Saubere Parks

Wie sich Touristen in Pankow als Müllsammler bewähren

Beim ersten „East Berlin Park Cleanup“ griffen Berlin-Besucher bei sengender Hitze zu Kneifzange und Müllsack.

Lea und Johannes meinen: Anhand des Mülls lernt man eine Stadt auf neue Weise kennen. Mit mehr als 70 Begleitern reinigen sie den Mauerpark

Lea und Johannes meinen: Anhand des Mülls lernt man eine Stadt auf neue Weise kennen. Mit mehr als 70 Begleitern reinigen sie den Mauerpark

Foto: Thomas Schubert

An einem heißen Montagnachmittag biegen drei Gruppen nach einem kurzen Marsch entlang der früheren deutsch-deutschen Grenze von der Bernauer Straße ab. Hinter den 75 Teilnehmern einer besonderen Führung liegt der Ernst der Geschichte. In Deutsch, Englisch und Spanisch erfuhren sie vom Schrecken der Berliner Teilung. Das war Teil eins des Programms. Nun Teil zwei: Vor ihnen befinden sich die Hinterlassenschaften eines ganz normalen Partysonntags im Mauerpark. Es ist einer der spaßigsten Orte der Stadt, eine in Reiseführern gepriesene Pflichtstation – und zugleich ein Hort des Mülls.

In diesem speziellen Fall ist das allerdings kein Arbeitsauftrag für die Stadtreinigung oder den Bezirk, sondern eine Angelegenheit für diese jungen Männer und Frauen: fast alle Touristen.

Was hier an Flaschen, Essensresten und Verpackungen auf der verdorrten Wiese liegt, sollen sie in Müllsäcke packen. Reisende, denen der Sinn eigentlich nach Entdeckungen und Erholung steht, greifen zur Kneifzange. Dies ist ein neues Gemeinschaftsprojekt der Bezirksämter Pankow und Mitte zur Umdeutung des Klischees von Touristen als Müllverursacher.

Kommentar: Müllsammeln in Berlin als Touri-Event? Da ging noch mehr!

„Gib Berlin etwas zurück, indem du nur eine Stunde Müll sammelst“, hat die verantwortliche Agentur Sandemans New Europe eine Aktion überschrieben, die es in dieser Form in Berlin so noch nicht gab. In Edinburgh, Barcelona, Paris, Amsterdam und Dublin habe man aber erfreuliche Erfahrungen gesammelt, sagt die Projektverantwortliche Lisa John. Es gehe um das „Erlebnis, sich als Teil der Stadt fühlen“. Auf der Internetseite von Sandemans wird die Tour mit Bildern von jungen Frauen und Männern in orangefarbenen Westen beworben, die eifrig lächelnd im warmen Abendlicht Wiesen durchstreifen.

Das „East Berlin Park Cleanup“, wie die neue Veranstaltung offiziell heißt, sei ein kostenloser Spaß. Auch eine Kleidungsempfehlung gab die Agentur den Teilnehmern mit an die Hand: Man solle festes Schuhwerk tragen, das die Zehen schützt, lautet der Hinweis.

Kippen, Kronkorken sowie Plastikbecher landen im Sack

Die meisten Reisenden sind in luftiger Freizeitmontur erschienen. Diane, eine junge Frau aus New York, empfindet es als ganz selbstverständlich, an einem Tag ihrer Reise etwas Gutes zu tun. „Wenn ich woanders hingehe, will ich den Ort sauber hinterlassen – das ist wie mit einem Haus, in dem man sich wohlfühlt“, beschreibt sie ihre Motivation. „Ich denke, man gibt etwas zurück“, sagt Nicky Jenkins aus dem englischen Swindon. „Aber schade, dass man sich erst einer kostenlosen Tour anschließen muss, um hinter anderen Leuten aufzuräumen“, ergänzt ihre Beglei­terin Jo Tuna.

