Verkehrswende

Spaziergänger und Radfahrer erobern die Schönhauser Allee

Am 15. Juni wollen Demonstranten Autos für drei Stunden von der Magistrale verdrängen. Doch der Umbau der Straße kommt nicht voran.

Vorwärts nur auf Sohlen: Fußgänger drängen auf der Schönhauser Allee drei Stunden lang die Autos zurück.

Vorwärts nur auf Sohlen: Fußgänger drängen auf der Schönhauser Allee drei Stunden lang die Autos zurück.

Foto: Thomas Schubert

Es sind nur drei Stunden, und es geht nur um einen kleinen Abschnitt einer langen Straße – aber für eine Gruppe von Demonstranten ist das immer noch besser als nirgends und nie. Zum Tag der Verkehrssicherheit am 15. Juni wollen Aktivisten die Schönhauser Allee so umgestalten, wie es in einer visionären Studie aus dem Jahre 2015 einmal vorgesehen war. Im Abschnitt zwischen Stargarder und Wichertstraße gehören die Fahrbahnen in Fahrtrichtung Pankow dann allein den Fußgängern und Radfahrern. Und die einzigen „Kraftfahrzeuge“, die hier von 15 bis 18 Uhr verkehren dürfen, sind nur kniehoch: die Bobbycars von Kindern. Straßenbahnen sind geduldet –aber nur im Schritttempo. Titel der Aktion: „Fußgängerparadies Schönhauser“.

Sperrung der Friedrichstraße als Vorbild

Mit bis zu 500 Teilnehmern rechnet die Initiative „Stadt für Menschen“ als Veranstalter der Demonstration. Für so viele Teilnehmer hat man jedenfalls die Kundgebung angemeldet, berichtet Sprecherin Oda Hassepaß. Die Zielsetzung beschreibt sie so: „Wir wollen zeigen, wie schön, sozial und grün die Schönhauser Allee sein könnte – wie entspannt es dort unter anderen Bedingungen für alle Menschen wäre. Wie viel gerechter, entspannter, schöner“.

Aufmerksamkeit erregte die Initiative bisher vor allem mit der Vollsperrung der Friedrichstraße im vergangenen Dezember, als Passanten den Einkaufsboulevard in Besitz nahmen. Im Laufe der Sommerferien soll die Friedrichstraße sogar wochenlang gesperrt sein – weil Verkehrssenatorin Regine Günther (parteilos, für Grüne) den Vorstoß von „Stadt für Menschen“ aufgreifen will.

Im Falle der Schönhauser Allee soll die Sperrung, die von derselben Initiative angemeldet wurde, allerdings wirken wie ein Weckruf. Zum Programm gehört neben musikalischen Einlagen und einer „Speakers Corner“ zum Thema Verkehrspolitik auch das Gedenken an die Verkehrstoten der letzten Monate und eine Performance. Dabei geht es darum, einen Teppich auszurollen, der als vollwertiger Radweg dienen soll. „Wir demonstrieren, wie gut man vorankommen könnte, wenn dieser Weg auf einer der Fahrspuren der Schönhauser Allee entlang führen könnte“, sagt Hassepaß.

Kleine Lösung für die Umgestaltung in Prüfung

Obwohl genau das im Umbauplan für die Magistrale im Koalitionsvertrag der rot-rot-grünen Landesregierung festgehalten ist, ließ die Senatsverkehrsverwaltung das Verfahren im Sommer 2017 ruhen. Gutachter hatte davor gewarnt, dass die Streichung einer Fahrspur für Autos zu massiven Verkehrsbelastungen auf anderen Straßen führen würde. Deshalb beschloss die Bezirksverordnetenversammlung Pankow die Planung einer Alternativlösung. Die sieht vor, die Fahrbahnen unverändert zu lassen und den Radweg dorthin zu verlegen, wo sich jetzt die Parkplätze befinden. Damit soll es doch noch möglich sein, dem motorisierten Verkehr Platz wegzunehmen und ihn Radfahrern zu übergeben. Dieser Vorschlag befindet sich seit Herbst 2018 Prüfung. Ein Zeitpunkt der Umsetzung? Unbekannt.

Geschützte Radspur mit Pollern als Alternative?

Die Senatsverkehrsverwaltung konnte am Montag auf Anfrage nicht beantworten, wie die Prüfung des Vorschlags ausfällt. Und der zuständige Stadtrat in Pankow, Vollrad Kuhn, verweist darauf, dass er ebenfalls auf ein Ergebnis wartet.

„Als Bezirk haben wir dafür Planungsparameter geliefert“, teilt Kuhn mit. Untersucht werde jetzt die Einrichtung einer „Protected Bike Lane“, also eines Radwegs, der mit Pollern von anderen Fahrspuren abgetrennt ist.

Von der einstigen Studie des Büros Gehl-Architects, die einen noch radikaleren Umbau vorschlug als die Regierungskoalition in ihren Vertrag schrieb, ist die Schönhauser Allee so weit entfernt, dass kein verantwortlicher Verkehrspolitiker mehr davon spricht. Vorgesehen war war laut Gehl, dass die Schönhauser Allee auf der östlichen Seite komplett autofrei sein soll. Genau das greifen nun also die Demonstranten jetzt auf. Während Politiker um einen Kompromiss ringen, wollen sie die Maximallösung präsentieren.

Initiative sieht Parklets ohne Straßenumbau als unsinnig an

Als einziger Boten der Verkehrswende auf der Schönhauser Allee besetzen derzeit vier hölzerne Parklets jeweils den Raum von zwei Parkplätzen. Bisher dienten zwei der vier Stadtmöbel als Fahrradgaragen – ab diesem Sommer sollen alle vier mit Sitzlandschaften ausgerüstet werden, wie man sie aus der Begegnungszone Bergmannstraße in Kreuzberg kennt. Aber die Ansichten über die Stadtmöbel gehen auseinander: Der Senat hält an den „Multifunktionstools“ fest. „Ohne andere Umbaumaßnahmen machen die Parklets wenig Sinn“, heißt es hingegen bei „Stadt für Menschen.“ Wer die Parklets erreichen will, muss zuerst den alten Radweg auf dem Bürgersteig überqueren und aufpassen, dass er keinen Zusammenstoß provoziert. Deshalb werden Fußgänger und Radfahrer inzwischen mit Warnzeichen, die auf dem Boden kleben, voreinander gewarnt.

Während der Umbau der Schönhauser Allee ruht, ist die BVG bei der Neuaufteilung von Verkehrsflächen schon weiter. Noch vor dem Tag der Verkehrssicherheit am 15. Juni soll auf dem bisherigen Parkplatz an der Greifenhagener Straße ein so genannter Mobilitäts-Hub entstehen, wie die BVG mitteilt. Dabei handelt es sich um eine Basis von mehreren Charing-Diensten für Autos, Fahrräder und Elektroroller. Künftig lassen sich die Angebote der verschiedenen Anbieter zentral über die BVG-App „Jelbi“ buchen. Aber wer sich nach dem Umstieg aus der Bahn am Hub ein Fahrrad leiht, findet auf der Schönhauser Allee alles beim alten: Der Radweg liegt als schmaler, buckeliger Pfad auf dem Bürgersteig. Und die Verkehrsplaner, die das ändern wollten – sie prüfen weiter.