Abbruch und Neubau

Senat plant Abriss der Brücke am S-Bahnhof Schönhauser Allee

Die Brücke über den S-Bahngraben wird abgerissen. Das bringt das Einkaufszentrum in Bedrängnis. Und es droht ein Verkehrschaos.

Die marode Brücke an der Schönhauser Allee überspannt den Graben der Ringbahn in Prenzlauer Berg.

Die marode Brücke an der Schönhauser Allee überspannt den Graben der Ringbahn in Prenzlauer Berg.

Foto: Thomas Schubert

Berlin. Nach einer Messung der Statik an der Brücke über den S-Bahnhof Schönhauser Allee sieht die Senatsverwaltung für Verkehr keine Möglichkeit mehr, das Bauwerk zu erhalten. Die Konstruktion über den Graben der Ringbahn am S-Bahnhof Schönhauser Allee muss abgerissen und völlig neu gebaut werden – dies hat der Sprecher Jan Thomsen nun bestätigt. Dabei geht es nicht um Beschädigungen, sondern um massive Alterserscheinungen. „Ein Neubau der Brücke ist aufgrund des Bauwerkszustands erforderlich – sie hat schlicht ihre Lebensdauer erreicht“, teilt Thomsen als Begründung mit. Manche Teile der Brücke stammen noch aus dem Jahre 1888, als die Straße und der Bahngraben erbaut wurden.

Baubeginn frühestens im Jahr 2024

Erst wenige Details sind spruchreif, aber das Ausmaß der Bauarbeiten lässt eine gravierende Belastung für den gesamten Nordosten Berlins erahnen. Denn die Schönhauser Allee ist eine der wichtigsten und meist befahrenen Verkehrstraßen ins Berliner Stadtzentrum – und langwierige Sperrungen sind wohl unvermeidbar. Laut Senatsverwaltung für Verkehr befindet sich das Projekt „Ersatzneubau Schönhauser-Allee-Brücke“ derzeit noch in der Phase der Grundlagenermittlung. Schon für die Planung ist eine EU-weite Ausschreibung nötig. Ziel ist es, bis zum 1. Quartal 2020 einen Entwickler zu verpflichten. Erst danach lassen sich Details zur Planung und Terminkette festlegen. Auch ein Verkehrskonzept für die Umfahrung der Baustelle können Planer erst in dieser Phase vorlegen.

Pankow muss sich sechs Jahre lang mit Sperrungen arrangieren

Aus Sicht des Pankower Stadtrats Vollrad Kuhn (Grüne) dürften die Auswirkungen in einem großen Radius spürbar sein. „Die Verkehrssituation wird sich dadurch weiter erheblich verschlechtern. Einen Vorgeschmack hatte die Sperrung vor ein paar Monaten am Wochenende gegeben. Es müssen weiträumige Umfahrungen angeordnet werden“, befürchtet Kuhn. Immerhin bleibt Zeit, um die Auswirkungen der Großbaustelle zu bedenken. Wegen des großen Vorlaufs ist mit einem Baubeginn nach jetzigem Stand nicht vor 2024 zu rechnen. Und erst 2030 sollen die Arbeiten beendet sein.

Auswirkungen auf U-Bahnhof und Einkaufszentrum unklar

Inwiefern sich das Großprojekt auch auf den Betrieb der U-Bahnlinie U2 und des Hochbahnhofs an der Schönhauser Allee auswirken wird, ist noch unklar. Fest steht, dass der Bahnhof von der Baumaßnahme nicht direkt betroffen ist, weil er die Brücke ohne Stützen überspannt. Auch das Einkaufszentrum Schönhauser Allee Arcaden, das sich an dieser Stelle befindet, wird nicht von den Arbeiten an der Brücke berührt. Wie groß die Einschränkungen für Geschäfte und Kunden sein werden, ist aber noch offen.

Einen größeren Aufwand könnte der Denkmalschutz der 1911-13 nach Plänen von Alfred Grenander erbauten Station mit sich bringen. Abstimmungen mit Denkmalschützern braucht es auch bei fünf Relieftafeln des Künstlers Günter Schütz, die sich auf der Westseite der Brücke an einer Begrenzungsmauer befinden. Wie die neue Brücke an der Schönhauser Allee aussehen wird, dazu mach die Senatsverkehrsverwaltung noch keine Angaben. Auch dies ergibt sich erst aus einem späteren Stand der Planung. Für das Bauvorhaben ist eine Investition in Höhe von 21 Millionen Euro angemeldet.

Umbau der Elsenbrücke als Vorbild

Es ist nicht das einzige Infrastrukturprojekt dieser Art. Zu den aktuellsten Beispielen gehört die Maßnahmen an der Oberbaumbrücke in Friedrichshain-Kreuzberg, die nur 25 Jahre nach der letzten Instandsetzung nun wieder ein Sanierungsfall wurde – und vor allem der Neubau der Elsenbrücke, die Friedrichshain und Treptow verbindet und zu den wichtigsten Querungen über die Spree gehört. Bei einer Routineprüfung im Sommer 2018 waren Technikern Risse aufgefallen. Genauere Untersuchungen ergaben, dass ein kompletter Neubau nötig ist.

Um den Verkehr nicht ganz zum Erliegen zu bringen, werden die beiden Hälften der Brücke nacheinander ersetzt. Ab 2020 soll die schon gesperrte Osthälfte abgebrochen und 2021 durch eine Behelfsbrücke ausgetauscht werden. Wenn der Schritt abgeschlossen ist, kann der Verkehr über diese Provisorium fließen. Derweil wird die Westhälfte der alten Brücke ebenfalls abgerissen und neu erbaut. Und zuletzt wird die Behelfsbrücke auf der Ostseite durch die endgültige Konstruktion ersetzt.

Investitionsstau wirkt sich verspätet aus

Vielleicht ist das auch ein Modell für die Brücke an der Schönhauser Allee, meint der Abgeordnete Andreas Otto (Grüne). Dass sich Pankow mit einer neuen Großbaustelle arrangieren muss, hält er für eine Folge von früheren Versäumnissen. „Über Jahre wurde zu wenig in die Instandsetzung der Infrastruktur investiert. Das muss man jetzt nachholen“, meint Otto. Er sieht die Maßnahme auch als Chance für den geplanten Umbau der Schönhauser Allee im Sinne von Radfahrern und Fußgängern. Bei einem Neubau der Magistrale könne man viel umfassender als bislang gedacht über eine Neuaufteilung des Straßenraums nachdenken. Zugleich wird eine große bauliche Lösung in den Jahren vor dem Brücken- und Straßenabriss unwahrscheinlicher, weil man die frisch veränderte Allee direkt wieder abreißen müsste. Derzeit untersucht das Bezirksamt mit der Senatsverkehrsverwaltung die Einrichtung einer „Protected Bike Lane“, bei der ein breiter Radweg auf dem Parkstreifen der Straße eingerichtet und mit Pollern gesichert wird.

Verkehrsinitiativen lassen Schönhauser Allee drei Stunden sperren

Wie sich eine Sperrung der Schönhauser Allee auf den motorisierten Verkehr auswirkt, lässt sich am 15 Juni beobachten. Dann will ein Bündnis aus Verkehrsinitiativen die Straße vor dem Einkaufszentrum von 15 bis 18 Uhr sperren lassen und demonstrieren, welche Lebensqualität bei der Verbannung von Autos möglich wäre. Dank der Brückensanierung dürften es im nächsten Jahrzehnt aber alle Verkehrsteilnehmer schwerer haben als es heute der Fall ist.