Bienen in Berlin

Die Biene, mein Haustier - wie viele Völker verträgt Berlin?

Das Imkern entwickelt sich zum Trendhobby junger Großstädter. Aber nicht alle wissen, wie man entflogene Schwärme wieder einfängt.

Die "Imkerskinder" Celina und Marian Wagner aus Prenzlauer Berg haben den Sachverstand seit Generationen in der Familie.

Die "Imkerskinder" Celina und Marian Wagner aus Prenzlauer Berg haben den Sachverstand seit Generationen in der Familie.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Der fertige Honig – so haben es die „Imkerskinder“ Celina und Marian Wagner entschieden – befindet sich nicht dort, wo die Bienen sind. Das junge Paar lebt mit seiner kleinen Tochter in einer Altbau-Wohnung in Prenzlauer Berg – sie ist zugleich das Hauptquartier der kleinen Firma. Ihre zwölf Bienenvölker schwirren aber nicht zwischen Pankower Gründerzeitblöcken, sondern etwa 18 Kilometer weiter südlich, am Stadtrand von Neukölln. Es soll auf weiter Flur summen, fernab der Häuserschluchten. „Da gibt es viele Gärten und Felder und nicht so viele Menschen“, erklärt Marian die Entscheidung, möglichst wenige Berliner mit dem Bienenflug zu behelligen.

„Imkerskinder“, das ist zum einen die Selbstbezeichnung zweier Züchter, deren Leidenschaft seit Generationen in der Familie liegt. Zum anderen der Name des Onlineshops in Pankow. Über den kann jeder Honigfreund an Celinas und Marians Leidenschaft teilhaben. Zur Auswahl stehen Gläser mit Frühlings- oder Sommersorten. Dazu gibt es Wachskerzen und einen Jutebeutel mit dem Versprechen „Echt juter Honig“.

Laut einer Erfassung der Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr gibt es in keinem Bezirk mehr Bienen als in Pankow. 23 Völker pro Quadratmeter mit jeweils zwischen 40.000 bis 80.0000 Insekten bedeuten einen Spitzenwert. Wenn die Statistik stimmt, wäre der Bezirk mit den meisten Einwohnern zugleich derjenige mit den meisten Bienen. Auf jeden Menschen im Nordosten Berlins kämen dann Dutzende gestreifte Insekten. Zwar fehlen in der Erfassung des Senats die vermutlich ebenfalls bienenreichen Bezirke Tempelhof-Schöneberg und Reinickendorf. Aber Pankow und vor allem Prenzlauer Berg mit seinen Stöcken auf Hausdächern, Balkonen und Friedhöfen, ist nun als Bienenhochburg Berlins in den Blick gerückt.

Nimmt das Hobby hipper Großstädter überhand?

Nimmt das Hobby hipper Großstädter überhand? Im Pankower Imkerverein herrscht zumindest eine gesunde Skepsis vor. „Wir brauchen nicht noch mehr Bienen“, sagt der Vorsitzende Herbert Baum. Denn mit steigender Bienendichte erhöhe sich auch die Gefahr einer Übertragung von Krankheiten zwischen den Stämmen. Spätestens wenn Bienen abschwärmen und sich in Prenzlauer Berg zu Zehntausenden auf Ampeln oder Fahrrädern niederlassen, erweist sich Ahnungslosigkeit als Problem. Achtmal musste Herbert Baum diesen Sommer persönlich anrücken, um so einen Fall zu lösen. Wer keine Ahnung hat, wie er einem Schwarm seine bevorstehende Abreise aus dem Stock anmerkt oder ihn wieder einfängt, löst schnell einen Feuerwehreinsatz aus. Nicht alle Passanten wissen, dass heimatlose Schwärme harmlos sind und melden das Problem entweder professionellen Imkern – oder professionellen Rettern, die bei der Einsatzdichte in Berlin ohnehin nicht über Langeweile klagen können.

Für Celina und Marian Wagner gehört der Umgang mit abtrünnigen Völkern zum Basiswissen. „Von unseren zwölf Völkern hat nur ein einziges geschwärmt, obwohl es ein extremes Schwarmjahr war“, erzählt Celina. Zu diesem Phänomen komme es, wenn zu viele Bienen für zu wenig Arbeit in einem Stock vorhanden sind und der Platz in der Behausung knapp wird. Dann ziehe ein Teil der besonders kräftigen Bienen aus. Dem könne man als aufmerksamer Züchter zuvorkommen, indem man ein wachsendes Volk rechtzeitig teilt und den Umzug in eine neue Behausung ermöglicht, erklärt Celina. „Mein Opa hat uns ausführlich angeleitet. Er ist seit 40 Jahren Imker“, nennt sie ihre wichtigste Wissensquelle. „Er geht mit Bienen um wie mit Kindern“, meint Marian, der in einer E-Commerce-Firma arbeitet.

Aber nicht alle Bienenbesitzer seien gründlich geschult, findet Expertin Melanie von Orlow, die Vorsitzende des Imkervereins Reinickendorf-Mitte und Vorstandsmitglied des Naturschutzbunds Nabu in Berlin. Sie sieht beträchtliche Kompetenzunterschiede in der Berliner Szene und sagt: „Wir brauchen nicht mehr Imker, sondern bessere Imker“. Dabei will von Orlow den Trend zur Bienenhaltung weder glorifizieren noch verdammen. Sowohl Quantität als auch Qualität der Bienenzucht ließen viel Spielraum zur Interpretation. Wie viele Bienen und Imker es in Berlin gibt, das sei in Wirklichkeit unklar, gibt von Orlow zu bedenken. Rückschlüsse ziehe man bisher aus der Zahl von offiziell gemeldeten Imkern in Vereinen und Verbänden. „Aber es gibt auch Bienenzüchter, die nicht registriert sind“.

Unterscheidung zwischen Wild- und Honigbienen

Ist die Haltung von Honigbienen wirklich eine Maßnahme für die Rettung bedrohter Bestäuber? Herbert Baum vom Imkerverein Pankow weist darauf hin, dass eher Wildbienen Schutz genießen müssen, während die Honigbiene auch ohne Hilfe gedeiht. Einen Konflikt durch die massenhafte Zucht der Honigbiene sieht Melanie von Orlow aber nicht. „An bestimmten Orten kann es zu Konkurrenzsituationen zwischen den Bienenarten kommen, etwa in bestimmten Naturschutzgebieten.“ Dort sei es meistens auch das Ziel, die dort vorkommenden Wildbienen zu schützen und Honigbienen fernzuhalten. Aber in Berlin seien die jeweiligen Naturschutzgebiete flächenmäßig schlicht zu klein und deshalb nicht vor einfliegenden Honigbienen frei zu halten, egal ob es viele von ihnen gibt.

Worin sich von Orlow und Baum einig sind: Man muss in Berlin keine eigenen Bienen halten, um sich als Freund dieser Tiere zu erweisen. Durch eine attraktive Balkonbepflanzung mit Minze oder Lavendel bietet man Insekten ein Bankett, ohne den Konkurrenzkampf um die nahrhaftesten Blüten zu befeuern.