Zusammen mit Dave O’Kelly, dem Guide der Agentur Sandemans, geht es jetzt ans Aufräumen. Kippen, Kronkorken, Plastikbecher – was nicht in den Mauerpark gehört, landet im Sack. Es ist unglaublich zu sehen, wie viele sich an solchen Touren beteiligen“, sagt O’Kelly. Die Agentur hat mit einer „Cleanup-Tour“ in Berlin schon im vergangenen Jahr Erfahrungen gesammelt. Jetzt geht das Projekt in die nächste Phase – durch die Kooperation mit den Bezirksämtern Pankow und Mitte lässt sich die Aktion kostenlos für alle Teilnehmer anbieten. Die Finanzierung wird geregelt über das Förderprogramm „Saubere Stadt“.

Hierzulande experimentiert nicht nur Berlin mit solchen Reinigungseinsätzen. Auch der Nationalpark Harz rief im Juni ein ganz ähnliches Projekt ins Leben. Wanderer bekamen beim Start ihrer Ausflüge ins Grüne Mülltüten aus Maisstärke und Müllzangen gereicht mit der Bitte, man möge unterwegs den Unrat am Wegesrand einsammeln. Das ist nicht wenig, zumal Mülltonnen an den dortigen Wanderwegen aus Kostengründen abgebaut wurden. Trotz des vielversprechenden Starts, hätten sich aber kaum Wanderer bereit erklärt, ihren Marsch als Müllsammler zu bestreiten, berichtet der NDR.

Im Mauerpark arbeiten sich am Montag die Gruppen mit ihren verschiedensprachigen Guides durch den Unrat des Wochenendes. Dass hier nicht noch mehr Müll anfällt, liegt an den regulären Reinigungsteams der Stiftung Grün Berlin, die im Park für Sauberkeit sorgt. Auch Berliner haben sich unter die Reisenden gemischt, um einen Beitrag für die Ordnung zu leisten. Wie zum Beispiel Elisabeth aus Neukölln. „Grundsätzlich ist Berlin eine relativ saubere Stadt – aber es variiert von Bezirk zu Bezirk“, sagt die Politikstudentin. Dass sie die Touristen unterstützt, sei Ehrensache. „Wir sind sehr positiv überrascht“, freut sich Pankows Wirtschaftsstadträtin Rona Tietje (SPD). „Nach diesem Auftakt sehen wir, dass es sich lohnt, das Projekt zu verstetigen.“

Aus Sicht von Visit Berlin, der landeseigenen Tourismusgesellschaft, ist es nichts Neues, dass Berlin-Besucher an solchen sozialen Projekten teilnehmen. Geschäftsführer Burkhard Kieker nennt das Online-Portal „Give somethin back to Berlin“, unter der sich Gleichgesinnte regelmäßig zu Putzaktionen treffen. Es sei richtig über diese Idee nachzudenken, meint Kieker. „Aber es ist falsch, dass wir alles, was uns in Berlin nervt, unseren Gästen anlasten. Gastunfreundlichkeit ist das Letzte, was wir uns erlauben sollten“, versucht er das Bild des Problemtouristen zu berichtigen. „Berlin wird von unseren Gästen im Vergleich zu anderen Städten auch nicht als schmutzig wahrgenommen“, verweist Kieker auf Umfragen von Visit Berlin.

Zwei kommende „Cleanups“ sind für September geplant

Wer sich lieber nicht die Finger schmutzig machen möchte, der kann bei San­demans im Übrigen auch noch andere Themenführungen buchen. Im Angebot ist zum Beispiel die „Berlin Third Reich Private Tour“ eine „Communist Berlin and Berlin Wall Tour“ oder ein „Pub Crawl“ durch die verschiedenen Kneipen der Stadt. Die Sympathie der Berliner, das bemerken Diane, Nicky und der Rest der Truppe an den Reaktionen, lässt sich mit dem Leeren von Gläsern doch wohl nicht so leicht gewinnen, wie mit dem Aufsammeln leerer Flaschen.

Eine Fortsetzung des „East Berlin Cleanup“ ist fest eingeplant: Am 9. September und am 23. September besucht die Agentur aber nicht mehr den Grünzug am Jahn-Sportpark. Dann säubern Gruppen von Touristen im Ernst-Thälmann Park die Beete im Schatten der Büste des Kommunistenführers.