Bauprojekt

Bier und Bühnenkunst: Pankow belebt das Prater-Theater neu

Senat und Bezirk sanieren den Theaterstandort an der Kastanienallee. Die Volksbühne kehrt in den Prater zurück.

Bis Ende 2020 eine Baustelle: Im Prater-Theater soll nach der Sanierung wieder die Volksbühne aufspielen.

Bis Ende 2020 eine Baustelle: Im Prater-Theater soll nach der Sanierung wieder die Volksbühne aufspielen.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Zwei Fäuste, zwei volle Krüge – über die Ränder schäumt das Bier. Der Prater bleibt seinem Logo treu. In diesem Sommer prangt es auch auf dem Bauzaun, der Berlins ältesten Biergarten von einer neuen Baustelle trennt. Denn zum Prater gehört nicht nur der 1837 erstmals eröffnete Ausschank, sondern auch ein Theatergebäude, das seinen alten Glanz mit den Jahren völlig verloren hatte. Im März verschwand die Fassade hinter Baugerüsten und Zäunen. Inzwischen verhängt eine blickdichte Plane die denkmalgeschützten Mauern und weckt die Neugier von Biergartenbesuchern und Passanten. Tatsächlich stehen die Aussichten gut, dass es so kommt, wie in den Glanzzeiten dieser Berliner Institution: Zur Genusskultur unter freiem Himmel gesellt sich wieder die Bühnenkunst.

Volksbühne und kommunale Galerie unter einem Dach

Ab Ende 2020, so lautet das Ziel des von Pankows Immobilienstadtrat Torsten Kühne (CDU), soll das eingerüstete Gebäude an seine alte Nutzung anknüpfen. Seit Mitte der 90er-Jahre habe die Volksbühne das Theater in der Kastanienallee als zweite Spielstätte neben dem größeren Stammhaus am Rosa-Luxemburg-Platz genutzt. Nach dem Abschluss der Sanierung soll die Volksbühne diese Tradition unter der Leitung des Intendanten Rene Pollesch fortführen – an der Seite einer kommunalen Galerie.

Pankows bezirkseigene Kunstschau war lange Zeit gegenüber des Praters im Erdgeschoss eines Mietshauses untergebracht und dann kurzzeitig ins Foyer des Praters gezogen. Hier soll die Galerie laut Kühne nun auch eine endgültige Heimat finden. „Nach der Sanierung werden beide Nutzungen, die Theaterspielstätte und die Galerie Prater, im Gebäude beherbergt sein“, kündigt der Stadtrat an. Bis 2024 sei der Nutzungsvertrag mit der Volksbühne festgeschrieben. Was danach kommt, ist offen.

Dank 4,8 Millionen Euro aus dem Programm Städtebaulicher Denkmalschutz und weiteren 2,7 Millionen Euro aus Investitionsmitteln der Senatsverwaltung für Kultur soll der Prater also nach dem Ende der Bauarbeiten an seine Geschichte anknüpfen.

Im Jahre 1852 nahm der Aufstieg der Institution zur Freizeit- und Vergnügungsstätte, deren Bezeichnung vom gleichnamigen Rummelplatz in Wien herrührt, seinen Lauf. Der damalige Wirt, Johann Friedrich Kalbo, entschied sich dazu, das Lokal mit einem Nutzungsmix als Biergarten, Ausflugslokal, Varieté, Volkstheater und Versammlungsort breit aufzustellen. Fortan feierte man an der Kastanienallee Bälle und traf sich zu politischen Versammlungen, sah die neuesten Facetten der Bühnenkunst.

Genau wie in der „Neuen Welt“ an der Hasenheide in Neukölln gab es im Rahmen der Mai-Feierlichkeiten ein großes Stelldichein. Später gehörten auch Film- und Musikvorführungen zum Repertoire des Praters. Paul Lincke, der Komponist der Hymne „Berliner Luft“, dirigierte hier in den 30er-Jahren sein großes Orchester. Nach dem zweiten Weltkrieg traten dann unter der sowjetischen Besatzung Musikclowns auf. Von 1967 bis zum Mauerfall diente die Institution auf Beschluss der Stadtverordnetenversammlung Prenzlauer Berg als Kreiskulturhaus.

