Verkehrsbehinderung

Angst vor Geisterfahrern: Gleimtunnel bleibt bis 2020 zu

Autofahrer stehen am Gleimtunnel weitere Monate vor Barrikaden. Behörden und Berliner Wasserbetriebe beschuldigen sich gegenseitig.

Ein Jahr lang nur für Fußgänger und Radfahrer passierbar: Der Gleimtunnel zwischen Prenzlauer Berg und Wedding ist einer der wichtigsten Verbindungspunkte zwischen den Bezirken.

Ein Jahr lang nur für Fußgänger und Radfahrer passierbar: Der Gleimtunnel zwischen Prenzlauer Berg und Wedding ist einer der wichtigsten Verbindungspunkte zwischen den Bezirken.

Foto: Thomas Schubert

Einst war der Gleimtunnel einer der bekanntesten Punkte der innerdeutschen Grenze und trennte das sozialistische Ost-Berlin vom Westteil der Stadt. In diesem Jahr war die Verbindung zwischen Prenzlauer Berg und Gesundbrunnen für Autofahrer voll gesperrt – und obwohl Ende Juni eine Öffnung geplant war, blieben die rot-weißen Baken einfach stehen. Eine offizielle Mitteilung über die Verzögerung? Gab es nicht. Nur auf Nachfrage erfährt man: Erst im Januar 2020 ist mit einer Öffnung zu rechnen. Das haben Bezirksamt Pankow, die Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr und die Berliner Wasserbetriebe bestätigt.

Ein Sachverhalt – drei Erklärungen

Aber alle drei Beteiligten liefern für diese Tatsache unterschiedliche Erklärungen. Im Bezirksamt Pankow bejaht die Sprecherin von Verkehrsstadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) zunächst nur die Verzögerung der Tunnelöffnung, aber erklärt ihr Haus für nicht zuständig und verweist freundlich auf eine Entscheidung der Verkehrslenkung Berlin, die der Senatsverwaltung für Umwelt und Verkehr unterstellt ist.

Senatsverkehrsverwaltung verweist auf Wasserbetriebe

Dort wird nach tagelangen hausinternen Erkundigungen ein Verantwortlicher benannt: Die Berliner Wasserbetriebe mit ihrer Großbaustelle am Mauerpark. Im Rahmen des 20 Millionen Euro teuren Projekts zum Bau eines Stauraumkanals ist auch ein Teil der Gleimstraße und Schwedter Straße vor dem Gleimtunnel betroffen. „Mit fortschreitender Bautätigkeit ergab sich seitens der Wasserbetriebe allerdings unvorhersehbar die Notwendigkeit der Instandsetzung der Entwässerungsanlagen auf der südwestlichen Seite der Schwedter Straße sowie der Neubau des Zielschachtes und des Pumpenschachtes“, berichtet Derk Ehlert von der Senatsverkehrsverwaltung. Deshalb sei die Vollsperrung des Gleimtunnel bis circa Januar 2020 erforderlich.

Eine Teilsperrung des Tunnels hätte genügt

Eine Darstellung, die Stephan Natz, der Sprecher der Berliner Wasserbetriebe entschieden zurückweist. „Die Vollsperrung hat nichts mit uns zu tun und ist Sache des Bezirksamts“, spielt er den Ball zurück an den Anfang. Aus Sicht des Bauherren genüge es, eine der beiden Fahrbahnen im Tunnel zu sperren anstatt die Bezirksgrenze vollständig zu blockieren. Trotzdem gilt das Durchfahrverbot für beide Teile der Straße. Damit wiederholt sich aus Sicht von Außenstehenden ein Verwirrspiel, das schon im Januar zu Beginn der unerwarteten Vollsperrung zu beobachten war. Niemand will für die Verkehrsbehinderung die Verantwortung übernehmen. Alle sehen jeweils eine andere Instanz als Verursacher. Und der Gleimtunnel ist nur noch für Radfahrer und Fußgänger auf den Bürgersteigen passierbar.

Anwohnerbeschwerden über Geisterfahrer

Stephan Natz hält an einer besonderen Erklärung fest, die schon im Januar für Diskussionen sorgte: Demnach haben Anwohner der Gleimstraße in Prenzlauer Berg die Sperrung erwirkt, um gefährliche Situationen im Gleimtunnel zu unterbinden – und ihren Wohnkomfort zu erhöhen. Bis zum Januar war zumindest die Durchfahrt von Prenzlauer Berg nach Wedding dank einer Einbahnstraße möglich. „An die halbseitige Sperrung des Tunnels haben sich einige Verkehrsrowdys aber nicht gehalten. Sie sind falsch herum durch die Einbahnstraße gefahren“, berichtet Natz von Geisterfahrern. Daraufhin habe es im großen Stil Anwohnerbeschwerden beim Bezirksamt Pankow gegeben.

Mit dem Ergebnis, dass der Bezirk Anfang Januar eine Vollsperrung angestoßen haben soll. Auf diese Weise sollte die Gefahr von Geisterfahrern gebannt werden – auch wenn dadurch die Einbahnstraßen-Lösung wegfällt. Ein Zustand, der bei Anwohnern der Gleimstraße großen Zuspruch erfuhr, wie die Wasserbetriebe bemerkten. Nun da der Tunnel gesperrt war, blieb ihnen der ungeliebte Durchgangsverkehr vor ihren Fenstern erspart. „So ist es und so bleibt es bis zum Jahresende“, sagt Natz, der den Vorgang hinnimmt, aber nicht bewerten will.

Grünen-Stadtrat verweist auf Polizei und Senat

Und wie sieht das Bezirksamt diesen Erklärungsansatz? Stadtrat Vollrad Kuhn bleibt dabei. „Die Verkehrslenkung Berlin hatte das auf Bitte der Polizei angeordnet.“ Seine Abteilungen hätten zwar Kontakt mit der Polizei gehabt, sei aber nicht für die Entscheidung verantwortlich. Wer auch immer hier am Ende der Entscheidungskette stand: Es ist nicht der einzige Fall, in dem die Baustelle der Wasserbetriebe im Mauerpark zu unpopulärem Verwaltungshandeln führt. Im März dieses Jahres stellte sich durch Recherchen der Berliner Morgenpost heraus, dass der Bezirk wegen der Errichtung von 19 Belüftungsöffnungen entlang des 654 Meter langen Stauraumkanals die Sicherheit des Mauerpark-Karaoke beeinträchtigt sieht. Deshalb sollte der Veranstalter des Spektakels Gareth Lennon, genannt Joe Hatchiban, bis zu Sommer zunächst keine Genehmigung erhalten – obwohl die Wasserbetriebe keinen Grund für diese Einschränkung sahen. Denn das Amphitheater des Parks sei nicht direkt betroffen.

Das Bezirksamt Pankow verwies aber darauf, dass Mitarbeiter bei einem Unfall von Karaokebesuchern im Zusammenhang mit der Baustelle persönlich haften müssten. Als der Fall auf ein breites Medienecho stieß, fand sich nach einem Ortstermin der Wasserbetriebe und Behördenmitarbeiter plötzlich doch noch eine Lösung. Und das Karaoke konnte planmäßig zu Ostern starten.