Traditionsgaststätte

„Kiezkantine“ auf der Kippe: Sozialrestaurant hat Geldsorgen

Seit 25 Jahren serviert das Lokal in der Oderberger Straße deutsche Küche. Auf der Touristenmeile ist sie eine Ausnahmeerscheinung.

Seit 1994 ein Original: Kristina Schneider gehörte von Anfang an zum Kernteam der "Kiezkantine."

Seit 1994 ein Original: Kristina Schneider gehörte von Anfang an zum Kernteam der "Kiezkantine."

Foto: Thomas Schubert

Pankow. Fläschchen mit Bio-Öl in einem Regal, im anderen selbst gebastelte Fernsehtürme im Souvenir-Format. Ein klein wenig touristisch darf es in der „Kiezkantine“ schon zugehen. Und trotzdem ist das Restaurant in der Oderberger Straße wohl das Lokal, was sich am wenigsten auf die Vorlieben von Berlin-Besuchern spezialisiert hat. Satt werden sollen eben auch jene, die hier in der Minderheit sind: die Einheimischen. Alleinerziehende Mütter. Männer aus dem Homeoffice. Kleinverdiener aus dem Hinterhaus. An den dunklen Holztischen hinter der gestreiften Markise ist das Dinner klassenlos. Hier tafeln alle gesellschaftlichen Schichten. Man stärkt sich am Klopsen oder Buletten, übt die Kunst des gepflegten Tratschs.

25 Jahre ist Kristina Schneider Teil eines Projektes, das wieder und wieder um seine Fortsetzung kämpfen musste. Sie baute das Ladenlokal im damals baufälligen Gründerzeit-Haus selbst mit auf – ein Vierteljahrhundert danach hat sie die Leitung inne. Die Kiezkantine bewahrt bis heute den Geist der 90er-Jahre, als Prenzlauer Berg noch rau war und die Oderberger Straße ein Fall für Kenner der Ost-Berliner Kieze. Am neu eröffneten Mauerpark lebten noch Alte, Arbeiter und Studenten. Diese Teile der Bevölkerung verschwanden dann der Reihe nach. Die Oderberger Straße verwandelte sich in eine dieser Tourismus-Meilen der Stadt, in der Reisende auf alle nur erdenklichen Weisen ihren Hunger stillen können. „Im Umkreis von 500 Metern kann man sich heute um die ganze Welt essen“, beschreibt Schneider die Verwandlung. Aber in der Kiezkantine bekommt man das, was man immer bekam: deutsche Küche. Doch auch nach 25 Jahren muss das Lokal, in dem sich heute Menschen mit psychischen Problemen unter der Regie des Trägers Pinel in die berufliche Normalität vortasten, um die Finanzierung zittern. Die Konkurrenz ist stark und der Erfolg ungewiss.

Letzte Gastwirtschaft aus den 90er Jahren

Als die Kiezkantine 1994 eröffnete, damals noch unter dem Modell der Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, war sie die dritte Gaststätte in der Gründerzeit-Straße. Schräg gegenüber lag die Kneipe „Oder-Kahn“ – und dann gab es noch das „Entweder Oder“. Jede Neueröffnung war ein Abenteuer im kulinarischen Brachland.

„Wir haben alle überlebt“, sagt Schneider. In ihrer Stimme liegt Wehmut. Zwischen veganen Burger-Buden, drei Indern und dem neu eröffneten Sushi-Restaurant „Roji“ weckt die Kiezkantine fast nostalgische Gefühle. Auch wenn man hier wiederum nicht annähernd herankommt an zwei andere Örtlichkeiten der Nachbarschaft mit ganz großer Historie: Die von Kaiser Wilhelm eröffnete Feuerwache Prenzlauer Berg und das Stadtbad Oderberger Straße, erbaut im Jahre 1902 – und inzwischen umfunktioniert zum designaffinen Hotel.

Arbeit als therapeutisches Mittel erleben

Mag es nebenan fernöstliches Tapas geben – auf der Karte der Kiezkantine hat man die Wahl zwischen Rote-Bete-Kartoffeleintopf mit gegrilltem Speck, Schnitzel mit Kroketten oder Käsespätzle mit Röstzwiebeln. Die Küche, die Bedienung, das Büro – es gibt keinen Bereich, der Depressiven, Borderlinern oder Paranoikern verschlossen bleibt. Bis zu 30 psychisch Kranke bekommen die Chance, Arbeit als therapeutisches Mittel zu erleben. Für jeden die richtige Beschäftigung im richtigen Zeitmaß zu finden – das sieht Kristina Schneider als ihre Aufgabe an. „Wir suchen für alle eine Aufgabe entsprechend ihren Möglichkeiten“, sagt die Projektleiterin. „Manche können zwei Stunden am Stück arbeiten. Manche schaffen einen ganzen Tag.“ Praktisch alle Klienten hätten Klinikaufenthalte hinter sich, viele leben im betreuten Wohnen. Es gibt Kellner, Küchenhilfen und Bürokräfte, bei denen sich nur langsam eine Besserung einstellt.

Und es gibt Fälle wie den von Johannes Thoms. Der frühere Klient der Kiezkantine hat sich von den Tiefschlägen seines Lebens so weit erholt, dass er ganz ins reguläre Berufsleben zurückkehren konnte. Was ihn einst aus der Bahn geworfen hatte, war die Arbeit in einem Kinderhospiz. Die Allgegenwärtigkeit von Krankheit und Tod setzte ihm so sehr zu, dass er psychiatrische Hilfe brauchte. Über die Arbeit in der Kiezkantine fand er wieder Halt – und verließ das Lokal, um eine neue Berufsausbildung anzustreben. „Es ist eine Schnittstelle zwischen der eigenen und der Außenwelt“, sagt Thoms zum Gastronomieprojekt, das nun ohne seine Dienste auskommen muss.

Für Kristina Schneider ein Grund zur Freude. Sie vertritt die Ansicht, dass Arbeit, die Wertschätzung und Selbstwirksamkeit vermittelt, ähnliche Effekte erzielen kann, wie eine Therapie mit Medikamenten. Nur wird die Arbeit in der Kiezkantine nicht von Krankenkassen bezahlt. Und so kann das soziale Restaurant seine finanzielle Unsicherheit wohl auch weiterhin nicht ablegen.

Hoffnung auf Finanzierung durch Bezirksamt

Wie eine dauerhafte Lösung aussehen könnte? Bei einer Diskussion mit Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) ging es kürzlich um eben diese Frage. Die aussichtsreichste Möglichkeit: Das wäre der Fall, wenn die Kiezkantine in die so genannte Regelfinanzierung des Bezirksamts übergeht und damit eine feste Zuwendungen erhält.

Bis diese Art von Sicherheit einkehrt, dafür braucht es aber noch einige Verhandlungsrunden zwischen Bezirk und Senat. Vielleicht kann ein Sponsoring oder eine Stiftung die Zwischenzeit überbrücken. Schneider weiß es nicht. So oder so – die Kiezkantine will weitermachen, so lange es noch jemanden gibt, der auf Hunger auf Klopse, Buletten und Spätzle hat.

Kiezkantine, Oderberger Str. 50, 10435 Berlin, Mo-Fr 12 bis 15.30 Uhr