„Straßenfeger“ in Berlin

Obdachlose in der Oderberger – Das Haus der Unverdrängbaren

Das Wohnprojekt in Prenzlauer Berg feiert sein 20-jähriges Bestehen. Frühere Bauhelfer leben zur Minimalmiete in bester Lage.

Dem Mietmarkt enthoben: Die Hauseigentümerin lässt im Gebäude den Straßenfeger und den Bezirksamt über die 20 Wohnungen verfügen.

Dem Mietmarkt enthoben: Die Hauseigentümerin lässt im Gebäude den Straßenfeger und den Bezirksamt über die 20 Wohnungen verfügen.

Foto: Thomas Schubert

Berlin Wimpel flattern vor der ockerfarbenen Fassade, am Eingang blüht es in einem sorgsam gepflegten Garten. Und ab kommendem Dienstag erzählt eine Gedenktafel neben der Pforte von der Geschichte eines Hauses, in dem der Druck des Mietmarkts seit 20 Jahren nicht wirkt.

5,85 Euro nettokalt zahlen die Bewohner im Durchschnitt – während manche Nachbarn in der Oderberger Straße das Dreifache berappen müssen. In der Hausnummer 12 zählt nicht, was man zahlen kann. Hier spricht der „Straßenfeger“-Verein bei der Auswahl von Mietern mit.

Hier leben Obdachlose, Künstler und Alleinerziehende. Es sind Menschen, die beim Wiederaufbau der Wohnungen Anfang der 2000er-Jahre selbst Ziegel und Balken schleppten, um dann in bester Innenstadtlage ein Zuhause zu beziehen, aus dem sie niemand verdrängen kann.

3000 Stunden Arbeit für eine sichere Wohnung

„Fünf Prozent meines Arbeitslebens stecken in diesem Haus“, erzählt Paul Schäffler, ein Bewohner aus dem Hinterhaus. Kurz bevor das Sozialprojekt zustande kam, stand er vor dem Nichts. Kein Job. Keine Bleibe. Aber der gelernte Koch hatte noch zwei kräftige Hände.

Mit denen flieste er 16 Bäder und zwölf Küchen, schleppte den Schutt aus den entkernten Wohnungen – „der stapelte sich im Hinterhof drei Meter hoch“, erinnert sich der Erstmieter. Nach 3000 Arbeitsstunden war das Werk vollbracht. Und Schäffler, ein Mann dessen Gesicht vom abenteuerlichen, oft prekären Leben markante Furchen hat, zog ein.

„Berlin bleibt nie mehr so billig“

Als Weltreisender besuchte er Singapur und die teuersten Metropolen der Welt. „Ich weiß, was auf der Welt gezahlt wird“, sagt Schäffler. „Und ich weiß: Berlin bleibt nie mehr so billig“. Höchstens in sozial verwalteten Häusern wie der Oderberger Straße 12. Hier wird es nie geschehen, dass ein Stammbewohner seine Stube räumt und ein Besserverdiener einzieht. „Es wäre doch absurd, frühere Obdachlose ein zweites Mal auf die Straße zu setzen“, sagt Franziska Sänger, eine Proiektmitarbeiterin des „Straßenfegers“. Im Hinterhaus hat ihr Verein das Belegungsrecht, im Vorderhaus der Bezirk.

Dass die zahlungsschwächsten Berliner bis heute hier heimisch sind, in einer Straße, deren bunt angestrichene Gründerzeitfassaden oft als Symbolbilder in Medienberichten über Mietsteigerung gezeigt werden, liegt an einer Eigentümerin, der Gewinn nicht so wichtig war: Marola Lebeck. Ihrer Entscheidung ist es zu verdanken, dass dieses Haus ab 1999 für 50 Jahre in die Verwaltung des Vereins „Mob“, dem Vorgänger des jetzigen „Straßenfeger“-Vereins überging. Bis heute gilt das Vorhaben als eines der bekanntesten „Selbstbauhelfer“-Projekte dieser Zeit in Berlin.

