Verkehrsberuhigung

Nach sechs Jahren Kampf: Fahrradstraße am Schlosspark kommt

Erst ein zäher Prüfprozess, dann ein plötzlicher Beschluss: Pankower Eltern feiern die Verkehrsberuhigung an der Ossietzkystraße.

Vom Ausnahme- zum Dauerzustand: Auf der Ossietzkystraße erhalten Radfahrer nicht nur bei Protestfahrten Vorrang.

Vom Ausnahme- zum Dauerzustand: Auf der Ossietzkystraße erhalten Radfahrer nicht nur bei Protestfahrten Vorrang.

Foto: Thomas Schubert

Berlin.  Ein Fahrradkorso im strömenden Regen, ein Sitzstreik mitten auf der Straße und fast sechs Jahre lang nachbohren bei der Verwaltung: Nach all diesen Mühen ist eine Initiative um die Pankower Mutter Katrin Gruner plötzlich am Ziel. Die Ossietzkystraße, der wichtigste Korridor zwischen den Wohngebieten rund ums Schloss Schönhausen und dem Bahnhof Pankow, wird tatsächlich zur Fahrradstraße – noch in diesem Jahr.

n Kürze sind also nur nur noch die Autos der Anwohner geduldet. Ansonsten gilt: Vorrang für den Radverkehr. Der Herzenswunsch von Katrin Gruner und ihrer Mitstreiter, er wird erfüllt. Lange mussten sie sich bürokratische Einwände anhören, warum die Fahrradstraße trotz eines politischen Beschlusses nicht umzusetzen sei.

Teure Verkehrszählung ist überflüssig

Aber auf einmal sind die Hinderungsgründe, die das Bezirksamt immer wieder nannte, nicht mehr da. Der Grund: Ein Rundschreiben der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz. Dieses Papier brachte den zuständigen Stadtrat Vollrad Kuhn (Grüne) zum Schluss, dass eine teure und aufwändige Verkehrszählung vor der Ausweisung einer Fahrradstraße nicht mehr nötig ist. „Die rechtliche Grundvoraussetzung zur Umwandlung in eine Fahrradstraße besteht laut des Schreibens darin, dass der prognostizierte Radverkehr nach der Realisierung der Maßnahme die überwiegende Verkehrsform sein wird.

Erst nach der Umsetzung muss dann regelmäßig überprüft werden, ob diese Prognose zutrifft“, lässt Kuhn mitteilen. Bislang war man in seiner Abteilung davon ausgegangen, dass die Verkehrszählung auf jeden Fall vorher stattfinden muss. Und dass sie das Budget des Bezirksamts sprengen würde. Nun also ist diese Befürchtung entkräftet. Dass die Vorabzählung unnötig ist, wird außerdem durch eine Erläuterung des Bundesverkehrsministeriums bestätigt.

Berlin-Usedom-Radweg führt durch Pankow

Auch sonst gibt es gute Gründe, die Fahrradstraße umzusetzen. Denn laut Senatsverkehrsverwaltung umfasst das Radroutennetz für den Bezirk Pankow den fraglichen südlichen Teilabschnitt der Ossietzkystraße. Es handle sich um einen Teil des Berlin-Usedom-Radwegs. Ebenso gehört ein Teilabschnitt des Majakowski-Rings, die Stille-Straße und der Güllweg zum Radroutenergänzungsnetz. „Dies hebt die besondere Bedeutung dieses Streckenzugs für den Radverkehr hervor und lässt die begründete Annahme zu, dass der Radverkehr nach Umsetzung der Maßnahme die vorherrschende Verkehrsart sein wird“, meint Kuhn.

Gehwegvorstreckungen für Fußgänger geplant

Nach dieser Neueinschätzung wolle man „in einem möglichst kurzen Prozess“ die Ossietzkystraße und auch den gesamten Streckenzug Majakowskiring, Stille Straße und Güllweg in eine Fahrradstraße umwandeln. Zur Erhöhung der Sicherheit für Fußgänger werden an den Knotenpunkten Ossietzkystraße und Parkstraße sowie an der Ecke Ossietzkystraße und Wolfshagener Straße die Fahrbahnen eingeengt. Gehwegvorstreckungen nennt sich das im Planerdeutsch.

Initiative fordert nun Tempo 10 und Poller

Und die Initiative vom Schlosspark? Sie feiert ihren Erfolg. Und will noch mehr. „Es braucht flankierende Maßnahmen, die den Durchgangsverkehr wirksam reduzieren“, fordert Gruner. Sie sagt: „Die angekündigten Gehwegvorstreckungen für Fußgänger in der Ossietzkystraße alleine reichen nicht aus. Es müssen alle Abschnitte des ‚Schleichwegs’ für Durchfahrer so unattraktiv gemacht werden, dass es für diese keinen Zeitgewinn und somit keinen Grund mehr für das Abkürzen durch den Kiez gibt“.

Als mögliche Maßnahmen zählt sie folgende auf: Geschwindigkeitsbeschränkung auf 10 km/h, Poller auf Kreuzungen und versetzte Parkbuchten. Davon abgesehen sieht Gruner die neue Fahrradstraße als wichtigen Schritt. „Für uns kam der Beschluss der Realisierung so überraschend, wie für alle anderen auch. Nach sechs Jahren fühlen wir uns endlich gehört. Aber keinen Tag zu früh. Denn jeder weiterer Unfall oder Beinahe-Unfall ist einer zu viel und muss verhindert werden“.

Pankow wird Spitzenreiter bei Fahrradstraßen

Trotz der neuen Zusatzforderungen der Anwohner sehen die Pankower Grünen das Maßnahmenpaket ihres Stadtrats als einen unerwarteten Durchbruch an. „Besonders der Wegfall des starken Umgehungsverkehrs wird sich bemerkbar machen. Mein Dank gilt der konstruktiven Kritik der Pankower Zivilgesellschaft, die dazu geführt hat, dass das Bezirksamt den Sachverhalt noch einmal geprüft und auf Grundlage eines neuen Rundschreibens der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz neu bewerten konnte“, sagt die Fraktionsvorsitzende Cordelia Koch.

Zusammen mit der Gleimstraße, die ebenfalls in Kürze zur Fahrradstraße umgewandelt wird, und den schon bestehenden Fahrradstraßen in der Choriner Straße, Norweger Straße und Schwedter Straße würde Pankow damit insgesamt fünf Fahrradstraßen besitzen – und wäre dann Spitzenreiter in Berlin.