Biergartenbesucher nehmen von Baustelle kaum Notiz

Auch wenn die Bauarbeiten gelegentlich zu Einschränkungen führen, kann das Bier im Bausommer 2019 weiter fließen. Mit einer auffälligen, rot-weißen Plakatierung weist das 600 Plätze große Freiluftrestaurant Gästen den Weg. Und die haben mitunter eine weite Reise hinter sich.

An einem heißen Sommerabend erheben Joe und Rosa aus Kalifornien die Gläser. Sie sind in Prenzlauer Berg in einem Hotel abgestiegen und wollen im Prater erleben, wie es sich anfühlt, in einem deutschen Biergarten den Sonnenuntergang zu erleben. „Da müssen wir nicht nach Bayern fahren. Kaum zu glauben, dass es mitten in Berlin für so etwas Platz gibt“, staunt Joe und genehmigt sich einen Schluck. Und die Baustelle? An diesem Abend kaum zu bemerken. Eben das hatten die Biergartenbetreiber vom Bezirksamt auch gefordert.

„Das Gerüst um das Gebäude wurde mit einer Plane versehen, um eventuelle Staubbelastungen so gering wie möglich zu halten“, erklärt Stadtrat Kühne die Schutzvorkehrung. Aber nicht nur der Komfort, sondern auch Sicherheitsaspekte waren zu beachten. Für die Besucher des Prater-Gartens sei deshalb ein neuer öffentlicher Zugang geschaffen worden, während das eigentliche Portal während der Bauarbeiten geschlossen bleibt. Lediglich die Anlieferung und Entsorgung für den Biergarten führt auch jetzt noch durch die Hauptzufahrt, die ansonsten Baufahrzeugen vorbehalten bleibt. Um nächtliche Eindringlinge abzuschrecken, hat das Bezirksamt eigens einen Sicherheitsdienst engagiert.

Sanierung soll im zweiten Anlauf gelingen

Kühne ist optimistisch, dass die Bauarbeiten im Zeitrahmen bleiben. „Natürlich gibt es bei so großen Bauvorhaben Faktoren, die Verzögerungen mit sich bringen können. Das fängt beim Wetter an und steckt oft im Detail der Ausführung, insbesondere bei der Sanierung von historischen Bauten“, gibt Kühne zu bedenken. Aber die Einhaltung des Bauzeitenplans sei für alle Firmen und Planer verpflichtend.

Im Übrigen war die Sanierung des Prater-Theaters 2007 schon einmal gestartet. Sie musste aber wegen Streitigkeiten um die Eigentumsverhältnisse auf dem Gelände wieder eingestellt werden. Erst 2015 fiel die Entscheidung, das gesamte Grundstück dem Bezirksamt Pankow zu unterstellen. Weitere Jahre gingen ins Land, bis die Fördergelder beschafft waren. Wenn diesmal alles nach Plan läuft, gelangt der Prater im zweiten Anlauf zurück zu seiner alten Bestimmung als Zentrum der Bühnen- und Bierkultur in Prenzlauer Berg.

Info Der 1837 gegründete Prater gilt als größter und ältester Biergarten Berlins. Er bietet Platz für 600 Gäste. Prenzlauer Berg war im 19. Jahrhundert eine Hochburg des Brauereiwesens – rund 25 Betriebe waren hier in Spitzenzeiten heimisch. Viele von ihnen hatten einen Ausschank. Heute versuchen Investoren, die Biergarten-Tradition im Rahmen von Bauprojekten im südlichen Pankow neu zu beleben. So soll die Bötzow-Brauerei, die nach dem Masterplan des Architekten David Chipperfield zum Gewerbequartier umgebaut wird, einen Biergarten nach historischem Vorbild erhalten. Er wird allerdings kleiner ausfallen als das Original im 19. Jahrhundert mit 6000 Plätzen. Auch in der Willner-Weißbierbrauerei an der Berliner Straße soll der historische Ausschank beim Umbau zum modernen Bürostandort erhalten bleiben. Emils Biergarten, benannt nach dem Brauereigründer Emil Willner, wird dann auf einer kleineren Fläche neu eröffnen.