Sawsan Chebli würdigt die Mäzenin und den Straßenfeger

Lebeck wird den Mietern und Mitarbeitern des Hauses gerne „Mäzenin“ genannt. Sie will aber selbst nicht im Vordergrund stehen, hebt lieber den Kerngedanken des Projekts hervor: Menschen in Not helfen sich selbst und werden dafür belohnt. Beim Festakt am Dienstag, 11. Juni, wird Lebeck, eine Frau im fortgeschrittenen Rentenalter, trotzdem viele Hände schütteln müssen. Zum Festakt des 20. Jubiläums des Wohnprojekts ab 11 Uhr haben sich Sawsan Chebli, die Staatssekretärin für Bürgerschaftliches Engagement, und Barbara John vom Paritätischen Wohlfahrtsverband angesagt, um das Projekt des „Straßenfegers“ und Lebecks Großzügigkeit zu würdigen. Eine neue Ausstellung im Souterrain – hier betreibt der „Straßenfeger“ eine karitative Bar – zeigt den Gästen Fotoaufnahmen des Bildkünstlers Jörg Steinbach vom Leben und Arbeiten in der Oderberger Straße.

Auch Klara Linte, eine Künstlerin und Bewohnerin der ersten Stunde, wird das Glas erheben. Und zuvor noch einmal den Vorgarten herausputzten. Die Pflege der bepflanzten Baumscheibe ist ihr Beitrag für ein heiteres Wohnklima an einem Ort, wo kernige Männer Tür an Tür mit alleinstehenden Frauen leben.

Als Linte Anfang der 2000er-Jahre aus ihrem Atelier in der Schönhauser Allee „heraussaniert wurde“, wie sie es ausdrückt, kam das rettende Angebot in letzter Minute: Eine Atelierwohnung in der Oderberger 12 sicherte sie sich über das damalige Hilfsprogramm „Alleinerziehende Künstlerin mit Mehrbedarf“. Dass sie sich für das Wohl von Pflanzen in ihrer Umgebung einsetzt, schlug sich besonders im Kampf für die Straßenbäume auf der Oderberger Straße nieder. „Als hier vor ein paar Jahren der totale Kahlschlag drohte, gingen wir auf die Barrikaden“, blickt sie zurück. „Da hat sich die rebellische Neigung der Straße vielleicht zum letzten Mal gezeigt“.

Straßenfeger ermuntert Großvermieter zu sozialem Engagement

Aber zumindest die Hausnummer 12 ist bis heute auf der Zubringermeile zum Mauerpark ein „Andersort“. Hier könnte auch für den „Straßenfeger“ das Unmögliche möglich werden. Vielleicht ist dies der Ort, an dem Berlins bekannteste Obdachlosenzeitung nach dem Aus im einem Jahr einen Neuanfang erlebt.

Überlegungen für eine Wiederbelebung des Blatts seien schon intensiv im Gange, verrät Franziska Sänger. Details sind aber noch nicht spruchreif. Hauptaufgabe derzeit ist der Betrieb der vereinseigenen Obdachlosen-Notunterkunft in der Storkower Straße. Von hier aus vermitteln die Helfer auch mögliche Bewohner für eine feste Bleibe im Hinterhaus der Oderberger 12.

Eine Alternative zur Enteignung von Vermietern

Was Sänger Sorge bereitet: Nicht nur Drogenkranke und Menschen mit seelischen Problemen bitten in der Notunterkunft um Hilfe - auch immer mehr Familien und Berufstätige sind betroffen. Wer seine Wohnung aufgeben müsse und bei Besichtigungen keine günstige Schufa-Auskunft vorweisen könne, lande auf der Straße, beobachtet sie. „Wir haben Menschen in unserer Unterkunft, die gehen morgens zur Arbeit und kommen abends zurück zu ihrem Schlafplatz“.

Der Straßenfeger will sein Hausprojekt in der Oderberger Straße auch als wohnungspolitischen Appell verstanden wissen.

In Zeiten, da Rufe nach der Enteignung von Vermietern lauter werden, könne man einen ganz anderen Akzent setzen, meint Sänger. Sie sagt: „Es wäre vielleicht klüger, wenn die Politik von Unternehmen wie der Deutschen Wohnen verlangt, ein bis zwei Prozent der Wohnungen in Erbbaupacht an Vereine zu geben. Dann würden die Unternehmen nicht enteignet – und wir hätten in Berlin mehr soziales Engagement“.