Bürgermeister von Pankow

Wie sich Pankow für 460.000 Einwohner wappnet

Pankows Bezirksbürgermeister Sören Benn spricht auf seiner Sommertour über Wohnungsbau, Schulplatzmangel und Personalnot im Standesamt.

Zwischen Polnischer Wissenschaftsakademie und Elisabeth-Aue: Sören Benn tourt im Juli durch einen Bezirk voller Gegensätze.

Zwischen Polnischer Wissenschaftsakademie und Elisabeth-Aue: Sören Benn tourt im Juli durch einen Bezirk voller Gegensätze.

Foto: Thomas Schubert

Es sind Tage, in denen es um Widersprüche geht, um winzige Häuschen und extremes Wachstum. Mit seinem Fahrrad begibt sich Bezirksbürgermeister Sören Benn (Linke) derzeit auf seiner Sommertour durch die Weiten von Pankow, das einer aktuellen Prognose zufolge in elf Jahren die 460.000-Einwohner-Marke durchbrechen soll. Der Rathaus-Chef nimmt sich bewusst Zeit für die kleinen Projekte in den Kiezen, besucht in Weißensee ein kreatives Wohnprojekt mit nur zehn Quadratmeter kleinen „Tiny Houses“, knüpft Kontakt zur Polnische Akademie der Wissenschaften und spricht mit Helfern einer Flüchtlingsunterkunft auf der Elisabeth-Aue, die im Herbst schließen wird.

„Pankow braucht eine Verwaltung, die dieses Wachstum managen kann“

Aber wie soll seine Verwaltung im kommenden Jahrzehnt mit 53.000 neuen Pankowern umgehen? „Allein können wir das auf jeden Fall nicht. Wenn Berlin an der Stelle Pankow wachsen soll, braucht es eine Verwaltung, die dieses Wachstum managen kann“, hofft Benn auf Hilfe vom Senat. Wenn die Prognosen wirklich eintreten sollten, dann benötige man entsprechend mehr Personal, mehr Verkehrswege, mehr Grünflächen, mehr Spielplätze.

„Wenn man Wohnungen bauen will, muss man Stadt bauen. Und Stadt heißt nicht nur Wohnungen“, sagt Benn. Was Pankow im Berliner Verwaltungsgefüge leisten könne, sei den Bedarf an Ressourcen auszuloten und mitzuteilen.

„Bürgerstadt“ Buch wird von Benn abgelehnt

Ressourcen, die deutlich knapper werden angesichts von 6000 geplanten Wohnungen im Blankenburger Süden, 4200 in Buch, 3000 in Karow-Süd und 2000 am Pankower Tor. Fast alle der großen neuen Stadtquartiere der Zukunft befinden sich in Pankow. Mehr als 30.000 zusätzliche Einheiten wären möglich in einer neuen „Bürgerstadt“ am Rande von Buch. Aber die lehnt Benn ab – wie die meisten Bezirkspolitiker. Angesichts der Verkehrsinfrastruktur im Pankower Norden sei diese Vision „absurd“.

An der Grenze des Möglichen arbeiten nicht nur Straßen und Schienentrassen, sondern auch das Standesamt. In Pankow braucht es monatelange Wartezeiten, um eine Trauung anzumelden. Es soll vorkommen, dass sich Ehepaare lieber die Unterlagen aushändigen lassen und im Urlaub heiraten. „Es war früher noch schlimmer. Am Anfang meiner Amtszeit habe ich täglich empörte E-Mails bekommen“, sagt Benn. Der Personalaufbau in diesem Bereich sei mühsam, weil es in Deutschland kaum Stellen gebe, die Standesbeamte ausbilden.

Heiraten in Pankow bleibt ein Geduldsspiel

Dann tritt die Misere ein, die überall in Berlin Personalprobleme bewirkt: Alle Verwaltungen suchen gleichzeitig das entsprechende Personal und die Bezirke konkurrieren um die wenigen Kandidaten auf dem Markt. So beobachtet Benn eine paradoxe Situation: Obwohl Bezirke formell mehr einstellen dürfen als früher, sind teilweise weniger Stellen besetzt – weil fähiges Personal abgeworben wird.

Was Trauungen in Pankow und anderen Teilen Berlins erschwert, sind aber auch die aufwendigeren Konstellationen. Benn weist darauf hin, dass es längst nicht nur deutsch-deutsche Paare gibt, sondern Bräute und Bräutigame mit verschiedenen Nationalitäten. Solche Diversität muss extra verwaltet werden.

Bezirk Pankow muss 24 neue Schulen planen

Ein Sonderfall im kinderreichen Pankow: Nicht alle Oberschüler finden in ihrem Heimatbezirk einen Schulplatz. 64 Kinder pendeln ab dem kommenden Schuljahr über 16 Kilometer weit nach Grunewald, wo mehr Gymnasialplätze vorhanden sind als Kinder. Einen Anspruch für wohnortnahe Beschulung gibt es ab der Sekundarstufe nicht mehr. Dann müssen Familien in einem Radius von einer Stunde Fahrzeit jeden Lernort hinnehmen, egal in welchem Bezirk.

Das sei eine politische Entscheidung, betont Benn. Eine Festlegung, die man seiner Ansicht nach ändern sollte. Er fordert, auch für die Oberstufe Einzugsbereiche einzuführen und sagt: „Wir sollten zusehen, dass junge Menschen nicht durch die ganze Stadt gekarrt werden müssen.“ Aber 90 Prozent der Pankower Kinder, betont der Bürgermeister, gehen auch jetzt schon hier zur Schule. Die Aufgaben für das Pankower Schulamt werden jedenfalls wachsen. Immerhin sind 24 neue Lernorte und etliche Erweiterungsbauten in Planung.

Einheitliche Aufgaben für alle Stadträte in Berlin

Ob die Berliner Bezirke künftig einen sechsten Stadtrat brauchen? Ja, meint Sören Benn. Aber nur unter der Bedingung, dass die Geschäftsbereiche der Stadträte in allen zwölf Bezirken vereinheitlicht werden. Solange die Ressorts nach politischer Gemengelage zwischen Spandau und Marzahn verschieden zugeschnitten werden, meint Pankows Rathauschef, bekomme man mit einem sechsten Stadtrat mehr Durcheinander, aber keine schlagkräftige Verwaltung für die Bürger.