren die Wände stark durchfeuchtet.

Laut Pankows Schulstadtrat Torsten Kühne (CDU) handelt es sich um einen Standardtyp dieses Gebäudes, der je nach Ausführung 12 bis 24 Klassenräumen beherbergt. Häuser dieser Art werden in Modulen angeliefert und können innerhalb von 15 Monaten eröffnet werden. In Pankow ist es bereits der dritte Schaden dieser Art an Gebäuden des neuen Typs – zuvor schon betroffen waren die Klecks-Grundschule und die Hagenbeck-Schule in Weißensee.

„Die entsprechenden Vernässungsschäden sind dem Bezirksamt im September 2017 bekannt geworden. An beiden Schulen wurden die betroffenen Teilbereiche im Erdgeschoss mittlerweile im laufenden Betrieb saniert. Seit der Übergabe im Juli 2019 an den Bezirk nach erfolgter Sanierung sind keine Vernässungsschäden mehr aufgetreten“, erklärt Kühne auf Anfrage des Linken-Politikers Jurik Stiller. In jedem dieser Fälle ist offenbar Wasser aus dem Boden ins Innere der Gebäude eingedrungen – und kurz darauf stellte sich Schimmel ein. Über die Ursachen des Wassereinbruchs rätseln die die Experten im Bezirksamt Pankow bis heute. Laut Stadtrat Kühne kommen Materialfehler ebenso in Betracht wie eine fehlerhafte Bauausführung, die fehlende Berücksichtigung von Grund- und Schichtenwasser oder die Folgen von Starkregen. Man habe sofort die Senatsverwaltung für Schule kontaktiert und eine Beseitigung der Mängel verlangt. Die Verwaltung wiederum veranlasste eine Beseitigung der Schäden über die Gewährleistung der Herstellerfirma.

Allein In Pankow könnten 22 Schulgebäude betroffen sein

Weil in Pankow schon 22 Ergänzungsbauten des Typs in Betrieb sind und viele weitere Neubauten nach diesem Muster entstehen sollen, hat der Bezirk den Senat um eine grundlegende Überprüfung der Konstruktion gebeten. Gemeinsam mit der Herstellerfirma sollen die Verantwortlichen die Vorkommnisse untersuchen und Ursachen benennen.

Im Hause von Schulsenatorin Sandra Scheeres (SPD) will man die Schimmelprobleme nicht kommentieren – und verweist stattdessen auf die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung unter Führung von Katrin Lompscher (Linke), die für den Bau von Schulergänzungsbauten zuständig sei. Dort wollen die Verantwortlichen jetzt mit Hilfe eines Gutachters klären lassen, inwiefern ein Konstruktionsfehler vorliegt. Bislang sei die Ursache für den Nässeeinbruch noch nicht klar, heißt es.

Auch an der Heinrich-von-Stephan-Schule in Mitte fiel ein ähnlicher Wasserschaden auf, nachdem die Grundschule Europacity im vergangenen Jahr mit den gleichen Problemen zu kämpfen hatte. „Ich bin weder Architekt noch Bauingenieur. Ich weiß bloß: Dass wir drei MEBs haben und zwei davon schadhaft sind, ist für uns ärgerlich“, erklärte Mittes Schulstadtrat Carsten Spallek (CDU) zum Befund.

Der Bauingenieur Carl Waßmuth vom Verein „Gemeingut in BürgerInnenhand“ geht nicht von Einzelfällen aus, sondern vermutet einen Konstruktionsfehler. Seine Annahme: Der Aufbau der in Einzelteilen vorgefertigten Schulgebäude mit einem zentralen Mittelkorridor führt zu einer schlechten Belüftung dieser Häuser. „Die seit 2014 in Berlin eingesetzten MEBs sind vom Grundriss her so angelegt, dass beidseitig zum Flur Klassenräume liegen. Das erschwert es, die Klassenräume ausreichend zu belüften. Die Feuchtigkeit aus der Atemluft und aus trocknender Regenkleidung kann unter Umständen nicht vollständig entweichen und lagert sich an oder in den Wänden als Kondenswasser ab“, beschreibt Waßmuth seine Sicht auf das Problem.

Schon zu DDR-Zeiten sei diese Schwierigkeit erkannt worden, was zur Entwicklung des ebenfalls modular gefertigten Modells „Gangtyp“ führte. Hier lägen die Zimmer nur einseitig des Flurs - und der habe dadurch zur Belüftung Fenster, erklärt der Ingenieur. Noch immer stehen im Osten Berlins über 100 Schulen dieses Typs, die aus Sicht des Ingenieurs bauliche Zielkonflikte schon gelöst hatten, bevor die heutigen Ergänzungsbauten entworfen wurden.

Ingenieur empfiehlt einen Trick zur besseren Lüftung

Auch Carl Waßmuths Sohn erhält in einer Schule mit einem modernen MEB Unterricht, was das Interesse des Ingenieurs an diesem Thema erklärt. Der Experte des Vereins „Gemeingut“ sieht es als erwiesen an, dass die Neubauten wesentlich dichter konstruiert sind als ältere Gebäude – das hilft Heizkosten sparen, stellt aber umso höhere Ansprüche an die Lüftung. „Denkbar ist zum Beispiel, dass in einzelnen Schulen Türen dauerhaft so blockiert werden, dass Durchzug entsteht“, schlägt Waßmuth eine simple Lösung vor, die auch verschiedene Hausmeister befürworten. Und nennt gleich auch die Nachteile dieses Verfahrens zur Vermeidung von Schimmel in den nagelneuen Gebäuden: „Das kollidiert allerdings voraussichtlich mit Vorgaben zum Brandschutz und zum Wärmeschutz, weswegen einige Schulen nicht so vorgehen“, stellt er fest.

Laut Senat sind in Berlin bislang 50 Ergänzungsbauten des 2014 erstmals eingesetzten Typs in Betrieb – sie gelten als wichtiger Baustein der Schulbauoffensive. Ob die Serie weiter als schnelle Lösung für Platzprobleme an Schulen in kinderreichen Kiezen der Stadt gelten kann, wird wohl davon abhängen, wie leicht die jetzigen Probleme zu beheben sind. Am Neubau der Paul-Lincke-Grundschule deutete am Dienstag jedenfalls wenig darauf hin, dass sich die Mängel bald abstellen lassen. Rings um das Haus haben Bauarbeiter einen Graben ausgehoben, mehrere Teile der Verkleidung in Bodennähe abgenommen und das Fundament freigelegt. Ob sie mit den Arbeiten bis zum Ende der Herbstferien fertig werden, dazu gab es keine Auskunft.