Verkehr in Berlin

Aktionen für die Verkehrswende - selbst die Tram steht still

Drei Demonstrationen auf der Schönhauser und Berliner Allee und der Müllerstraße führen am Tag der Verkehrssicherheit zu Sperrungen.

Autos unerwünscht: Auf der Schönhauser Allee gehören die Fahrbahnen drei Stunden lang Passanten und Radfahrern. Auch die Straßenbahn muss warten.

Autos unerwünscht: Auf der Schönhauser Allee gehören die Fahrbahnen drei Stunden lang Passanten und Radfahrern. Auch die Straßenbahn muss warten.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Zu Fuß gehen, wo sich Kolonnen von Autos ins Stadtzentrum drängen, die Straße blockieren als Zeichen gegen Luftverschmutzung und tägliche Staus – am Sonnabend, 15. Juni, dem Tag der Verkehrssicherheit, stehen zwei Demonstrationen in Pankow und eine dritte in Wedding im Zeichen einer Verkehrswende, die zu langsam kommt. So empfinden es zumindest Initiativen auf der Schönhauser Allee in Prenzlauer Berg und auf der Berliner Allee in Weißensee und auf der Müllerstraße im Bezirk Mitte.

Gedenken an 32 getötete Radfahrer und Fußgänger

Im ersten Fall besetzen Aktivisten der Initiativen „Stadt für Menschen“ und „Changing Cities“ und „Fahrradfreundliches Pankow“ von 15 bis 18 Uhr die Fahrbahnen vor den Schönhauser Allee Arcaden und rollen Radfahrern eine provisorische Fahrspur aus. „Der Mensch gehört zurück ins Zentrum der Stadt- und Verkehrsplanung – und wir zeigen drei Stunden lang, wie es gehen kann“, erklärt Tobias Kraudzun vom Netzwerk Fahrradfreundliches Pankow den Kerngedanken.

Unter dem Titel „So kann es gehen – Schön!hauser Allee“ soll die Zukunft einer autofreien Stadt drei Stunden lang erfahrbar sein. Neben spielerischen Einlagen wie einem Rennen für Bobby-Cars hat die Veranstaltung auch ernste Züge – so wird gleich zu Beginn der 32 getöteten Radfahrer und Fußgänger im vergangenen Jahr gedacht. In drei Gesprächsrunden debattieren Aktivisten und Politiker über die lange versprochene und immer wieder aufgeschobene Umgestaltung der Schönhauser Allee. Als Kompromiss zeichnet sich inzwischen die Einrichtung eines geschützten Radstreifens mit Pollern ab. Eine größere Umgestaltung der Magistrale dürfte wegen dem Abriss und Neubau der Überbrückung über den Graben der Ringbahn bis 2030 auf sich warten lassen.

Weißenseer fordern die Verkehrswende Nordost

Während hier die Straßenbahnen im Demonstrationsgebiet vor den Schönhauser Allee Arcaden wenigstens im Schritttempo fahren dürfen, stehen sie bei einer zweiten Aktion in Weißensee von 13 bis 17 Uhr komplett still. Auf der Berliner Allee im Bereich der Ecke Pistoriusstraße soll allein die Fortbewegung mit Muskelkraft im Mittelpunkt stehen. Ein Bündnis aus Anwohnern und Verkehrspolitikern fordert hier die „Verkehrswende Nordost“ und stellt dafür fünf Bausteine vor:

- Die Berliner Allee abstufen und so schnell wie möglich stadtverträglich umbauen

- Fahrradspuren im Zentrum Weißensee einrichten

- Planungen für den Bau der B2 nach Karow und Hohenschönhausen beenden

- Die Ortsumfahrung Malchow vom Bundesverkehrswegeplan abmelden und Planungen einstellen

- Die Berufungsklage gegen das Tempo 30 Urteil auf der Berliner Allee stoppen.

Dass auf der B2 zwischen der Indira-Gandhi- und der Rennbahnstraße überhaupt ein solches Tempolimit gilt, hatte der Anwohner Norbert Mahler im Jahre 2016 eingeklagt. Er setzte sich vor dem Berliner Verwaltungsgericht mit seiner Auffassung durch, dass eine Geschwindigkeitsbegrenzung zur Verringerung von Lärm, Feinstaub und Stickstoffdioxid geboten ist.

Berliner Allee zu laut und zu schmutzig

Für Jens Herrmann, den Sprecher der Initiative Aktion Berliner Allee, nur ein erster Schritt. Lange genug sei man von der Politik hingehalten und vertröstet worden, zeigt er sich enttäuscht. Dass täglich rund 30.000 Autos und Lastwagen das Zentrum von Weißensee durchqueren, gehe zu Lasten der Luft- und Lebensqualität. Bereits jetzt liege die Lärmbelastung an der Einfallsstraße bei über 75 Dezibel im Tagesdurchschnitt. Die Feinstaubbelastung mit punktuell 47,7 Mikrogramm pro Kubikmeter überschreite die Normwerten ebenso. „Wir wollen endlich mal wieder durchatmen“, nennt Herrmann einen einfachen Wunsch.

Dass selbst Straßenbahnen der Linie 12, M4 und M13 das Aktionsgebiet der Demonstration in Weißensee nicht befahren dürfen, sorgt allerdings für Verwunderung – schließlich gilt der Ausbau der Bahnstrecken als wichtiger Bestandteil der Verkehrswende. Die Initiative begründet das ganz pragmatisch. Es gehe allein um die Sicherheit von Demonstranten und ihren Kindern bei der Aktion an diesem Tag.

Abgetrennter Radweg für die Müllerstraße

Eine dritte Veranstaltung der Initiative „Changing Cities“ am Sonnabend ist auf der Müllerstraße im Bezirk Mitte von 11 bis 15 Uhr in Höhe des Cafés Semit Evi angesetzt. Genau wie auf der Schönhauser Allee geht es den Demonstranten darum, im gesperrten Gebiet eine geschützte Radspur einzufordern. Trotz „üppigem Platz“ sei hier bislang kein Zentimeter für den Radverkehr eingeplant, heißt es in der Einladung. „Ein unhaltbarer Zustand an einer dreispurigen Hauptverkehrsstraße pro Richtung mit täglich insgesamt über 40.000 PKW und LKW. Zwischen sich öffnenden Autotüren und LKW mit 50 km/h leben Radfahrende gefährlich“, schreibt „Changing Cities“ im Aufruf. An einem ausreichend breiten Radstreifen mit baulicher Trennung führe kein Weg vorbei. Diese Trennung müsse aber nicht unbedingt durch Pfosten hergestellt werden, betont Mitveranstalter Matthias Bartsch. Sie könne optisch reizvoll ausfallen – etwa in Form eines Blumenbeets.